Wenn Leichen Kinder gebären
publiziert: Mittwoch, 22. Jun 2011 / 08:52 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 22. Jun 2011 / 09:29 Uhr
Willkommen auf der Welt, Kleines... dein Mami? Längst tot und begraben! (Symbolbild)
Willkommen auf der Welt, Kleines... dein Mami? Längst tot und begraben! (Symbolbild)

Vor zwei Jahren starb eine Israelin an Krebs. Jetzt ist sie quasi im Zombiestadium nochmals Mutter geworden. Eine Leihmutter hat den Tiefkühl-Embryo ausgetragen.

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Nach einem schweren Kampf mit der israelischen Staatsanwaltschaft konnte der Witwer Nisim Ajasch zwei Embryos seiner verstorbenen Frau einer Leihmutter einpflanzen lassen. Die israelische Organisation New Family überzeugte den Staat Israel, dass der Vater auf die Embryos ein Recht hat, denn - so die juristische Argumentation - stammten 50 Prozent des genetischen Materials von ihm.

Seit Jahren weisen namhafte Menschen auf den völlig welt- und menschenfremden Umgang der Wissenschaftler plus beteiligter Eltern im Hinblick auf die Reproduktionstechnik hin. Dass eine Tote, zwei Jahre nach ihrem Verscheiden, ein Kind zur Welt bringen kann, zeigt nun eine Qualität, die jeder Reproduktionstechnik innewohnt. Es ist die Möglichkeit, aus Leichen Leben zu erschaffen.

Damit sind wir alle als Menschen der Fixierung unseres Leben als ausschliesslichem Reproduktionsapparat näher gerückt. Wenn wir selbst als Leichen fähig sind, künftige Generationen mit unseren Substanzen zu bestimmen, dann wird diese Leichenobsession bis in die Ewigkeit weitergegeben. Mehr und mehr verschieben sich traditionelle Familien-Herkunftsgeschichten in ein materielles, zeitlich mehr und mehr unbeschränktes Weiterreichen biologischer Eckwerte.

An der Geschichte erschreckt, dass über solche weitreichenden Veränderungen punkto Menschenbild, punkto gemeinsames Zusammenleben von Menschen, punkto künftiger Generationen, kaum eine Diskussion stattfindet. Jeder Staat wurstelt vor sich hin, als ob die technischen «Errungenschaften» national eingrenzbar wären. Dabei ist die globale Ausdehnung der technischen Zauberlehrlinge längst eine Tatsache, die labormässig still uns Menschen als Menschen gestaltet, ohne dass wir als Menschen hierzu wenigstens ein Wörtchen mitreden und sei es nur, um ein grosses, dafür lautes Unbehagen über die Konsequenzen ausdrücken zu können. Denn der israelische Entscheid, einer Leiche das Recht auf Geburt zuzugestehen, hat weitreichende Konsequenzen für die gegenwärtigen und künftigen Generationen.

Sie fragen: Was ist denn so schlimm daran, wenn eine Leiche ein Kind produziert? Sie haben recht. Zumal die Leiche ja nur eine Eizelle gespendet hat und mit einem Samen vereinigt, dessen Zellergebnis dann zwei Jahre eingefroren wurde. Ich hoffe wirklich inbrünstig, dass Embryos nichts spüren. Dass sie wirklich nur Zellklumpen sind, wie uns stichhaltig versichert wird. Dass sich die Wissenschaftler nicht wie bei Fukushima sich irgendwie verrechnet haben. Denn die Vorstellung, irgendwie während Jahren als Idee in einer Gefriertruhe im Nicht-Leben festgehalten werden, hat echt was zombiehaftes, igitt.

Doch mal abgesehen vom gefühlslosen Embryo, wie steht es mit der Fixierung des von einer Leiche gezeugten Menschen? Von Adoptivkindern weiss man, dass sie von der Suche nach ihrer «wahren» Mutter und ihrem «wahren» Vater geradezu besessen sein können. Wie wird es wohl künftigen Leichenkindern gehen, die sich auf die Suche nach ihrer biologischen Herkunft machen, die ja im Zeitgeist eine Übermacht in der Identitätsdefinition erlebt?

Was hält die Wissenschaftler in Zukunft eigentlich davon ab, eine junge Frau, die früh verstorben ist, solange im Tiefkühlraum aufzubewahren bis ein geeigneter Samenspender gefunden wird, der ihren Eizellen zu neuem Leben verhilft? Die Eltern der verstorbenen jungen Frau könnten argumentieren, dass sie ein Recht auf Enkel hätten, schliesslich gehöre ja ein wichtiger Teil des genetischen Materials der Tochter ihnen. Oder was hindert eigentlich einen Staat daran, seinen jungen Männern vorsorglich ein paar Milliliter Samen abzutrotzen, damit nationales Erbmaterial für die Zukunft geschützt und aufbewahrt werden kann?

Nichts. Die Wissenschaft hat sich als Zauberlehrling längst so emanzipiert, dass sie unveränderbare Leichengeister produziert. Wir alle überlassen den Naturwissenschaftlern durch ihr Eingreifen in die Natur die Grundlagen der Aufklärung aus der Welt zu schaffen, u.a. die Freiheit jeder Generation, ihr Geschick gemeinsam und als mündige Menschen selber zu bestimmen. Mit der materiellen Fixierung eines von Mündigkeit, Freiheit und Gleichheit entfernten Menschenbildes machen die Wissenschaftler mehr Herrschaft und Politik als jeder Staatsmann. Damit haben sich die Wissenschaftler, unentdeckt von einer kritischen und politischen Öffentlichkeit, zur grössten Macht-erzeugenden Gruppierung entwickelt, die wir je in der Menschheitsgeschichte gesehen haben. Ob wir diese Gruppierung als Menschen so wie bisher alle Revolutionen und Kriege überleben, sei hier mal ganz kurz als offene Frage formuliert.

Angesichts der Leichengeburten der sterilen Wissenschaftler ist nach einem rechtlichen Weg zu suchen, künftige Menschen vor dem Eingriff des Staates, der Medizin und der Wirtschaft an und in ihrem Körper zu schützen. Darum wird es in Zukunft gehen. Die Unantastbarkeit der menschlichen Würde der jetzigen sowie der künftigen Generationen darf nicht einer homogenisierten Forschungskommission überlassen werden. Doch genau das passiert.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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