Soziale Tierchen
Wühlmäuse trösten verstörte Artgenossen
publiziert: Donnerstag, 21. Jan 2016 / 23:00 Uhr
Die Emory University in Atlanta untersuchte das empathische Verhalten an Präriewühlmäusen.
Die Emory University in Atlanta untersuchte das empathische Verhalten an Präriewühlmäusen.

Atlanta - Nur Menschen haben Mitgefühl? Von wegen. Auch Präriewühlmäuse erkennen, wenn es befreundeten Artgenossen nicht gut geht. Sie trösten sie dann mit tierischen Streicheleinheiten, wie Forscher berichten.

1 Meldung im Zusammenhang
Liebevoll trösten - das können auch Präriewühlmäuse. Mit einer Extra-Portion Fellpflege besänftigen sie Freunde und Verwandte, die gerade eine schlechte Erfahrung gemacht haben, berichten Forscher aus den USA und den Niederlanden im Fachjournal «Science».

Genau wie beim Menschen vermittle das oft «Kuschelhormon» genannte Oxytocin das mitfühlende Verhalten der Nager. Mit der Präriewühlmaus als Labortier könnten sich biologische Mechanismen hinter bestimmten psychischen Erkrankungen wie Autismus oder Schizophrenie besser untersuchen lassen, hoffen die Wissenschaftler.

Mitgefühl im Tierreich

Menschen beginnen etwa ab dem zweiten Lebensjahr, andere zu trösten, heisst es in der Studie. Bisher sei ein vergleichbares Verhalten nur bei wenigen Tieren festgestellt worden, alle mit recht weit entwickelten kognitiven Fähigkeiten: Menschenaffen, Hunden, Elefanten und Rabenvögeln.

«Wissenschaftler haben Tieren bisher nur zögerlich Empathie zugestanden und solchen Verhaltensweisen eher egoistische Motive unterstellt», sagt der Verhaltensforscher Frans de Waal, Mitautor der Studie. «Diese Erklärungen haben im Fall von Trost aber nie funktioniert; deshalb ist diese Studie auch so wichtig.»

Erstautor James Burkett von der Emory University in Atlanta (US-Staat Georgia) und seine Mitarbeiter untersuchten empathisches Verhalten an Präriewühlmäusen (Microtus ochrogaster) im Labor. Die Tiere leben monogam, beide Eltern kümmern sich um die Aufzucht der Jungen.

Trost für verstörten Artgenossen

Die Forscher trennten nun vorübergehend zwei Tiere voneinander. Eines bekam während der Isolation schwache Stromstösse verabreicht. Dann wurden die beiden Nager wieder vereint. Das verstörte Tier wurde daraufhin von seinem Artgenossen durch Ablecken und Fellpflege getröstet. Sein Kummer liess in der Folge nach.

Wurden die Tiere getrennt, aber keines mit Stromstössen geschockt, nahmen Dauer und Intensität der Fellpflege nach der Wiedervereinigung nicht in gleichem Masse zu.

Nah verwandte Wiesenwühlmäuse (Microtus pennsylvanicus) trösteten ihre Artgenossen im gleichen Versuch nicht. Anders als die Präriewühlmäuse gehen die Angehörigen dieser Art keine engen sozialen Bindungen ein. Sie paaren sich mit verschiedenen Partnern und nur einer zieht die Jungen gross.

Hinweise auf Empathie

Weitere Versuche zeigten, dass das nicht geschockte Tier die Empfindungen des anderen offenbar nachfühlte. So nahm zum Beispiel der Gehalt an Stresshormonen in seinem Blut zu, wenn es den Artgenossen nach dem Test nur durch eine durchsichtige Trennwand beobachten konnte.

Hatte es Zugang zu ihm und konnte ihn trösten, verspürte es selbst weniger Stress. Allerdings trösteten die Wühlmäuse nur verwandte und gut bekannte Artgenossen, Fremden spendeten sie keinen Trost.

Als nächstes blockierten die Forscher bei den Tieren den Rezeptor für das Hormon Oxytocin im Gehirn. Daraufhin war es mit dem fürsorglichen Verhalten der Nager vorbei.

Hormon für soziale Bindungen

Beim Menschen wird der Oxytocin-Rezeptor unter anderem mit Empathie und der Wahrnehmung von Emotionen in Verbindung gebracht. Müttern und Babys hilft das Hormon zum Beispiel dabei, eine Bindung zueinander aufzubauen: Durch die Zuwendung der Mutter, etwa beim Stillen, steigt der Oxytocin-Gehalt. Das Baby wendet sich verstärkt der Mutter zu, was wiederum deren Oxytocin-Spiegel steigen lässt.

Insbesondere die mütterliche Versorgung des Nachwuchses, die bei allen Säugetieren zu finden ist, scheint der Ursprung für die Entwicklung vieler komplexer sozialer Verhaltensweisen zu sein, vermuten die Wissenschaftler. Dabei orientierte sich die Aufmerksamkeit vom Nachwuchs weg hin zu erwachsenen Artgenossen.

Viele psychische Erkrankungen des Menschen gehen mit dem Unvermögen einher, Gefühle anderer zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren, schreiben die Wissenschaftler. Die genauere Untersuchung des Oxytocin-abhängigen Trost-Verhaltens bei den Präriewühlmäusen führe möglicherweise zu einem besseren Verständnis dieser Erkrankungen.

(kris/sda)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Je mehr sich Menschen mit ihrer Gruppe identifizieren, umso weniger Stress erleben sie und umso weniger Stresshormone ... mehr lesen
Lange gemeinsame Geschichte sowie geteilte Erfahrungen sind nicht nötig.
Mehr Menschlichkeit für Tiere.
Seriöser Einsatz für das Wohl der Tiere.
Die Kleinen sind gerade mal so gross wie ein Fünffrankenstück.
Die Kleinen sind gerade mal so gross wie ein ...
Sensationeller Zuchterfolg  Goldau SZ - Im Natur- und Tierpark Goldau SZ sind erstmals zwei Europäische Sumpfschildkröten zur Welt gekommen. Die wohl im Herbst geschlüpften Tiere wurden am Samstag von einem Pfleger entdeckt. 
Zwischen 550 und 820 Gramm  Martigny VS - Zehn Bernhardiner-Welpen haben in der Fondation Barry in Martigny VS vor ...
Die kleinen Fellknäuel werden mit Flaschen gefüttert, um die Mutter zu entlasten.
Der 70 Kilogramm schwere Hund wurde dem Papst nach der Audienz auf dem Petersplatz vorgestellt. (Archivbild)
Schweizer Delegation stellt dem Papst Bernhardinerhund vor Bern - «Magnum», ein prächtiges Exemplar von einem Bernhardinerhund und Nachfahre des berühmten «Barry», ist am ...
Mufflons sind Wildschafe.
Jöh  Der Baby-Boom bei den Mufflons läutet jeweils den Frühling im Zoo Basel ein. Zurzeit ...  
Titel Forum Teaser
Die Rega war im Dauereinsatz.
Unglücksfälle Drei Rega-Einsätze innert 14 Stunden Im Kanton Basel-Landschaft kam es in den letzten rund ...
Wir setzen uns für die Verbesserung der Qualität von Tierheimen und Tie ...
 
Wettbewerb
   
Die Alp Grosser Mittelberg im Justistal.
Viel Glück  Die Alpsaison steht vor der Tür. Damit Wanderfreunde den Weg zu den schönsten Alpbeizli finden, haben wir ein Gewinnspiel parat.
Mitmachen und gewinnen.  Rechtzeitig zur Premiere von «The First Avenger: Civil War» verlosen wir zwei Fan-Pakete mit jeweils zwei Kinoeintritten.
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Fr Sa
Zürich 10°C 25°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich vereinzelte Gewitter
Basel 11°C 25°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter vereinzelte Gewitter
St. Gallen 11°C 22°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter vereinzelte Gewitter
Bern 9°C 24°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
Luzern 12°C 24°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
Genf 10°C 25°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
Lugano 13°C 24°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich vereinzelte Gewitter
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten