Wieder 27 Tote bei blutigen Unruhen in Palästinensergebieten
publiziert: Sonntag, 1. Okt 2000 / 18:38 Uhr

Nablus/Gaza - Bei den blutigsten Unruhen seit vier Jahren in den palästinensischen Autonomiegebieten sind am Wochenende mindestens 27 Palästinenser getötet worden, darunter drei Kinder. Rund 600 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Erstmals griffen die gewalttätigen Proteste der Palästinenser auch auf die arabische Bevölkerung in Nordisrael über. Dort kam ein Mann ums Leben. Grosse Besorgnis löste am Sonntag der Einsatz israelischer Raketen gegen Gebäude des palästinensischen Geheimdienstes und paramilitärischer Verbände aus.

In zahlreichen Städten des Westjordanlandes und im Gazastreifen lieferten sich zumeist jugendliche Palästinenser Strassenschlachten mit der israelischen Polizei, die vielerorts mit gummiumhüllten Kugeln auf die Demonstranten schoss. Die Palästinenser warfen Israel vor, auch scharfe Munition zu verwenden und auf die Köpfe der Demonstranten zu zielen.

Versuche, die Unruhen auf diplomatischem Wege zu beenden, scheiterten zunächst, obwohl Israels Ministerpräsident Ehud Barak mit Palästinenserpräsident Jassir Arafat in ständigem telefonischen Kontakt stand. Barak erklärte, er werde es «nicht hinnehmen, dass die Gewalt zu einem Werkzeug im Friedensprozess» werde.

Arafat wiederum drohte, er wolle den UNO-Sicherheitsrat anrufen, falls die Gewalt nicht innerhalb von 24 Stunden ende. Seine Autonomiebehörde verlangte eine internationale Untersuchung der Zusammenstösse auf dem Jerusalemer Tempelberg.

Allein am Samstag wurden bei den Strassenschlachten 16 Palästinenser getötet und rund 500 verletzt. Bei Netsarim wurde vor laufenden Fernsehkameras ein zwölfjähriger Knabe erschossen, der zwischen die Fronten geraten war.

Im Fernsehen war zu sehen, wie der Knabe und sein Vater hinter einen kleinen Betonklotz kauerten. Der Vater legte schützend seine Arme um das weinenden Kind. Wenig später wurden beide getroffen. Der Bub sackte auf dem Schoss seines Vaters zusammen und starb, der Vater überlebte schwer verletzt. Ein Ambulanzfahrer wurde beim Versuch erschossen, die beiden trotz des Feuergefechts zu retten.

Wegen des tragischen Zwischenfalls wurden die palästinensischen Schulen bis Dienstag geschlossen, um zu verhindern, dass Kinder auf dem Schulweg zwischen die Fronten kommen. Die meisten der Toten vom Samstag wurden am Sonntagmittag unter grosser Anteilnahme der palästinensischen Bevölkerung beigesetzt.

Unmittelbar danach kam es zu erneuten Ausschreitungen, bei denen nach Angaben aus Spitälern elf weitere Menschen ums Leben kamen, darunter zwei zehnjährige Kinder. Im Gaza-Streifen beschossen sich palästinensische Polizisten und israelische Soldaten.

Die Unruhen mit mittlerweile 35 Todesopfern hatten sich am Donnerstag am Besuch des israelischen Hardliners Ariel Scharon auf dem Tempelberg entzündet. Die Palästinenser fassten dies als Provokation auf. Der Streit um diesen von Juden und Moslem als heilig verehrten Ort, den die Moslems Haram el Scharif (Edles Heiligtum) nennen, lähmt seit Monaten den Friedensprozess im Nahen Osten.

Im Ausland löste die Eskalation im Nahen Osten Besorgnis aus. In einer äusserst scharfen Erklärung machte die Arabische Liga Israel für die Gewaltwelle verantwortlich und forderte eine internationale Untersuchung der «fürchterlichen Verbrechen». Der ägyptische Präsident Husni Mubarak warnte vor den «verhängnisvollen Auswirkungen» auf den Friedensprozess.

Russlands Aussenminister Igor Iwanow sagte, «extremistische Elemente» versuchten, den Friedensdialog zu unterminieren. Bundesrat Joseph Deiss forderte die Wiederaufnahme des Dialogs, um eine friedliche Lösung für den Konflikt zu finden.

(sda)

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