Welches Wachstum wollen wir?
publiziert: Mittwoch, 30. Mrz 2016 / 16:00 Uhr

Derzeit findet die vierte Nachhaltigkeitswoche an fünf Zürcher Hochschulen statt. Für jeden Tag halten die Organisatoren eine zentrale Forderung bereit - die vom Montag lautet: Mehr wachstumskritische Wirtschaftstheorien zu lehren und erforschen. An einem Podium zum Thema diskutierten Fachleute darüber, ob Wachstum erstrebenswert sei.

Es ist Montagabend, das Podium zum Auftakt der Nachhaltigkeitswoche lockt mit einer Diskussion über «unendliches Wirtschaftswachstum auf einem endlichen Planeten», und ich staune nicht schlecht, denn das Auditorium der Uni Zürich ist fast bis auf den letzten Platz voll. Das Thema und die verwandte Forderung der Organisatoren nach mehr Wachstumskritik in Lehre und Forschung beschäftigen uns Hochschulangehörige offenbar gehörig. Das liegt vielleicht auch daran, dass das Podium hochkarätig besetzt ist: Matthias Schmelzer forscht an der Uni Zürich zu Wirtschaftsgeschichte; Irmi Seidl lehrt Ökologische Ökonomik an der WSL und ETH und hat für diesen Blog auch schon Beiträge über Wachstum verfasst; Lucas Bretschger ist Professor für Ressourcenökonomie an der ETH; und Rudolf Minsch ist Chefökonom von Economiesuisse.

Ich habe folgende drei Fragen fürs Podium mitgebracht:
Was bedeutet Wirtschaftswachstum (und was nicht)?
Wie wichtig ist Wachstum (und für was)?
Wie sähe unsere Gesellschaft ohne Wachstum aus?

Was also bedeutet Wachstum?

Im ökonomischen Kontext ist damit meist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemeint, also wie viel eine Gesellschaft erwirtschaftet. Doch was wächst, wenn die Wirtschaft wächst? Schon darüber gehen die Meinungen auseinander. Denn um Wachstum zu erfassen, sind verschiedene Indikatoren wichtig. Rudolf Minsch streicht heraus, dass es der Schweizer Wirtschaft als einer der wenigen weltweit gelang, in den letzten Jahren zwar zu wachsen, aber nicht mehr CO2 zu verursachen. Wachstum müsse folglich nicht automatisch die Umwelt stärker belasten. Matthias Schmelzer gibt zu bedenken, dass wir Schweizer einen grossen Teil der konsumierten Produkte und Dienstleistungen importierten, und ergo die grösste Umweltbelastung im Ausland anfalle.

Für Irmi Seidl steht fest, dass das Wachstum in der Schweiz anderswo erfolge, nämlich in der Fläche durch die Zersiedelung mit all ihren ökologischen und gesellschaftlichen Kosten. Hier hakt Lucas Bretschger ein und unterscheidet zwischen quantitativem Wachstum - also mehr vom gleichen, zum Beispiel immer mehr Wohnfläche pro Person - und qualitativem Wachstum - Dinge, die uns mehr bringen. Dazu zählt er klassische Konsumprodukte, aber auch immaterielle Güter wie Freizeit oder gute Nachbarschaft. Seidl erwidert, der Begriff töne gut, aber sei letztlich nicht klar definiert.

Mein erstes Fazit: Wachstum schlicht mit dem BIP gleichzusetzten, greift zu kurz. Was zusätzlich mitberücksichtigt werden soll, ist aber umstritten. Sinnvoll wäre, möglichst auch schwierig messbare Kriterien (wie persönliches Glück, gesellschaftliche Entwicklung oder die Umweltqualität) zu betrachten, denn genau auf diese Variablen kommt es an, wenn wir uns überlegen, ob wir Wachstum anstreben möchten oder nicht.

Wofür ist Wachstum nun wichtig?

Die Menschheit hat die längste Zeit ohne substantielles Wachstum gelebt. Erst in den letzten rund 200 Jahren wurde Wachstum im Zuge der Industrialisierung zum zentralen Prozess, an den sich die entwickelten Gesellschaften gewöhnt haben: Unser Renten- und Gesundheitssystem, die Konsumindustrie sowie der gesamte Banken- und Finanzsektor sind systembedingt wachstumsabhängig. Irmi Seidl ist dennoch überzeugt, dass die Gesellschaft auch ohne Wachstum auskommen kann. Dies auch weil in reichen westlichen Ländern Wohlstand und Glück der Menschen schon lange nicht mehr korrelierten. Schmelzer fügt Indien als weiteres Beispiel an, ein Land mit hohem Wachstum, aber wenig Entwicklung. Zudem sei die Frage nach der Verteilung ebenso wichtig, sagt er.

Rudolf Minsch hält wiederum fest, dass das Geld nun mal nicht vom Himmel falle. Wenn die Wirtschaft wachse, nähmen die Steuereinnahmen zu, und damit liessen sich Bildung, Gesundheit, soziale Sicherheit und mehr finanzieren. Seidl und Schmelzer entgegnen prompt, dass dies genau den Kern des Problems treffe, dass nämlich wesentliche Teile unserer Gesellschaft nur dann funktionierten, wenn die Wirtschaft wachse. Auch für Lucas Bretschger ist Wachstum nicht zwingend. Am Ende des Tages sei entscheidend, dass sich die Gesellschaft und damit wir alle darüber im Klaren sind, was wir wollen, und entsprechend danach handeln.
Mein zweites Fazit: Wir sind nun an einem Punkt, wo wir uns entscheiden können oder - je nach Haltung - müssen, ob wir weiterhin auf Wachstum setzen wollen. Wenn nicht, hiesse das aber auch, dass wir unser Wirtschaftssystem radikal umbauen müssten.

Gesellschaft ohne Wachstum?

Kein Wachstum bedeute viel Unsicherheit, und Unsicherheit in den Märkten sei immer ein Problem, führt Lucas Bretschger am Beispiel des Energiesektors aus. Rudolf Minsch denkt, dass die Unternehmen gewisse Stellen wegrationalisieren und sich noch stärker auf hohe Wertschöpfung und Qualität konzentrieren würden. Er glaube aber grundsätzlich nicht, dass die Menschen aufhörten, nach einem besseren Leben zu streben und darum neue und bessere Produkte zu wollen.

Matthias Schmelzer sagt, dass er genau das Gegenteil beobachte. Zahlreiche Bewegungen probierten Neues aus, konsumierten bescheiden und könnten sich darum ein reduziertes Arbeitspensum leisten. Auch für Irmi Seidl ist die Arbeit ein zentraler Punkt. Nur eine Verkürzung der Arbeitszeit stelle sicher, dass jede und jeder von einer Erwerbsarbeit leben kann, wenn insgesamt weniger produziert wird.

Mein drittes Fazit: Die Kritik am Wachstum wächst, und damit das Interesse an Perspektiven einer Wirtschaft ohne Wachstumsparadigma. Leider fehlt es mir hier an konkreten Vorschlägen, zum Beispiel wie man die Altersvorsorge umorganisieren müsste. Wie eine «Postwachstumsgesellschaft» genau beschaffen wäre, bleibt darum auch nach der Diskussion etwas diffus.

Für mich steht damit fest, dass ich noch an weitere Anlässe der Nachhaltigkeitswoche gehe, denn gewisse Aspekte tauchen nochmals auf. Das Programm ist auf jeden Fall sehr einladend.

(Raphael Fuhrer/ETH-Zukunftsblog)

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