'Wir sind auf die Unterstützung der Politik angewiesen'
publiziert: Freitag, 29. Okt 2004 / 11:55 Uhr

Am Tag vor dem risikoträchtigen Klassiker FCZ - FC Basel weist Thomas Helbling im Interview auf den beschränkten Handlungsspielraum der Klubs hin und führt aus, wie die Liga das Problem in den Griff bekommen will.

Thomas Helbling blickt mit Besorgnis Richtung EURO 2008.
Thomas Helbling blickt mit Besorgnis Richtung EURO 2008.
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Helbling gibt sich zuversichtlich, dass Bundesrat und Parlament mit Blick auf die EURO 2008 die Bestrebungen der SFL gegen die sinnlose Gewalt auf den Zuschauerrängen unterstützen werden.

Während die Schweizer Stadien regelmässig durch Petarden eingenebelt werden, verhalten sich die Zuschauer im früheren "Problemland" England diszipliniert und haben freie Sicht aufs Feld. Sind die Engländer ein Vorbild?

Thomas Helbling: "Nicht unbedingt, nein. Gerade in diesem Land mussten die Menschen zuerst Desaster und Tragödien in den Stadien erleben, bis die öffentlich-rechtlichen Gesetze verschärft wurden. So weit darf es bei uns gar nicht kommen. Unsere Devise muss sein: soviel Prävention wie möglich, so wenig Repression wie notwendig. In England wurde den Gewalttätigen in den Stadien regelrecht der Garaus gemacht. Das führte zwar zu einer vorbildlichen Disziplin und einer angenehm familiären Atmosphäre im Stadion. Gleichzeitig ist aber ein Teil der Leidenschaft verloren gegangen."

Noch immer unterschätzen aber eher mehr als weniger Schweizer Profi-Vereine den Stellenwert der Sicherheit. Liegt es an Ihnen, die entsprechenden Defizite zu beseitigen?

Helbling: "Die finanzielle Lage vieler unserer Klubs ist nicht gerade rosig. Und die Sicherheit kostet nun mal. Da stellte sich bis anhin der eine oder andere Verein die Frage, ob er für ein paar Chaoten so viel Geld auslegen will. Jetzt stehen wir an einem Wendepunkt. Wehren wir uns nicht entschieden gegen diese zwar zahlenmässig wenigen aber dominanten Gewalttäter, verlieren wir die wahren Fussballfans. Wer geht schon gerne mit seiner Familie ins Stadion, wenn Krawalle drohen?"

Die Frage dürfte sich mit etwas ausgeprägterem Sinn für den Weitblick gar nicht stellen. Muss die Liga Klubs, welche die Unterbindung von Zuschauer-Krawallen vernachlässigen, mit harten Sanktionen quasi wachrütteln?

Helbling: "Unser Ziel muss es sein, möglichst vielen Fans attraktiven Fussball in modernen und sicheren Stadien zu bieten. Mit der Erarbeitung von einheitlichen Sicherheitsstandards will unsere Expertenkommission dabei die Klubs unterstützen. Deshalb ist es eigentlich auch nicht die Idee, gegen fehlbare Vereine drakonische Bussen auszusprechen. Vielmehr müssen alle dem Sicherheitsgedanken mehr Rechnung tragen. Der FC Basel und GC erreichen diesbezüglich schon jetzt einen weit höheren Standard als andere. Diese beiden Vereine investieren viel Geld in die Sicherheit und in die Fanarbeit. Wir brauchen aber Massnahmen, damit die Qualität der Sicherheitsdispositive und der Ausbildung der Sicherheits- und Fanverantwortlichen landesweit steigt und einheitlich wird. Nur so werden unsere Bemühungen nicht dauernd von einigen unverbesserlichen Gewalttätern unterlaufen."

Was planen Sie konkret?

Helbling: "Wir haben zwar seit fünf Jahren ein Sicherheitsreglement. Es fehlen aber nach wie vor die detaillierten Bestimmungen, um das Regulativ praxisbezogen anwenden zu können. Dieser Aufgabe hat sich unsere Sicherheits- und Fankommission angenommen mit dem Ziel, die Ausführungsbestimmungen durch das Komitee SFL auf die Rückrunde der laufenden Saison in Kraft zu setzen."

Welche Punkte decken diese Bestimmungen ab?

Helbling: "Sechs Bereiche stehen im Vordergrund. Erstens geht es um die einheitliche Schulung der Sicherheitsverantwortlichen in den Klubs, Punkt 2 betrifft die Etablierung und Schulung von Fan-Verantwortlichen in den Vereinen, Punkt 3 umfasst die einheitliche Hausordnung in allen Stadien, damit der Fan überall weiss, was Sache ist, viertens führen wir die Sicherheitsinspektionen künftig mit eigenen Experten durch (bislang übernahmen die Schiedsrichter-Inspizienten diesen Part), Punkt 5 betrifft die Schulung der Stadionsprecher, und Punkt 6 beinhaltet einheitliche Regeln zum Erlass von Stadionverboten. Im Dezember legen wir unsere Vorschläge dem Komitee SFL vor."

Sie klingen sehr optimistisch. Worauf gründet Ihre Zuversicht?

Helbling: "Ich bin tatsächlich guten Mutes. Die Klub-Präsidenten sehen ein, dass unsere Kommission, die ja aus Sicherheits- und Fanexperten aus den Vereinen zusammengesetzt ist, nur das Beste für den Fussball will. Und sie sehen ja auch Woche für Woche in den Stadien, dass die Gewaltbereitschaft und das Rowdytum in den letzten Monaten stark zugenommen hat. Das stellt gewiss niemand in Abrede. Zuversichtlich stimmt mich auch, dass das Komitee auf unseren Antrag hin vor kurzem erstmals einen Budgetposten von 100 000 Franken gesprochen hat, mit dem die aufgezählten Massnahmen im Sicherheitsbereich finanziert werden können. Das gibt unserer Kommission den Mumm, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten."

Neben der Kausalhaftung, welche die Klubs faktisch zur bedingungslosen Kontrolle der Unruhestifter aus dem eigenen Lager zwingt, hängt vieles, um nicht zu sagen alles vom Thema Stadionverbot ab...

Helbling: "Mit der Kausalhaftung wollen wir die Gewaltspirale stoppen. Potenzielle Gewalttäter machen sich zurzeit einen Spass daraus, bei Auswärtsspielen ihr Unwesen zu treiben. Dies im Wissen, dass ihr Klub aufgrund des geltenden Vereinsrechts geschont wird und der Heimklub als Veranstalter die Zeche für die fehlende Ordnung im Stadion zahlt. Gewaltbereite Zuschauer gehören aber grundsätzlich nicht in unsere Stadien. Wir wollen sie aussperren. Um die von uns ausgesprochenen Stadionverbote landesweit durchsetzen zu können, sind wir aber auf die Unterstützung der Politik angewiesen. Der Datenschutz auf eidgenössischer und kantonaler Ebene rückt den Schutz des Individuums dermassen in den Vordergrund, dass wir heute gar keine Personendaten dieser Rowdys archivieren oder austauschen können. Es geht mir nicht darum, die Persönlichkeitsrechte der breiten Öffentlichkeit im Datenschutzbereich zu ritzen. Wenn sich nun aber jemand im Stadion notorisch gewalttätig verhält und dabei unter dem Siegel des Datenschutzes anonym bleiben kann, wird das System ad absurdum geführt. Da gilt es das öffentliche Interesse für Ruhe und Ordnung gegen die Datenschutzrechte eines Rechtsbrechers abzuwägen."

Weshalb soll sich die Politik um die Probleme der (reichen) Fussballer kümmern?

Helbling: "Natürlich müssen wir unser eigenes Haus in erster Linie selber in Ordnung bringen. Wo wir aber mit der Durchsetzung unserer Hausgewalt in den Stadien an Grenzen stossen, sind wir auf die Unterstützung der Politik angewiesen. Die erhöhte Gewaltbereitschaft ist nicht primär ein Fussballphänomen. Wir erleben die Gewalt im ähnlichen Ausmass auch ausserhalb von Sportstätten, beispielsweise am 1. Mai. Es prügeln sich ja nicht Randgruppen, sondern zum Teil gut integrierte Leute. Sie profitieren davon, anonym Straftaten begehen zu können, und tags darauf als Unschuldslämmer in ihre Familien oder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren zu können. Gelingt es, diese Anonymität aufzubrechen, werden wohl viele davor zurückschrecken, sich unter dem Gruppendruck und im Medienlicht den Kick als Krawalltouristen in unseren Stadien zu holen."

Eine so genannte Hooligan-Datenbank wäre wohl der Schlüssel zum erfolgreichen Zugriff. Sind die Schaffung einer Gesetzesgrundlage und somit flankierende Massnahmen aus dem politischen Sektor realistisch?

Helbling: "Das ist sogar sehr realistisch, denn die EURO 2008 wirft nicht nur ihr Licht, sondern wegen drohender Zuschauerausschreitungen auch ihren Schatten voraus. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wurde bereits in den Jahren 2000 und 2001 im EJPD lanciert. Damals im Zusammenhang mit den Auswüchsen rechtsradikaler Kreise. Die Vernehmlassung ist bereits abgeschlossen, und ich gehe davon aus, dass sich der Gesamtbundesrat in Kürze mit dem wegen dem Zuschlag für die EM erweiterten Dossier befassen wird. Das Bundesgesetz könnte schon im kommenden Jahr in die Räte kommen."

(von Sven Schoch/Si)

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