«Wir sind immer noch die kleinen Fische»
publiziert: Samstag, 22. Apr 2006 / 09:21 Uhr

Seit letzten Sommer spielt Philipp Degen (23) bei Borussia Dortmund in der Deutschen Bundesliga. Der Basler über Anpassungsschwierigkeiten, britischen Fußball und Heimatgefühle.

Philipp Degen hat sich in Dortmund gut eingelebt.
Philipp Degen hat sich in Dortmund gut eingelebt.
Philipp Degen, wann haben Sie zum letzten Mal Schweizerdeutsch gesprochen?

Philipp Degen: Vor vier Wochen, als ich bei meinen Eltern im baslerischen Lampenberg zu Besuch war. (Pause) Ich freue mich immer, wenn ich Schweizerdeutsch sprechen kann.

Die Sprache als ein Stück Heimat.

Bestimmt! Ich habe mit Marco Streller kürzlich darüber diskutiert. Der hat auch gesagt: Wenn man mit jemandem Schweizerdeutsch sprechen kann, fühlt man sich Zuhause.

Haben Sie manchmal Heimweh?

Nein, das nicht. Ich habe bei Borussia Dortmund sehr nette Kollegen und bin von Beginn an gut aufgenommen worden. Aber natürlich war der Wechsel aus meiner Heimat Basel nach Dortmund nicht ganz einfach.

Was genau war schwierig?

Du bist weg von Zuhause, in einer neuen Region, neue Leute, neues Umfeld, neuer Fußball: Da stürzt viel auf dich ein. Aber ich wollte das ja. Es war wichtig für meine Entwicklung, sowohl sportlich als auch persönlich.

Inwiefern?

Ich bin jetzt selbstständig. Ich kann mich zurechtfinden, und weiß, wo ich im Leben stehe. Ich habe neue Leute kennen gelernt und neue Kontakte geknüpft. Sicher habe ich auch fußballerisch Fortschritte gemacht.

Ihre Bilanz nach knapp einem Jahr bei Borussia Dortmund?

Es war eine turbulente Zeit. Ich habe viele Fehler gemacht, gerade im letzten halben Jahr. Aber das gehört für mich zum Reifeprozess. Aus Fehlern muss man lernen.

Welche Fehler meinen Sie?

Zum Beispiel, dass ich zunächst nicht das umgesetzt habe, was der Trainer von mir verlangt hat. Ich wollte einfach zuviel, und war überzeugt, mit meinem Vorwärtsdrang der Mannschaft helfen zu können. Ich denke, jeder weiß, was ich leiste, und was für ein Spieler ich bin. Etwa, dass ich sehr offensiv spiele...(sein Handy klingelt, und Degen guckt auf das Display)...Unbekannte Nummer, kann ich mal schnell?

Ja sicher.

(Ins Handy) Hallo?! (Pause) Hallo!? (Pause) Nee, das bin nicht ich. (Legt auf und dreht sich um. Hinten im Restaurant sitzen seine Teamkollegen Sebastian Kehl und Christoph Metzelder; Sie winken und lachen.)

Wer wars, Kehl?

Metzelder.

Und was hat er gesagt?

(Degen lacht) Er sei vom «Blick». Metzelder hat einen Freund, der in Zürich studiert. Er ist deshalb oft dort und kann auch ziemlich gut Schweizerdeutsch…Aber wo sind wir stehen geblieben?

Bei ihrem Offensivspiel.

Ja, genau. Ich habe eine gewisse Spielart und die ist eben offensiv, das gebe ich ehrlich zu. Nur spiele ich eben eine Position, in der die Defensive Priorität hat. Das wurde mir – zugegeben – vielleicht etwas spät bewusst; aber irgendwann mal wusste ich, dass ich etwas ändern muss. Bei Basel wirkte es sich nie negativ aus, wenn ich mich nach vorn orientierte. In der Bundesliga kann das tödlich sein. (Pause) Zudem erlebte ich eine Situation, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Sie meinen die Schwierigkeiten mit dem Trainer.

So würde ich das nicht sagen. Ich habe mit dem Trainer keine Schwierigkeiten; aber damit, dass ich in der Öffentlichkeit kritisiert wurde. Inzwischen bin ich ja auch auf den Trainer zugegangen, und versuche nun das umzusetzen, was er von mir verlangt....

Wie sehr hat Sie die Kritik getroffen?

Ich bin ein Mensch mit sehr großem Selbstvertrauen. Aber die teilweise starke Kritik hat an meinem Selbstvertrauen gekratzt.

Bei den letzten Partien des BVB waren Scouts des Premier League-Vereins Tottenham Hotspurs im Stadion...

Ja, es waren Leute aus England hier. Es gibt Interesse. Aber ich habe beim BVB einen Vertrag bis 2008.

Würde es Sie reizen, einmal in England zu spielen?

Wenn ich letzten Mittwoch das Spiel von Arsenal London gesehen habe, wie die Jungs Villareal teilweise unter Druck gesetzt haben, da muss ich sagen: Dieser Tempo-Fußball gefällt mir. Aber: Ich habe einen Vertrag und fühle ich mich hier in Dortmund eigentlich sehr wohl.

Christian Gross, Ihr ehemaliger Trainer beim FC Basel, war auch mal Coach bei Tottenham. Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu ihm?

Ja, nach wie vor. Ich habe zwar eine schwierige Zeit bei ihm durchlebt, aber auch sehr viel gelernt. Ich musste durch eine harte Schule gehen, gerade als junger Spieler. Durch ihn bin ich aber zum Profi geworden. Er ist für mich einer der besten Trainer, die es gibt. Ich merkte aber erst hinterher, was ich an ihm hatte.

Gross kritisierte seinerzeit, dass der Schritt ins Ausland zu früh für Sie sei.

Es kann sicher stimmen was er sagte. Aber je jünger du ins Ausland wechselst, desto mehr kannst du lernen. Ich hatte mit Basel drei Mal die Meisterschaft und zwei Mal den Cup gewonnen. Ich suchte eine neue Herausforderung, und wollte auch mal auf eigenen Beinen stehen. Wie gesagt: es ging nicht nur ums sportliche, sondern auch ums Persönliche.

In der Schweiz wirkte Ihr Auftreten oft überheblich. Woher kommt das?

Ja in der Schweiz haben das viele gesagt. Dabei bin ich eigentlich nie ein überheblicher Mensch gewesen. Ich hatte stets den Boden unter den Füssen, und wusste, was ich mache. Möglich, dass ich auf dem Spielfeld manchmal so wirke. Aber wer Philipp Degen kennt, der weiss, dass ich neben Spielfeld ein ganz anderer Mensch bin.

Stichwort WM: Welche Chancen hat die Schweizer Nationalmannschaft?

Wir fahren nicht nur zur WM, um dabei zu sein. Wir wollen auf jeden Fall ins Achtelfinale. Und ich denke, das ist auch drin. Unser Vorteil ist, dass wir vor keinem Gegner Angst haben.

Wie wird der Schweizer Fußball eigentlich in Deutschland wahrgenommen?

Wir sind immer noch die kleinen Fische (lacht). Aber wir haben natürlich schon ein bisschen Boden gut gemacht. Außerdem haben wir nun die Möglichkeit, uns selbst einen Gefallen zu tun: Die WM ist für uns doch eine Art Freischuss. Wenn wir überzeugen – super! Wenn nicht, wissen wir genau: Dieses junge Team wird 2008 bei der EM ganz groß aufspielen.

(Romano Paganini /news.ch)

 
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