Weniger Dylan, mehr Atmosphäre
publiziert: Donnerstag, 8. Apr 2010 / 16:40 Uhr

Als Mensch schwankt sie zwischen scheu und hemmungslos: Die Zürcherin Sophie Hunger. Auf ihrem neuen Album zeigt sie sich überraschend konsequent.

Zielstrebig: Mit dem neuen Album geht Sophie Hunger einen weiteren Schritt nach vorne.
Zielstrebig: Mit dem neuen Album geht Sophie Hunger einen weiteren Schritt nach vorne.
Keine Schweizer Musikerin erlangte in den letzten Monaten so viel Aufmerksamkeit wie Sophie Hunger. Ihr Album «Monday's Ghost» erreichte die Spitze der Hitparade, die Konzertsäle werden immer grösser und sogar das Ausland hört inzwischen aufmerksam hin: In Deutschland werden ihr ganze TV-Beiträge gewidmet, in Frankreich tritt sie zur Hauptsendezeit in bekannten Musikshows auf. Jetzt kommt der Schritt zurück in die Vergangenheit:  «1983» - das Geburtsjahr von Hunger und gleichzeitig der Titel von ihrem neuen Album. Die 26-jährige Zürcherin ist bereit für den nächsten musikalischen Rundumschlag. 

Eines der wichtigsten Merkmale rund um die Begeisterung von Sophie Hunger: Sie lässt niemanden kalt. Ihre Musik nicht und erst recht nicht ihre Person. Verschiedene Interviewer und Personen aus ihrem weiteren Umfeld attestieren ihr einen «sehr eigenen Charakter».  Auf und neben der Bühne wirkt sie scheu und in sich gekehrt. Im nächsten Moment aufbrausend und unberechenbar. «Natürlich bin ich scheu, genauso kann ich aber hemmungslos und übermütig sein», sagt Hunger über sich selbst. Es ist nicht nur ihre Musik, die Feuilleton-Journalisten zu Lobeshymnen hinreissen lässt. Nicht selten berichten Menschen über ihre Konzerte, von denen sie sich eigenartig verzaubert fühlten. Auf der Bühne gibt Sophie Hunger alles. Und wer viel gibt, bekommt auch viel zurück. Nicht nur positives: «grässlich nervtötend» oder «auf den Mond schiessen» - dies Statements von Bloggern, denen die knisternde Intensität ihrer Musik zu viel geworden ist.


Die Geschmacksfrage für einmal ausser Acht gelassen: Wer genau hinhört, wird sie finden - die speziellen Momente in Sophie Hungers Musik. Den «Protest Song» der aus purer Melancholie die Kraft schöpft, «The Tourist» - ein vertonter Sturm und Drang oder den Walzer, den sie eigentlich für niemanden schrieb, nun aber doch alle mögen. Der Geist der letzten Platte hallt noch lange nach und verschaffte ihr soeben Gold für 30'000 verkaufte Einheiten. Bald werdens noch mehr sein. Das Album «1983» ist zu perfekt getimet, als dass es unbeachtet bleiben könnte. Wer sich vom Plattencover, auf dem sie sich selbst und uns bedroht, nicht abschrecken lässt, der wird diese goldigen Momente wieder finden. Viel Geduld braucht es dafür nicht: Gleich der Eröffnungsgospel «Leave me with the Monkeys» gibt mit seiner Reduziertheit den Takt der Platte vor. Warme Gitarrenklänge sind es diesmal weniger. Es scheint, als hätte sie dem inneren Dylan ein wenig abgeschworen. Dafür gibt es neu elektronische Klänge und sphärische Ruhepausen, die der wandelbaren Stimme Hungers neuen Raum verschaffen.

Musikalische Konsequenz

Überhaupt scheint die Platte fokussierter und selbstbewusster als ihr letztes Werk. «Monday's Ghost» erinnerte manchmal an die Vertonung einer überbordenden Ideenflut - jeder Song ein eigener Streich, was nicht zur Geschlossenheit der Platte beitrug. Manchmal erwischte man sich  beim Drücken der Skiptaste, um zu den genialsten Stellen zu gelangen. «1983» ist konsequenter. Die Magie ist dezenter, vielleicht aber nachhaltiger. Da erträgt es auch eine Coverversion, welche die Platte in der Mitte zu entzweien droht. Auch wenn diese nicht an die Intensität des Originals erreicht: Der Chanson «Le vent nous portera» fügt sich mit seinem ruhig-treibenden Charakter sehr gut in die Grundstimmung des Albums ein. Und ob das Ganze auch Live funktioniert, davon kann man sich am 7. April im Zürcher Volkshaus überzeugen.

(Martin Sturzenegger)

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