«Wir haben den Puur und zwei Nell»
publiziert: Donnerstag, 9. Aug 2012 / 16:34 Uhr
Schurter gilt bei zahlreichen Experten als Kronfavorit. (Archivbild)
Schurter gilt bei zahlreichen Experten als Kronfavorit. (Archivbild)

Die Zuversicht ist gross im Lager der Schweizer Mountainbiker. Nationaltrainer Beat Stirnemann schlägt forsche Töne an. Im Männer-Rennen vom Sonntag rechnet er mit dem Gewinn der Goldmedaille.

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«Ich bin überzeugt, dass Gold an diesem Tisch sitzt. Und was dazu kommt, nehmen wir gerne mit. Wir haben das nötige Selbstvertrauen und verfügen über gesunde Sportler», sagte Stirnemann an der Medienkonferenz am Mittwoch, ehe er in die Runde der neben ihm positionierten Athleten blickte. Zur Ausgangslage bei den Männern meinte er: «Wir haben den Puur und zwei Nell. Wir wollen das Rennen prägen und zu dritt vorne mitmischen.» Diese Trümpfe sind Gesamtweltcup-Sieger Nino Schurter, Florian Vogel und Ralph Näf. Im Wettkampf der Frauen vom Samstag müsse man zumindest ein Diplom erwarten dürfen. Für eine Top-8-Klassierung kann Katrin Leumann oder Esther Süss sorgen.

Taktische Planspiele

Bei den Männern stellen die Schweizer zweifellos die stärkste Equipe. Aus dem hochkarätigen Trio sind an einem guten Tag alle fähig, aufs Podest zu fahren. Schurter gilt bei zahlreichen Experten als Kronfavorit. «Dies erzeugt Druck», gibt der Bündner zu. «Aber diesen mache ich mir auch selber. Ich will das perfekte Rennen.» Als sein ärgster Konkurrent wird Julien Absalon gehandelt. Der Franzose war in Peking und Athen nicht zu schlagen.

Eine Team-Taktik soll die Chancen erhöhen, dass Swiss Cycling im Cross Country erstmals seit der Aufnahme der Disziplin ins olympische Programm (1996) einen Olympia-Sieg feiern darf. Sollten die Schweizer Farben am Sonntag in einer Spitzengruppe vertreten sein, wäre es einem Landsmann im Verfolger-Feld untersagt, das Schliessen der Lücke anzustreben. Mit einer ähnlichen Strategie hatten Schurter und sein Markenkollege Vogel an den Weltmeisterschaften 2009 in Canberra (Au) Gold und Bronze erobert. Der taktische Spielraum ist allerdings in der Regel beschränkt. Es liegt in der Natur der Sache, dass die mannschaftliche Geschlossenheit im Mountainbike weniger ins Gewicht fällt als im Strassenradsport. Und im Cross Country macht es wenig Sinn, die Taktik schon vor dem Startschuss festzulegen. Oft kommt es anders, als man denkt. Eine erste Lage-Beurteilung kann man erst nach ein paar Renn-Minuten vornehmen.

Stirnemann zweifelt nicht daran, dass sich seine Schützlinge an eine «Stallorder» halten würden - auch im Fall von Ralph Näf. Der Thurgauer ist im Weltcup für den gleichen Sponsor unterwegs wie der Spanier José Antonio Hermida, der Weltmeister von 2010. Trotzdem verfolge Näf an diesem Wochenende ganz klar nationale Interessen, so Stirnemann. «Die drei Schweizer sind dicke Kumpels. Die Chemie stimmt. Ich lege für sie die Hand ins Feuer. Sie haben schon im Juli in den Höhentrainingslagern gemeinsame Sache gemacht. Und sie sind erfahren genug für solch eine Situation.»

Näf untermauert: «Nino ist unser Team-Leader. Er ist sehr fokussiert, noch nie am Druck zerbrochen. Wir anderen Schweizer haben die Aufgabe, ihm den Rücken freizuhalten. Ich bin stolz, Teil eines Projekts zu sein, mit dem Olympia-Gold in die Schweiz geholt werden soll.» Aber klar wolle er je nach Möglichkeit die eigenen Chancen ebenfalls wahrnehmen. Wenn der Puur seinen Stichwert verlieren sollte, möchte Näf fürs Erben bereit sein. Stirnemann bezeichnet ihn als besonders kaltschnäuzig. Näf wird zu Beginn einen kleinen Nachteil haben, weil er in der zweiten Reihe starten muss. Je früher man den ersten Aufstieg in Angriff nehmen kann, desto idealer ist es, weil die Anfälligkeit auf Stürze geringer ist und man durch den sogenannten «Handorgel-Effekt» (der die Ausdehnung des Feldes beschreibt) weniger behindert wird.

Defekt wäre verheerend

Florian Vogel teilt den Optimismus seiner Landsleute. «Dieser Kurs liegt uns», sagt der gebürtige Aargauer. Die Strecke kommt den explosiven Fahrern - wie es insbesondere Schurter einer ist - eher entgegen als «Bergflöhen» oder Marathon-Spezialisten. Lange war der künstliche Parcours auf der Hadleigh Farm als «Autobahn» verspottet worden, der zu wenig technische Herausforderungen biete. Aufgrund von Test-Erkenntnissen ist der Schwierigkeitsgrad unterdessen erhöht worden. Steingärten und Schotterabschnitte stellen die Fahrer auf eine harte Probe. Sollte es zu regnen beginnen, was nach derzeitigem Stand nicht auszuschliessen ist, steigt die Rutschgefahr. Die Schweizer glauben, auch für diese Eventualität gerüstet zu sein. «Unser Reifen-Guru wird die richtigen Pneus zur Hand haben», konstatiert Stirnemann, der direkt nach Olympia (nicht ganz freiwillig) abtreten wird.

Am gravierendsten würden sich auf die Schweizer Medaillenhoffnungen Defekte auswirken. Ralph Näf erwartet ein schnelles Rennen mit knappen Abständen. Wenn man an einem ungünstigen Ort durch Materialprobleme zurückgebunden werde, sei man weg vom Fenster. Dies könnte einen Gold-Traum Knall auf Fall platzen lassen. «Dass es nicht viel braucht, hat man bei Fabian Cancellara gesehen», sagt Schurter. Für eine Notlage stehen drei Mechaniker Gewehr bei Fuss. Was soll also noch schiefgehen bei der Medaillenjagd?

(knob/Si)

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