Wettlauf gegen die Zeit als Philosophie
publiziert: Dienstag, 10. Aug 2004 / 09:10 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 10. Aug 2004 / 09:31 Uhr

Gewaltiger Kraftakt, südländische Improvisationskunst oder einfach ein Teil der hiesigen Philosophie? Fakt ist: die Griechen könnten irgendwie doch noch gerade rechtzeitig mit den Vorbereitungen fertig werden.

"Wir haben immer gewusst, dass es reichen wird." Der Bau-Schlussspurt hat anscheinend gereicht.
"Wir haben immer gewusst, dass es reichen wird." Der Bau-Schlussspurt hat anscheinend gereicht.
Ob der Wettlauf gegen die Zeit in extremis gewonnen werden konnte, wird aber erst am 29. August beurteilt werden können.

"Verschiebe nicht auf morgen, was Du heute kannst besorgen." Wer im letzten Sommer durch die Olympia-Metropole 2004 flanierte, merkte schnell, dass diese Maxime nicht unbedingt von einem der griechischen Philosophen oder deren Nachfolgern zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfunden worden war.

Der geneigte Betrachter rieb sich stattdessen unweigerlich die Augen. Und zwar nicht etwa, weil die vielen Baustellen derart Staub aufgewirbelt hätten, sondern eben vielmehr, weil an vielen Orten gar nicht oder zumindest nicht sehr intensiv gearbeitet wurde. Für Nicht-Griechen schien es unmöglich, dass in einem Jahr alles für den bei weitem grössten Sportanlass der Welt bereit sein würde. Die zwar mit einem Lächeln, aber doch im Ton höchster Seriosität vorgebrachten Beteuerungen der Einheimischen, man werde schon bereit sein, wurden nur selten ernst genommen.

"Wir haben es immer gewusst"

Doch die südländische, aus mitteleuropäischer Sicht ohnehin enorm gewöhnungsbedürftige Einstellung, viele Dinge des Alltags erst auf dem letzten Drücker zu erledigen, scheint sich doch noch zu bewähren. Die Griechen scheinen ihre Versprechen doch noch wahr zu machen, jedenfalls ist nun wieder Augenreiben angesagt.

Wo noch vor zwölf Monaten in Bereichen wie Stadien, Stadtbahn, oder Verkehr vieles der Imagination überlassen blieb und Konkretes zumeist bloss auf Papier existierte, stehen Objekte aus "Fleisch und Blut". Dies gelang dank einem beispiellosen Schlussspurt. Am 13. Februar, sechs Monate vor dem Tag, an dem Athen für 16 Tage zum absoluten Mittelpunkt des Weltinteresses wird, waren lediglich 13 von 31 Anlagen fertig, drei Monate später nur vier weitere. Im Mai und Juni gab es dann aber noch einmal grosse Fortschritte, dies auch dank Dreischichten-Betrieb rund um die Uhr. Für OK-Präsidentin Gianna Angelopoulos-Daskalaki war dies keine Überraschung: "Wir haben immer gewusst, dass es reichen wird."

Jede Sekunde zählt

Der Optimismus der temporären Chefin über die fünf Ringe in Ehren, diese Aussage wirkt schon noch etwas prämatur. Die Griechen brauchen buchstäblich jede Sekunde und das wird sich bis am Abend des 13. August nicht ändern: Auch jetzt wird noch an allen Ecken und Enden gebaut, gehämmert, geschweisst, werden Flächen begrünt oder Strassen asphaltiert. Ob unter diesem Zeitdruck nicht im einen oder anderen Fall die Genauigkeit leiden könnte und ob man bei aller Lockerheit eine der grössten logistischen Herausforderungen in der Geschichte der Menschheit nicht doch etwas unterschätzt hat?

Bange Fragen, für die noch keine Antworten vorhanden sind. Auch für die Hoteliers könnte sich die durch die Verspätungen entstandene Unsicherheit letztlich als Bumerang erweisen: Rund 4000 Betten sind für die Dauer der Spiele noch zu haben, wobei natürlich auch Sicherheitsbedenken einen Einfluss auf den Touristenstrom haben. In diesem Bereich, der insgesamt mit rund einer Milliarde Euro veranschlagt wurde, wird aber nichts dem Zufall überlassen, die Uniformierten markieren schon überall massiv Präsenz.

Ob die Rechnung aufgeht und die Spiele "grossartig" werden, wie dies IOC-Präsident Jacques Rogge am Mittwoch bei seiner Ankunft prophezeite, muss sich bis Ende Monat weisen. An einigen Orten -- Wettkampfstätten und anderen -- konnten keine echten Tests durchgeführt werden, vieles wird von der Flexibilität der rund 60 000 Volunteers abhängen (es gab rund 160000 Bewerbungen und damit doppelt so viele wie in Sydney).

Insgesamt sind von den 5,3 Millionen Tickets noch nicht einmal die Hälfte verkauft. Aber auch da glauben die Einheimischen fest daran, dass viele Besucher sich erst kurzfristig zu einem Besuch von Anlässen animieren lassen. Und damit ihre Philosophie bestätigen würden.

(Marco Keller, Athen/Si)

 
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