Wie die Schweiz wohnt(e)
publiziert: Mittwoch, 1. Sep 2010 / 08:47 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 1. Sep 2010 / 09:12 Uhr

Das Landesmuseum zeigt in der neuen Dauerausstellung Möbel & Räume Schweiz seine elf historischen Zimmer in neuem Licht und inszeniert davor Schweizer Möbel aus dem 20. Jahrhundert.

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Website des Nationalmuseums
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nationalmuseum.ch

Als das Schweizerische Landesmuseum im Jahr 1898 eröffnet wurde, waren die elf historischen Zimmer die Attraktion schlechthin. Die Menschen strömten vom In- und Ausland nach Zürich, um sich die getäferten Stuben aus Klöstern, Privat- und Rathäusern anzuschauen, denn sie standen für schweizerische Handwerkskunst und vorbildhafte Wohnkultur. Diese Zimmer wurden sorgfältig demontiert und im Landesmuseum wieder eingebaut. Manchmal nutzten gar wohlhabende Familien die Möglichkeit, noch etwas finanziellen Gewinn einzustreichen, wenn sie ihre herrschaftlichen Häuser verliessen und vorher noch die Zimmer an Museen verkaufen konnten.

Zwischenzeitlich fristeten die Zimmer ein etwas verstaubtes Dasein. Nun aber wurden sie buchstäblich aufgemöbelt und mit authentischen Stücken aus der Sammlung eingerichtet. Jetzt lassen sie wieder eine Entdeckungsreise zu: Mit Lichtkegeln werden belustigende oder erstaunliche Details fokussiert. So würde beispielsweise im Zimmer von Heinrich Lochmann, Zürcher Oberst in französischen Diensten, der Blick normalerweise über die Porträtgalerie der grossen Männer schweifen. Ein Lichtstrahl lenkt ihn aber an die dunkle Nussbaumtäferung, in deren Ornamentik plötzlich furchtbare Fratzen erkennbar werden. Oder man nimmt ziemlich erstaunt lüsterne Paare und verführerische Sirenen im Fries des Privatgemachs von Äbtissin Katharina von Zimmern wahr. Diese sollten die Klostervorsteherin wohl an ihr Enthaltsamkeitsgelübde erinnern, aber ob sie insgeheim nicht Freude daran hatte, sei einmal dahingestellt.

Die Lichtführung stellte für die Kuratorin Christina Sonderegger eine Herausforderung dar, durfte doch nichts an Decken oder Wände montiert werden. Gelöst wurde das Problem mit dezenten Lichtstehlen, die auch als Halter für Informationstafeln dienen. In den Räumen vor den historischen Zimmern ist ein Abriss der Schweizer Möbelgeschichte des 20. Jahrhunderts inszeniert.

Die einzelnen Szenografien greifen dabei übergeordnete Themen auf, zum Beispiel die Materialvielfalt, die im letzten Jahrhundert aufkam. War während Hunderten von Jahren der Werkstoff Holz das wichtigste Material für die Herstellung von Möbeln, eröffnete die industrielle Fertigung ganz neue Möglichkeiten. Um 1900 wird erstmals Entwurf und Herstellung getrennt: Der Designer vereint bei der Gestaltung nicht nur Form und Funktion, sondern verleiht dem Möbel auch seine persönliche Handschrift. Dazu kommen neue Materialien: In den Zwanzigern werden Stahlrohrmöbel für jedermann erschwinglich. Trotzdem schaffen sie den Durchbruch nicht wirklich, zu Ikonen werden Aluminiumsessel oder Freischwinger beispielsweise von Embru erst Jahrzehnte später. In den 1970er-Jahren dominiert Kunststoff. Extravagante Formen werden dem neuen Anspruch gerecht, die eigene Stube individualistisch und unkonventionell auszustatten. Mit der Wahl eines bestimmten Materials wurde durchaus auch eine ökologische oder politische Aussage gemacht.

Überraschend hoch ist die Vielfalt an mobilen, klappbaren Möbeln – was die Ausstellung schön aufdeckt –, darunter diverse Klappstühle, höhenverstellbare Tische oder multifunktionale Kinderbetten. Schon das Mittelalter kannte flexible Möbel: Die Tafel wurde im wahrsten Sinne des Wortes aufgehoben, denn sie bestand in der Regel aus Holzplatte, die auf zwei Böcken zu liegen kam, Stühle konnten zusammengeklappt werden, und grosse Holztruhen boten Platz und Transportmöglichkeit für Hab und Gut. Im 20. Jahrhundert wurden dann die Lebens- und Wohnkonzepte vielfältiger, und kleine Wohnungen verlangten nach anpassungsfähigem Mobiliar. Aber auch in den Schulen und in Büros wurde verstellbares Mobiliar eingesetzt. Denn neue Erkenntnisse zeigten, dass eine korrekte Haltung nicht nur zur Volksgesundheit, sondern auch zur Steigerung der Arbeitsleistung beitragen.

Besonders gelungen sind die sechs dokumentarischen Kurzfilme, die ganz unterschiedliche, zeitgenössische Wohnformen porträtieren. Da kommt beispielsweise ein Schlossherr zu Wort, der viel Zeit und Geld in die Erhaltung seiner Liegenschaft investiert, oder, als direkter Kontrast dazu, eine Familie aus Angola, die in einem Wohnblock eines Berner Vororts täglich mit offenem Rassismus konfrontiert wird. Diese Kurzfilme bringen etwas Menschlichkeit in die ansonsten eher leblosen Inszenierungen.

Für die Szenografie zeichnete das in La Neuville ansässige Designtrio Atelier Oï verantwortlich. Zu jeder Möbelgruppierung gestalteten sie eine Tapete, die – ähnlich wie die Stuben – einen genauen Blick lohnt. Die Muster bestehen aus Motiven, die die inszenierten Möbel darstellen.

Abgerundet wird die Ausstellung mit einer Loggia, gleichsam die Stube von 2010. Die Möbel in diesem Raum stammen alle von Schweizer Designern oder Herstellern und entstanden im 21. Jahrhundert. Die Einrichtung nimmt das dominierende Thema Holz der historischen Zimmer wieder auf, indem fast alle Möbel im Raum aus diesem Werkstoff bestehen – selbst Teppich und Leuchte enthalten Holzelemente. Hier dürfen die Besucher die Möbel anfassen, es sich auf ihnen bequem machen und die schöne Aussicht auf den Park geniessen oder sich am Lesestoff bedienen, der sich rund ums Thema Wohnen dreht.

(Nina Huber/Wohnrevue)

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