Sozialarbeiterin oder Hure?
Wenn Deutschsprachige Englisch erfinden
publiziert: Freitag, 3. Jan 2014 / 08:41 Uhr
Der erfolgreichste Pseudoanglizismus ist «Handy».
Der erfolgreichste Pseudoanglizismus ist «Handy».

Deutschsprachige kennen viele englische Vokabeln. Manchmal mehr als Engländer oder Amerikaner: Denn das Deutsche ist voll von englischen Ausdrücken, die in den USA oder Grossbritannien kein Mensch kennt.

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Die Touristin aus Oldenburg verstand die Welt nicht mehr. Eine Baseballmütze wollte sie, und wieder und wieder fragte sie den Verkäufer in Manhattan nach einem "Basecap". Doch der guckte sie nur fragend an. Ja, redete denn der Amerikaner kein Englisch? Doch, tat er. Sie aber nicht - zumindest nicht beim entscheidenden Wort.

"Basecap" ist ein typisches englisches Wort, das gar kein Englisch ist - eines in einer ganzen Reihe von vermeintlich englischen Wörtern, die nur Deutschsprachige kennen.

Sprachpuristen ärgern sich über diese Begriffe, die in die Rubrik Pseudoanglizismus fallen. Oldtimer und Happy End, Beamer und eben Basecap - so etwas gibt es im Englischen gar nicht, oder es bedeutet etwas völlig anderes. "Beamer" ist Slang für BMW. Der Projektor heisst in den USA schlicht "Projector". Und Basecap ist eine Zierleiste, die es im Baumarkt gibt.

"Arschkriecherei"

Das erfolgreichste Wort dieser Art ist "Handy". Der englische Unterhalter Stephen Fry bringt auf der Insel immer noch Menschen zum Lachen, in dem er auf Deutsch fragt "Wo ist mein Handy?". Deutsche gucken verwirrt. Was ist daran denn falsch?

"Viele Deutschsprachige haben das Bedürfnis, zur Benennung der Welt nicht ihre eigene Sprache, sondern die ihrer Kolonialherren zu verwenden", poltert der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer.

"Die Londoner 'Times' hat das einmal als 'linguistic submissiveness' (sprachliche Unterwürfigkeit) bezeichnet. Wenn man bösartig wäre, könnte man auch Arschkriecherei sagen. (...) Für viele ist ihr Denglisch eine Art selbstgemachter Kosmopolitenausweis nach dem Motto 'Lieber ein halber Ami als ein ganzer Nazi'".

Aus Leiche wird Vergnügen

Dabei können die vermeintlich englischen Wörter zuweilen für grosse Verwirrung sorgen. Millionen Deutsche amüsieren sich beim Public Viewing? In Amerika ist Public Viewing die Aufbahrung von Leichen im offenen Sarg. Da passt der "Body Bag" - ein Begriff, mit dem ein Händler ernsthaft einen Rucksack anpries: In den USA ist das schlicht ein Leichensack.

"Viele Pseudoanglizismen sind so integriert, dass man sie gar nicht mehr sieht", sagt der Sprachwissenschaftler Joachim Grzega. "'Showmaster' wurde von Rudi Carrell erfunden, 'zappen' kennen nur wir Deutschen, aber der 'Home Trainer' hat es sogar ins Niederländische geschafft." Andere könnten dies allerdings auch: Franzosen und Italiener etwa sagten "Footing" zu dem, was auf gut Deutsch "Jogging" heisst.

Die Schuldigen sieht Grzega in der Werbung. "Da haben uns Leute klipp und klar gesagt: Uns ist egal, ob das Quatsch ist, aber es klingt cool."

Sozialarbeiterin oder Hure?

"Ich war sehr verwirrt, als ich meine Schüler nach ihren Berufen fragte", erzählt Cindy Grant. Die New Yorkerin gibt in Kassel einen Erwachsenenkurs für Englisch, und eine Schülerin sagte stolz, dass sie Streetworkerin sei. In Amerika ist das fast gleich klingende Streetwalker die Umschreibung für eine Prostituierte.

Auf Grants verwirrten Blick hin sagte die Sozialarbeiterin stolz, dass der Job ihr ganzes Leben sei und sie ihn mit voller Hingabe den ganzen Tag mache. "Ich dachte erst, wow, dass die Europäer da offener sind, wusste ich, aber das... wow!" Erst ein Mitschüler mit Amerikaerfahrung löste das Missverständnis.

(ig/sda)

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