Wie ein Kiefern-Borkenkäfer Grizzly-Bären zur Strecke bringt
publiziert: Donnerstag, 30. Aug 2012 / 10:34 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 30. Aug 2012 / 14:18 Uhr
Harald Bugmann ist Professor für Waldökologie an der ETH Zürich.
Harald Bugmann ist Professor für Waldökologie an der ETH Zürich.

Der vom Menschen verursachte Klimawandel hat spektakuläre und überraschende Auswirkungen auf Ökosysteme, wie das folgende Fallbeispiel zeigt. Es geht um ein winzig kleines Insekt, um eine mittelgrosse, nur in den westlichen USA beheimatete Kiefern-Art und um den riesigen Grizzly-Bären. Was haben die drei Organismen miteinander zu tun?

Im westlichen Nordamerika wächst auf grossen Flächen die Drehkiefer (Pinus contorta). Die Bestände werden gelegentlich vom Drehkiefer-Käfer (Dendroctonus ponderosae) befallen. In kalten Wintern ist die Sterberate des Käfers aber sehr hoch, so dass es in der Vergangenheit zu keinen grossen Epidemien gekommen ist. Aus diesem Grund konnte der Käfer sich auch nicht weiter nach Osten in den borealen Nadelwald von Kanada ausbreiten.

Warme Winter führen zu neuartiger Ausbreitung des Käfers

Seit 1996 waren aber alle Winter sehr mild. So konnten sich vor allem in British Columbia (Kanada), aber auch in den westlichen USA grosse Käfer-Populationen bilden, welche riesige Flächen von Drehkiefern kahlgefressen (=umgebracht) haben. Der Käfer arbeitet sich seither nach Osten vor und hat inzwischen die Provinz Alberta erreicht. Wenn die Winter warm bleiben, so ist zu erwarten, dass er sich weiter nach Osten vorfressen und schliesslich - nach einem Abdrehen nach Süden - auch die kommerziell sehr wichtigen Kiefern-Plantagen in den südöstlichen USA erreichen wird. Allein in Kanada dürfte so bis 2020 die Freisetzung von 270 Millionen Tonnen CO₂ verursacht werden - Notabene: Die schweizerischen CO₂-Emissionen betragen derzeit ca. 40 Millionen Tonnen pro Jahr.

Der Käfer bedroht eine naturschützerisch wichtige Baumart...

Durch die warmen Winter steigen die Populationen des Käfers nicht nur in höheren Breitengraden, sondern auch in den höheren Lagen der Gebirge im westlichen Nordamerika. In letzteren wächst die Weissstämmige Kiefer (Pinus albicaulis), eine Verwandte unserer Arve. Sie ist naturschützerisch von grosser Bedeutung: als Lebensraum und Nahrung für eine grosse Anzahl von Tieren.

Die Weissstämmige Kiefer «kennt» den Drehkiefer-Käfer nicht, da ihr Lebensraum bisher für den Käfer zu kalt war. Sie verfügt deshalb über keine Abwehrmechanismen gegen den Käfer und fällt ihm sehr rasch zum Opfer. Ob die Kiefer-Art wegen des Käfers aussterben wird oder ob sie überleben kann, ist derzeit ungewiss.

...was dem Grizzy-Bären nicht egal sein kann

Diese Dynamik hat weitere Konsequenzen, denn die Samen (Nüsschen) der Weissstämmigen Kiefer sind eine wichtige Futterquelle für den Grizzly-Bären (Ursus arctos horribilis). Wenn es weniger Weissstämmige Kiefern gibt, versucht der Grizzly-Bär andere Nahrungsquellen zu erschliessen, was einerseits zu einer stärkeren Gefährdung des Menschen führen, andererseits aber auch die Existenz des Bären gefährden könnte.

Indirekte Klima-Effekte bringen unliebsame Überraschungen

Wenn Sie aufmerksam gelesen haben, so haben Sie gemerkt, dass in diesem Text nur an einer einzigen Stelle von Klima-Wirkungen die Rede war, nämlich beim Zusammenhang zwischen der Winter-Temperatur und der Überlebenswahrscheinlichkeit des Drehkiefer-Käfers. Alles andere sind sogenannt indirekte Effekte. Wir lösen mit der Klimaveränderung also «Kettenreaktionen» im Ökosystem aus, die zu überraschenden und völlig unerwünschten Auswirkungen führen - im genannten Beispiel also Auswirkungen auf die Kohlenstoffbilanz, den Naturschutz und sogar die Sicherheit von Menschen, die sich in der Natur bewegen.

Solche Beispiele zeigen deutlich, dass die Klimaerwärmung Zauberlehrling-Charakteristika aufweist: Wir wissen nicht, was wir alles auslösen damit, und wir werden die Konsequenzen aufgrund der vielfältigen Interaktionen in den Ökosystemen auch nicht so schnell wieder los.

(Prof. Harald Bugmann/ETH-Zukunftsblog)

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