Wo die Wahrheit zum Sterben hin geht
publiziert: Dienstag, 15. Dez 2015 / 12:24 Uhr
Solaranlage: Saugt Licht aus der Gegend auf und macht Krebs? Wäre überall Schwachsinn. Ausser in North Carolina.
Solaranlage: Saugt Licht aus der Gegend auf und macht Krebs? Wäre überall Schwachsinn. Ausser in North Carolina.

Man solle aus Einzelfällen nicht auf die Allgemeinheit schliessen. Das stimmt meistens und ist ein weiser Ratschlag. Doch mitunter lässt ein Einzelfall auf ein tiefer liegendes Problem schliessen, ist mithin ein Symptom einer viel grösseren Sache.

6 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Klima-Kompetenz der Republikaner
Auflistung der Klimakompetenz der republikanischen Kandidaten.
addictinginfo.org

Solaranlagen-Ablehnung in Woodland
Bericht im Independent über die Farce in Woodland (mit weitergehenden Links).
independent.co.uk

Lügenhitparade der US-Politik
Wer lügt wie viel und wie schlimm? Hier die Liste!
nytimes.com

Man darf von Photovoltaik halten was man will, wenn es um den Einsatz dieser Energiequelle im Stromnetz geht. Doch etwas ist unbestritten: Solar-Farmen haben auf Landschaft und Umwelt einen kleineren Einfluss, als fast jede andere Energiequelle. Natürlich ist eine Hektare voller Solarpanele nur beschränkt attraktiv. Aber das genau gleiche kann von fast jeder Art der Überbauung gesagt werden. Zudem sind Solaranlagen, geräuschlos, geben keine Emissionen ab, sind eigentlich so passiv, wie eine Industrieanlage nur sein kein.

Trotzdem wurde in der Republikaner-Hochburg North Carolina, in der kleinen Gemeinde von Woodland, die Erlaubnis, eine solche Anlage zu bauen, von dem Gemeinderat verweigert. Allerdings nicht, weil dafür ein Naturschutzgebiet umgezont oder ein schützenswertes Gebäude abgerissen werden müsste. Nein, die Ablehnung kam unter anderem daher, dass die Angst geäussert wurde, dass die Solar-Panele das Licht der Umgebung aufsaugen und so das Pflanzenwachstum in der Umgebung beeinträchtigen könnte.

Ja, sie haben richtig gelesen. Zu allem kam dieser Einwand von einer «ehemaligen Wissenschafts-Lehrerin, Jane Mann» aus Northampton. Sie war auch wegen der Krebsfälle in der Gegend (in der es schon Solaranlagen gibt), beunruhigt und befand, dass niemand mit Sicherheit ausschliessen könne, dass Solaranlagen Krebs verursachen.

Die erste Frage, die beim Lesen dieser Meldung aufkam war jene, welche Wissenschaft Frau Mann in ihrem aktiven Berufsleben unterrichtet hat. Astrologie? Alchemie? Handauflegen? Homöopathie? Diese Fächerauswahl würde ihre Einwände jedenfalls wahrscheinlicher erscheinen lassen als Physik, Chemie oder gar Biologie.

Die Idee, dass Solar-Panele aktiv Lichtstrahlen anziehen und so Pflanzen an der Photosynthese hindern könnten, ist von so exquisitem Wahnsinn, das man sich in einen 1950er B-SciFi-Trash-Movie versetzt sieht (Light Suckers - Solar Panels from Hell!). Doch nach einem Moment der Reflektion über diese Provinzposse bleibt einem das Lachen im Halse stecken, denn die Standpunkte der republikanischen Präsidentschaftskandidaten zu anderen Wissenschaftsthemen sind in etwa auf dem gleichen Niveau wie jenes von Frau Mann zum Thema Lichtstrahlen.

So behaupten diese zum Thema Klimawandel alles mögliche: dass Wissenschaftler auf einem Rachefeldzug seien, dass die Daten unklar seien, dass globaler Klimawandel nicht wirklich sei, weil es gerade kalt sei, wo sie sich befänden. Eine Analyse von AP ergab, dass zum Beispiel Ted Cruz weniger als ein Kindergärtner über das Klima und Wissenschaft wisse. dass er in einer Aussage die Theorie des Klimawandels mit jener, dass die Erde flach sei, verglich und Gallileo Gallilei als jenen nannte, der die Kugelgestalt der Erde erkannte, ist jenseits von Wahnsinn.

Gleichfalls wahnsinnig ist die republikanische Position betreffend Evolution, einer der am besten bewiesenen wissenschaftlichen Theorien (und nochmals: Besser als «Theorie» wird es in der Wissenschaft nicht!) wird von keinem einzigen Republikaner akzeptiert, von den meisten nicht kommentiert oder mit Kreationismus (für den es bislang keinen einzigen Beweis gibt) auf eine Stufe gestellt. Und dann gibt es natürlich noch die Hardcore Bibelwedler, die zum Beispiel - wie Ben Carson - behaupten, dass die Evolution genau wie der Kreationismus Glaube benötige, die Evolution aber für Leute ohne ethisches Fundament sei. Nein, sorry, Evolution braucht keinen Glauben - Glauben braucht Glauben.

Neben diesen Meta-Inkompetenzen (zu denen auch gehört, das manche behaupten, die Erde sei - wegen der Bibel - 6000 Jahre alt), gibt es aber auch noch individuelle Irrläufer.

Bleiben wir gleich bei Ben Carson, der aus irgendwelchen irren biblischen Gründen glaubt, dass die ägyptischen Pyramiden nicht von den alten Ägyptern, sondern von Josef erbaut worden seien. Eine interessante und erfrischend absurde Idee, die einfach den Haken hat, dass sie alles ignoriert, was die Ägypter, die Archäologen und sämtliche historischen Aufzeichnungen zu den Pyramiden zu sagen haben. Doch eben. Glaube kann jedem Schwachsinn ein solides Fundament geben.

Doch auch Donald Trump (der glaubt, dass das Weltklima kälter wird, nur weil er in Kalifornien mal am Frieren war) verzapfte an einer Wahlkampfveranstaltung die alte, längst widerlegte Geschichte von dem durch Impfungen verursachten Autismus und seiner Überzeugung, dass Impfungen gefährlich seien. Aber wer seine Ansichten zum Klimawandel hört, wundert sich nicht, dass er wissenschaftlich in etwa das Niveau der Titanic erreicht hat.

Doch es ist nicht die Blödheit der Kandidaten (oder von Frau Mann), die wirklich beunruhigen müsste, sondern die, dass diese Kandidaten ihre Wissenschaftsfeindlichkeit und/oder -ignoranz als wichtiges Argument für ihre Wähler betrachten, da diese ihre religiöse Überzeugungen über alles andere stellen. Und wenn wissenschaftliche Erkenntnisse (auch als Realität bekannt) diesen Widersprechen, wird ihnen mit Leidenschaft widersprochen und deren Verbreitung bekämpft.

Denn nur ohne Wissenschaft lassen sich beliebte, unterdessen bei den Republikanern verwurzelte Themen wie Rassismus, Energieverschwendung, Umweltverschmutzung und Waffenfetischismus weiter vertreten. Dies erklärt denn auch, warum bei einer Auflistung der Lügen-Anteile an den Aussagen von Politikern die drei Spitzenreiter bei den republikanischen Kandidaten auch zugleich als die grössten drei Lügner aller Präsidentschaftskandidaten und (Vize-)Präsidenten seit 2007 auserkoren wurden.

Es sieht so aus, als hätte sich die republikanische Partei in den letzten Jahrzehnten zu einer Partei entwickelt, die glaubt, dass sich die Realität der Ideologie unterordnet und das Dogmen stärker sind als Tatsachen. Und sie haben - ganz im Sinne einer echt populistischen Partei - eine Wählerschaft heran gezüchtet, welche diese Lügen nicht nur gerne glaubt, sondern immer neue, krassere und absurdere Lügen fordert, nur um das eigene Weltbild bestätigt zu sehen. So wird es denn plötzlich akzeptabel, den Klimawandel und Evolution zu verleugnen oder eine Umzonung abzulehnen, weil man glaubt, dass Solarpanele Licht aufsaugen und Krebs verursachen. Es präsentiert sich ein stimmiges Bild von zuunterst bis zuoberst.

So kann derzeit wahrlich gesagt werden, dass, sollte die Wahrheit je sterben, sie dies vermutlich im Schosse der republikanischen Partei machen würde.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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