Wirtschaft säkularisieren
publiziert: Dienstag, 4. Aug 2015 / 18:08 Uhr
Euro: Derzeit im Zentrum der Austeritätsreligion
Euro: Derzeit im Zentrum der Austeritätsreligion

Wenn etwas verkündet und als absolute Wahrheit bezeichnet wird, ist das ein Zeichen, dass es eine Religion sein könnte. Wenn die auf der Verkündung basierenden Prophezeihungen immer und immer wieder NICHT eintritt, dann kann man so gut wie sicher sein, dass es eine Religion ist. Wenn im Namen dieser Wahnideen über Leichen gegangen wird, besteht eigentlich kein Zweifel mehr.

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Wenn es wohl etwas gibt, über das sich alle einig sein können, dann wohl, dass «die Sache» mit Griechenland ziemlich in die Hose gegangen ist. Zumindest wird von allen Seiten - wenn auch aus verschiedensten Gründen - das Scheitern der griechischen Volkswirtschaft erwartet und ebenfalls eingestanden, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Weg aus den Schulden, die den griechischen Bürgern bei der ersten «Bankenrettung» aufgebürdet wurden, nicht mehr wirklich besteht.

Allerdings wird immer noch (auch wenn der IWF unterdessen aus dem Chor ins hintere Glied zurück getreten ist) das hohe Lied der Austerität gesungen. Also das Lied jener Medizin, die den Patienten schon seit dem Beginn des Finanzdramas immer weiter in den Kollaps gleiten lässt.

Es gibt keine Hinweise auf die Wirksamkeit der Austeritätsmedizin. Wohl aber jede Menge dafür, dass diese, ähnlich wie die vor der Einführung der Wissenschaft in der Medizin beliebten Aderlässe und Quecksilberkuren, den Patienten zwar schön langsam, aber mit grosser Sicherheit, ins Jenseits befördern, während für die Behandlung erhebliche Beträge belastet werden. Im Falle von Griechenland Zinsen und Zinseszinsen.

Doch es ist ja nicht nur Griechenland, es sind auch Spanien, Portugal und Italien, deren Wirtschaft trotz Hungerkuren und Sparorgien seit Jahren am Schrumpfen oder nur minimal am Wachsen sind. Und bei jeglichem Wachstum kann sehr berechtigt die Frage gestellt werden, ob dieses eher aus externen Faktoren (der Erholung der globalen Wirtschaft) oder aus den Kamikaze-Programmen resultieren. Die Meinungen dazu hängen vor allem davon ab, welcher Wirtschafts-Konfession die Kommentatoren anhängen.

Denn es handelt sich offensichtlich um eine Glaubenssache, um die Verkündung einer unbeweisbaren Wahrheit, die da zelebriert wird und bei der es offenbar völlig tolerierbar ist, die Resultate vorheriger Ereignisse zu ignorieren. Wenn gewisse Praktiken konsistent keinen Erfolg haben, würde dies unter allen normalen Umständen den Abschied von diesen bedeuten. Nur in der Wirtschaft und in der Religion ist es gang und gäbe, den Misserfolg von hoch gelobten Ritualen entweder den mit diesen beglückten (sie haben nicht genug geglaubt/gespart) oder einer höheren Macht (Gottes Wege sind unergründlich/die Rahmenbedingungen waren scheinbar nicht ideal) zu begründen. Das einzige, das in der Regel nicht in Zweifel gezogen wird, ist das erfolglose Rezept.

Dieser Starrsinn wäre faszinierend, wenn die Konsequenzen nicht so katastrophal wären. Fragt sich nur, warum? Und ein Blick auf die Religionen gibt auch eine gute Erklärung ab, warum in der Wirtschaft offensichtlicher Mumpitz immer und immer wieder als letztgültige Wahrheit wider alle Evidenz verkündet werden kann: Machterhalt und Machtgewinn der Eliten.

So erklärt sich denn auch das ständige Anführen des Marktes als allmächtige, über allem schwebende Instanz, die alles sieht, nichts verzeiht und stets bereit ist, jene zu bestrafen, die nicht an ihn glauben und jene belohnt, die seinen Geboten nachleben: «Gebt auf, Widerstand ist zwecklos!»

Wer aber gegen diese Bibel des Sparens und des Schrumpfens von Staat und Bürgerrechten aufbegehrt, wird mit dem erbarmungslosen Bannstrahl der schwäbischen Hausfrau (ist die Schutzheilige der Austerität) getroffen und von Krediten und Geldmarkt abgeschnitten.

Die Resultate sind derzeit weltweit zu besichtigen und die Blutlust des «Marktes», in dessen Namen ja auch Natur zerstört, Arbeiterrechte missachtet und Kinder zu Lohnsklaven gemacht werden, schreit geradezu nach eine «Säkularisierung» der Wirtschaft. Doch ob dies die Hohepriester des Neo-Liberalismus zulassen werden, ist eine Frage, deren Antwort wir eigentlich schon alle kennen.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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