
Nicht mehr als zwei Fliegen pro öffentliche Toilette - dies hat die Pekinger Stadtverwaltung kurzerhand als neuen Hygiene-Standard verfügt. Viele Pekinger schmunzeln. Allerdings nur solche, die mittlerweile ein Spülklo haben.
Die Diskussion um die Sauberkeit der öffentlichen Toiletten in Peking ist alt. Früher war das Problem drängender, weil die meisten Pekinger noch in der Altstadt oder in einfachen, einstöckigen Häusern (Pingfang) aus den 50er- und 60er-Jahren wohnten. Dort war und ist es eng und Annehmlichkeiten gibt es keine. Heute sind viele Pingfangs und weite Teile der Altstadt modernen Gebäuden gewichen. Millionen zogen im Zuge der Wirtschaftsreform in neue Wohnungen mit allem Komfort wie Bad, Dusche und Spülklo. Zwar ist das Umfeld in den Satelliten-Städten und Wohnsilos nicht mehr so malerisch wie in der Altstadt, dafür grösser und bequemer.
Die «Welt-Toiletten-Organisation» - ja, das gibt es, genau so gut wie den «Welt-Toiletten-Tag» und 2011 den «Welt-Toiletten-Gipfel» in Peking - stufte China als das Land mit den schlechtesten Öffentlichen Toiletten Asiens ein. In einem Kommentar kommt das offizielle, englischsprachige Regierungsblatt «China Daily» kurz und bündig zum selben Schluss, nämlich «scheusslich». Und das nach einem jahrzehntelangen Kampf für bessere Hygiene in den Öffentlichen.
Eine meiner allerersten Reportagen vor über 25 Jahren aus China trug den Titel «Non Olet?». Es ging um nichts weniger als um einen von den Stadtbehörden ausgeschriebenen Wettbewerb für den saubersten Lokus Pekings. Die Recherche hatte es in sich. Das «kleine» Geschäft ging ja noch, aber fürs «grosse Geschäft» war dann doch einige Überwindung nötig. Man stelle sich vor, Betonbalken, Zeitung lesende oder diskutierende Männer. Alles ohne Trennwand und mithin für einen Mitteleuropäer ziemlich gewöhnungsbedürftig. Schliesslich gewann ein öffentlicher Lokus an der Dongsi-Strasse. Das schwierigste an diesem journalistischen Stück war übrigens, die richtigen Worte zu finden. Wie drückt man sich korrekt aus, um die Tatsachen farbig zu schildern ohne zu allzu deftigen Worten greifen zu müssen? Eben.
Kurz bevor die Mitglieder der Jury an der Dongsi-Strasse eintrafen, verspengte der fürs Klo Verantwortliche Chavel-Wasser in rauhen Mengen. Non olet? Und wie, nur eben - wiederum nach mitteleuropäischer Duftnase - noch fürchterlicher als zuvor. Die preisgekrönte Toilette gibt es heute noch. Nur der Putzmann ist nicht mehr der selbe. Der neue, Cheng Xiaoli, habe ich neulich interviewt zum aktuellen Thema der zwei Fliegen. Er hat herzlich gelacht und fügte dann ernster hinzu: «Die Stadtregierung täte besser daran, die Benützer zu reinlichem Verhalten anzuhalten, als tote oder lebendige Fliegen zu zählen».
Dem Thema bin ich über all die Jahre verbunden geblieben. Recherchen führten mich bis in die renommierte Tsinghua-Universität - die ETH Chinas sozusagen. Dort wurde geforscht, wie man mit Wasser-Klos weniger Wasser verbraucht. Dazu muss man wissen, dass Peking wie ganz Nordchina an akutem Wassermangel leidet. Als nun Millionen in moderne Wohnungen zogen, wurde es notwendig, den Wasserverbrauch drastisch einzuschränken. Dank der Recherchen an der Tsinghua-Uni weiss ich jetzt, dass früher eine Normalspülung 13 Liter Wasser verbrauchte. Die findigen Ingenieure drückten das auf heute drei bis fünf Liter hinunter. Andere Forscher vom Chemie-Departement tüftelten an Alternativ-Techniken. Ergebnis: Entsorgung der Notdurft nach dem Motto «Keine Spülung - kein Gestank». Non olet eben, es stinkt nicht. Öffentliche Toiletten heissen heute noch in Frankreich «Vespasienne» und in Italien «Vespasiani». Roms Kaiser Vespasian (AD 1. Jhd) aber meinte nicht Toiletten sondern Geld. Er erhob eine Latrinen-Steuer und als Sohn Titus diesen Schritt unwillig kommentierte, hielt der Kaiser ihm ein Geldstück unter die Nase. «Pecunia non olet» (Geld stinkt nicht) wurde zum geflügelten Wort. Non olet mit grossem Fragezeichen scheint auf Pekings Hutongs angewendet der adäquate Ausdruck. Im Sommer zumal braucht es keinen der überall aufgestellten Hinweisschilder. Einfach der Nase nach.
Öffentliche Klosetts in den Altstadt-Hutongs, aber auch in Supermärkten, Spitälern, Busstationen, Bahnhöfen und Parks sind in Chinas Städten, besonders aber in Peking für Millionen eine Notwendigkeit. Die Bemühungen der Stadtregierung sind gewiss lobenswert. Aber meist versandet alles nach kurzer Zeit. Vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking zum Beispiel bekamen öffentliche Toiletten Sterne, doch die damals am höchsten eingestuften Klos sehen heute unbeschreiblich aus - es fehlen mir die Worte. Der Kommentator von «China Daily» brachte es, finde ich, abschliessend auf den Punkt: «Solange die öffentlichen Toiletten sauber sind, braucht es wenig Technologie, um dem Ruf der Natur gerecht zu werden». Wie wahr!
(Peter Achten/news.ch)
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