In der Affäre um gefälschte Pässe und den Mord an einem Führer der radikalislamischen Hamas gerät Israel immer weiter unter Druck. Bisher dementiert Israel eine Beteiligung bzw. lässt diese ganz bewusst offen.
Der ranghohe Funktionär der radikal-islamischen Hamas, Mahmud al-Mabhuh, war am 20. Januar in einem Luxus-Hotel in Dubai umgebracht worden. Die Polizei der Vereinigten Arabischen Emirate verdächtigt elf Täter, die mit gefälschten europäischen Pässen nach Dubai gereist sein sollen. Darunter waren sechs britische Pässe, drei irische, ein deutscher und ein französischer.
«Unsere Untersuchungen haben zutage gebracht, dass der Mossad in die Ermordung von al-Mabhuh verwickelt ist», sagte Dubais Polizeichef Dahi Chalfan der Zeitung «The National» in den Vereinigten Arabischen Emiraten. «Wir sind zu 99, wenn nicht gar zu 100 Prozent sicher.»
Israel lässt alles offen
Während London, Paris, Berlin und Dublin entschlossen sind, der Sache mit den gefälschten Pässen «auf den Grund zu gehen», wie es der britische Aussenminister David Miliband formulierte, lehnte Israel bisher eine offizielle Stellungnahme dazu ab.
Der israelische Botschafter in London, Ron Pasor, sagte nach dem Treffen im Aussenministerium, er habe keine zusätzlichen Informationen. Sein Pendant in Dublin, Zion Evrony, sagte, er wisse nichts über den Mord in Dubai. Nach Angaben aus israelischen Sicherheitskreisen und der Hamas soll Al-Mabhuh beim Waffenschmuggel in den Gaza-Streifen eine Schlüsselrolle gespielt haben.
Stolz auf die Tat
Für viele Israelis ist es längst ausgemachte Sache, dass nur ihr Geheimdienst Mossad die Strippen beim Attentat auf einen Hamas-Führer von Dubai gezogen haben kann. Bei einigen schwingt sogar Stolz über eine «perfekt ausgeführte Operation» mit, bei der vor einem Monat ein hochrangiger Funktionär der radikal-islamischen Palästinenserorganisation getötet wurde.
Weil die Affäre inzwischen immer weitere Kreise zieht, sorgen sich erste Kommentatoren bereits um den politischen Flurschaden, falls Israel überführt werden sollte. Die links-liberale Tageszeitung «Haaretz» fordert auf ihrer Titelseite bereits den Rücktritt von Mossad-Chef Meir Dagan.
Druck auf Israel wächst
Die Einzelheiten über die Ermordung von Hamas-Funktionär Mahmud al-Mabhuh elektrisieren die Israelis seit Tagen. Seit die Behörden des Golfemirats jedoch Fotos und Personenangaben von zehn tatverdächtigen Männern und einer Frau veröffentlicht haben, die mit europäischen Reisepässen unterwegs waren, wächst der Druck auf die israelische Regierung.
Wie bei Attentaten zuvor, gibt es zurzeit mehr Fragen als Antworten: Steht der Mossad wirklich dahinter? Ist der hochrangige Hamas-Funktionär, Nehru Massud, der Al-Mabhuh nach Dubai begleitet hatte, ein israelischer Kollaborateur?
Und: Sind die Agenten davon ausgegangen, dass ihre Identität auffliegt oder haben sie einfach die Fähigkeiten der Sicherheitskräfte in Dubai unterschätzt? «Die grosse Überraschung besteht darin, dass die Polizei in Dubai das ganze Material zu einem Bild zusammenführen konnte», kommentiert die «Jediot Achronot».
«Politik der Zweideutigkeit»
Die Polizei von Dubai beschuldigt Israel zwar nicht öffentlich, aber bei einer Formulierung wie: «Es besteht die Möglichkeit, dass die Führer gewisser Länder ihren Geheimdienstagenten den Auftrag gegeben haben», denken im Nahen Osten viele in erster Linie an Israel.
Israels Aussenminister Avigdor Lieberman hat als bislang einziges Regierungsmitglied die Vorwürfe in Richtung Mossad zurückgewiesen. Es sei nicht in Ordnung, dass man es für selbstverständlich halte, dass Israel oder der Mossad die Pässe und Identitäten britischer Bürger benutzt habe, sagt Lieberman dem Armeeradio am vergangenen Mittwoch.
Dass Israel den Vorwurf nicht rundweg dementiert, weil es unschuldig ist, begründet Lieberman mit einer «Politik der Zweideutigkeit» in Sicherheitsfragen. Übersetzt heisst das: Ungewissheit dient der Abschreckung.
«Der Mossad hat bei mehreren Gelegenheiten in der Vergangenheit gefälschte Pässe benutzt oder gefälschte Pässe mit den Namen von lebenden Personen und den Fotos seiner Agenten versehen», erklärt die Tageszeitung «Haaretz».
Als Mörder erwacht
Normalerweise reagiert die israelische Regierung nach Attentaten auf Führer militanter Organisationen im Ausland noch schmallippiger. Nur steht sie dieses Mal unter einem gewissen Erklärungszwang, weil sechs der elf mutmasslichen Attentäter die Identität von Menschen angenommen hatten, die in Israel leben.
«Ich bin wütend, verärgert und verängstigt», sagt der 31 Jahre alte Melvyn Mildiner der Tageszeitung «Maariv». Er sei noch nie in Dubai gewesen. «Ich bin mit einer Lungenentzündung ins Bett gegangen und als Mörder aufgewacht», zitiert ihn die britische BBC.
Mossad, Aman oder Shin Beth?
Ein anderer Mann hat Angst davor, dass er, seine Frau und die drei Kinder Opfer einer Vergeltungsaktion werden könnten. Or Kaschti, Bildungskorrespondent der israelischen Tageszeitung «Haaretz», berichtet in seinem Blatt, wie ihm eine ältere Frau in der Gemüseabteilung des Supermarktes respektvoll auf die Schulter klopfte und sagte: «Alle Achtung. Ihr habt es diesen Arabern gezeigt».
Ein Ex-Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes in der Abteilung Naher Osten, Wilhelm Dietl, erklärte in einem Interview gegenüber dem «Tages-Anzeiger», dass derartige Aufträge nur vom Ministerpräsidenten selber kommen können. Er glaube, dass Israel hinter dem Killerkommando stecke. Das könne entweder der Mossad, der Militärgeheimdienst Aman oder der Inlandsgeheimdienst Shin Beth gewesen sein - oder alle drei zusammen.
(tri/sda/news.ch mit Agenturen)
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