Hundertstelsekunden
Wenn die Zeitmessung zu präzise wird
publiziert: Freitag, 27. Jul 2012 / 09:55 Uhr / aktualisiert: Freitag, 27. Jul 2012 / 10:26 Uhr
Eine Wertung in Tausendstelsekunden könnte im Schwimmsport zu effektiven Ungerechtigkeiten führen.
Eine Wertung in Tausendstelsekunden könnte im Schwimmsport zu effektiven Ungerechtigkeiten führen.

Wenn morgen die olympischen Schwimmwettkämpfe beginnen, werden Hundertstelsekunden über Gold, Silber und Bronze entscheiden. Eine feinere Auswertung wäre nicht im Sinne des Sports - wenngleich der Zeitnehmer Omega die Zeiten auf Zehntausendstel genau erfassen kann.

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Das Duell des amerikanischen Megastars Michael Phelps mit dem streitbaren Serben Milorad Cavic war einer der unvergesslichen Höhepunkte der Sommerspiele 2008 in Peking. Phelps schlug über 100 Meter Delfin in Weltrekordzeit eine Hundertstelsekunde «früher» an als Cavic und gewann eine weitere seiner acht Goldmedaillen. Cavic war überzeugt, dass er die Anschlagmatte vor Phelps touchiert hatte. Er witterte gar eine Verschwörung. Phelps ist einer der Weltklasse-Athleten, die der Schweizer Zeitmesser Omega als Werbebotschafter unter Vertrag hat.

In Wahrheit ist die Technologie der Zeitmessung so weit fortgeschritten, dass Irrtümer und Fehlentscheide so gut wie ausgeschlossen sind. An den Sommerspielen in London erst recht. Peter Hürzeler, Manager von Omega Timing, gewährte Medienvertretern aus aller Welt einen Einblick in die Datenerfassung im Aquatics Centre, in dem über 17'000 Zuschauer die Schwimmwettbewerbe verfolgen werden. Strittige Entscheidungen wie jene zwischen Phelps und Cavic können jederzeit mit schlüssigen Bildern plausibel gemacht werden. Denn senkrecht über dem Startblock jeder Bahn hängt eine Kamera, die hundert Bilder pro Sekunde produziert. Wer nun die Matte als Erster berührt, wird also nicht nur aus den Leuchtziffern hervorgehen, sondern sofort auch aus der Slowmotion ersichtlich sein.

Die Schwimmer sind, wie Hürzeler es formuliert, «die einzigen Sportler, die ihre Zeit selber stoppen». Sie tun es, sobald die Matte bei der Berührung einen Druck von zwei Kilogramm spürt. Die Athleten müssen beim Anschlagen keineswegs «zielen» und einen bestimmten Punkt treffen. Die einzelne Matte misst 240 mal 90 Zentimeter und ist an jeder Stelle gleich sensibel. In London werden die Zuschauer im Stadion erstmals sofort erkennen können, wer welche Medaillen gewonnen hat. Am Startblock der Glücklichen werden eine beziehungsweise zwei oder drei rote Lampen aufleuchten.

Ungerechtigkeiten beim Schwimmsport

Eine Wertung in Tausendstelsekunden könnte im Schwimmsport zu effektiven Ungerechtigkeiten führen. Dies deshalb, weil allein schon mit dem Bau des Bassins nicht garantiert werden kann, dass es nicht minimale Unterschiede zwischen den Bahnen gibt. Da sich selbst die schnellsten Schwimmer im trägen Element Wasser nur im Tempo eines leichten Laufschritts bewegen können, würde eine Tausendstelsekunde beim Anschlagen weniger als zwei Millimeter ausmachen. Mit Tausendsteln zu messen wäre laut Hürzeler nur sinnvoll, wenn alle auf der gleichen Bahn schwimmen würden.

Der unvermeidbaren Ungenauigkeiten war man sich 1972 noch nicht bewusst gewesen. Im Final über 400 Meter Lagen schlugen der Schwede Gunnar Larsson und der Amerikaner Tim McKee in 4:31,98 an. Larsson wurden schliesslich 4:31,981 und die Goldmedaille zugesprochen, für McKee bedeuteten die 4:31,983 Silber. Bereits einige Tage danach passte der Weltverband FINA das Reglement an. Es sollte künftig bei Hundertsteln bleiben.

Dank diesem Schritt der Vernunft stellt Frankreich derzeit zwei Weltmeister über 100 Meter Rücken: Jérémy Stravius und Camille Lacourt hatten an der WM 2011 in Schanghai in der gleichen Hundertstelsekunde angeschlagen. Hürzeler kennt die Auswertung nach Tausendsteln, aber «die bleibt ein Geheimnis.»

Im Langlauf nur nach Zehnteln unterscheiden

Durchaus vernünftig handelte beispielsweise auch der Weltskiverband FIS nach den Olympischen Spielen 1980. Im 15-Kilometer-Langlauf hatte sich der legendäre finnische Hüne Juha Mieto schon als Sieger gewähnt. Die Zeit hatte für ihn bei 41:57,74 angehalten. Wenige Minuten später - es war ein Rennen im Einzelstart - stürzte sich der Schwede Thomas Wassberg in 41:57,73 ins Ziel. Seither wird im Langlauf nur noch nach Zehnteln unterschieden.

Tausendstelsekunden haben im Sport auch ihre Berechtigung, nämlich dort, wo die Tempi entsprechend hoch sind: in der Formel 1 etwa oder in der Motorrad-WM. Omega setzt in London Chronometer ein, die auf Zehntausendstel genau erfassen. Diese Zeiten werden aber erst recht geheim bleiben.

(knob/Si)

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