«Die Menschen wollen freie Wahlen, Demokratie, das Ende des Regimes»
Zwei Millionen Menschen auf dem Tahrir-Platz
publiziert: Dienstag, 1. Feb 2011 / 15:06 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 1. Feb 2011 / 16:38 Uhr
Demonstranten haben hunderte von Anti-Mubarak-Schildern vor das Regierungsgebäude gelegt.
Demonstranten haben hunderte von Anti-Mubarak-Schildern vor das Regierungsgebäude gelegt.

Al Jazeera berichtet, dass knapp zwei Millionen Menschen in Kairo auf dem Tahrir-Platz Mubaraks Rücktritt fordern. «Das ist sein Ende», sagt einer der Demonstranten gegenüber Al Jazeera. Unterdessen geht die UNO von 300 Toten und knapp 3000 Verletzten aus.

11 Meldungen im Zusammenhang
Unglaubliche Szenen spielen sich während der grössten Massendemonstration Ägyptens ab. Lautstark fordern zwischen einer und zwei Millionen Menschen den Rücktritt von Präsident Husni Mubarak. Und nicht nur das. «Die Menschen wollen freie Wahlen, Demokratie, das Ende des Regimes», so einer der Demonstranten zu Al Jazeera. «Wir wollen nicht einfach eine neue Figur, die die Kontrolle übernimmt. Wir wollen faire Wahlen.»

Unterstützt werden die Demonstranten durch das ägyptische Militär. Nachdem der Armeesprecher gestern die Position des Militärs offengelegt hat, ist die Armee bemüht, die Proteste friedlich zu halten. So berichtet Al Jazeera, dass Soldaten einen Kleinbus mit Waffen kurz vor dem Tahrir-Platz abgefangen und die Insassen verhaftet hätten. Das Militär verteilt ausserdem Flugblätter mit dem Aufruf, friedlich und gewaltfrei zu bleiben und hat in einer Kundgebung die Demonstranten daran erinnert, dass ihre Taten von Millionen von Menschen von den Fernsehbildschirmen und dem Internet aus verfolgt werden.

Demonstranten immer noch führungslos

Die Demonstranten bleiben immer noch ohne Führer. Obwohl sich neben Mohamed El Baradei nun auch Amr Mussa gegenüber verschiedenen Fernsehstationen als Politiker angeboten. Mussa ist Generalsekretär der arabischen Liga und ein bekannter Politiker im arabischen Raum. Bei beiden stellt sich die Frage der Legitimation: El Baradei hat sich neuerdings von den Demonstrationen ferngehalten, während Mussa nie direkt daran beteiligt war. Aus Sicht des Volkes stellt sich nun die Frage, wie man den Weg zu demokratischen Wahlen beschreiten könnte. Bei einem Rücktritt von Mubarak wäre das Militär vorzeitig an der Macht. Ob sich eine Militärjunta bilden würde, das Militär mit Oppositionspolitikern eine Lösung suchen würde oder ob eine Partei versuchen würde, die Macht an sich zu greifen bleibt offen.

Die Oppositionspolitiker haben sich unterdessen heute Nachmittag zusammengeschlossen und besprachen die weitere Vorgehensweise. Sie werden sich erst zu Gesprächen mit dem Vize-Präsidenten Omar Suleiman bereit erklären, wenn Mubarak das Land verlassen hat. Sie fordern eine «Regierung der nationalen Allianz», die Auflösung der beiden Kammern sowie die Ausarbeitung einer neuen Verfassung durch eine Arbeitsgruppe. El Baradei nahm an diesen Gesprächen nicht teil.

Recep Tayyip Erdogan ruft Mubarak auf, dem Volkswillen zu folgen

Der türkische Ministerpräsident rief Mubarak dazu auf, auf sein Volk zu hören, denn niemand könne gegen den Willen seines Volkes an der Macht bleiben. Ausserdem erinnerte er die Ägypter daran, friedlich zu bleiben, und das wertvolle Kulturerbe nicht weiter zu zerstören. Bis jetzt wurden im ägyptischen Nationalmuseum zwei Mumien demoliert.

Nach Angaben auf der offiziellen Homepage, beschützen im Moment einige junge Ägypter die 'Bibliotheca Alexandrina', die als Erinnerung an die abgebrannte, von Legenden umwobene, Bibliothek von Alexandria 2002 eröffnet wurde.

Obama schickt einen Vermittler

CNN berichtete, dass die USA den früheren Botschafter Frank Wisner als Vermittler nach Ägypten geschickt haben. Ob das auf Zustimmung beim Volk stösst, ist fraglich. Durch die Unterstützung, die Amerika dem Regime über Jahre hinweg geliefert hat, fordern viele, dass sich der politisch enge Verbündete Ägyptens nicht einmischt. Auch dass die Tränengasflaschen der ägyptischen Polizei mit einem grossen «Made in the USA» versehen sind, wird die Sympathie nicht angeregt haben.

Massenmedien zu stoppen ist unmöglich

Unterdessen unternimmt die Regierung weitere Versuche, um den arabischen Fernsehsender Al Jazeera von der Berichterstattung abzuhalten. Ein weiterer Satellit sendet nun keine Bilder mehr und die Journalisten werden immernoch in den Hotels festgehalten. Nichtsdestotrotz bleibt Al Jazeera immer auf dem neuesten Stand - unter anderem dank Blogs, Twitter und YouTube.

Die Blockade des Senders wurde mit Unterstützung von weiteren Medienhäusern überwunden - im Moment senden mehrere arabische Fernsehsender das Signal von Al Jazeera.

Mehr als 4500 Ausländer sitzen am Flughafen Kairo fest

Immer mehr Ausländer und Ägypter verlassen angesichts der anhaltenden Proteste gegen Staatspräsident Husni Mubarak das Land. Am Flughafen in Kairo führte dies am Dienstag teils zu chaotischen Zuständen, wie Reisende berichteten.

Zwar trafen weitere Sondermaschinen ein, um Ausländer und Einheimische ausser Landes zu fliegen, doch mehr als 4500 Menschen warteten am Dienstagmittag verzweifelt darauf, das Land verlassen zu können. Selbst ein Flugticket garantierte nicht, dass Passagiere einen Platz im Flieger erhielten.

Abzug von Botschaftern, verschärfte Reisewarnungen

Unterdessen verschärften die USA, Deutschland sowie die Schweiz ihre Reisewarnungen. Alle Länder rieten Staatsangehörigen davon ab, nach Ägypten zu reisen, und empfohlen dort Anwesenden, zeitweise das Land zu verlassen. Al Jazeera nach, wird auch England am Mittwoch ein Flugzeug nach Ägypten senden, um übrige Engländer zurückzubefordern.

Die USA liessen ausserdem alle nicht «absolut notwendigen» Botschafter aus Ägypten abziehen.

Ausbreitung der Proteste nach Suez, Alexandria - und auch Algerien und Syrien

Auch in anderen grossen Städten haben sich tausende von Demonstranten versammelt. Laut Berichten von CNN in Alexandria und Suez sogar je über hunderttausend Demonstranten, die neben der Forderung nach Mubaraks Rücktritt auch ihre Solidarität zu den Protestierenden in Kairo ausdrücken wollen.

Motiviert von den Geschehnissen in Tunesien und Ägypten befinden sich weitere Staaten in Aufruhr. In Jordanien wird seit Tagen protestiert und genau so auch im Jemen. In Algerien haben die Gewerkschaften und die Opposition für die nächsten Tage ebenfalls Grossdemonstrationen angekündigt. Zuvor hatten sich in Algerien mehrere junge Männer aus Verzweiflung und Protest angezündet oder sich die Haut aufgeschlitzt.

Auch in Syrien rufen Oppositionsgruppen über das Internet zu grossen Demonstrationen auf. Der Präsident Baschar al-Assad hatte zuvor grosse Reformen versprochen - vermutlich aus Angst vor der Ausbreitung des Aufstandes.

In dieser Sekunde strömen immer noch weitere Menschen auf den Tahrir-Platz.

(David Nägeli/news.ch mit Agenturen)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Amman - In Jordanien haben hunderte Menschen gegen den erst am ... mehr lesen
In Jordanien gab es in den vergangenen Wochen wiederholt Proteste.
Sanaa/Istanbul - Im Nahen Osten gibt ... mehr lesen
Ali Abdullah Saleh: Nun doch keine lebenslange Herrschaft.
Ausharren bis das Unrechtsregime weg ist: Demonstranten in Kairo
Dschungelbuch Tunesien, Ägypten, der Jemen, ... mehr lesen 1
Washington - US-Präsident Barack ... mehr lesen
US-Präsident Barack Obama.
Weitere Artikel im Zusammenhang
Bern - Schweizer Firmen reagieren auf den Aufstand in Ägypten: UBS, ABB und ... mehr lesen
Unter den momentanen Umständen schliessen grosse Schweizer Firmen ihre Büros in Kairo.
Bereits Anfang Januar gab es starke Proteste in Algerien (Archivbild).
Algier - Unter dem Eindruck der Entwicklungen in Tunesien und Ägypten formiert sich auch in Algerien der Widerstand gegen das herrschende System und die sozialen Missstände im ... mehr lesen
Amman - Nach Tunesien, Ägypten und Jemen brodelt es nun auch in Jordanien. ... mehr lesen
Die Demonstranten in Jordanien erreichen ihr erstes Ziel.
Trotz mangelhafter Kommunikation und keinem öffentlichen Verkehr auf der Strasse.
Kairo - Am achten Tag der Proteste gegen den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak haben sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo und angrenzenden Strassen mehr als 100'000 ... mehr lesen
Kairo - Ungeachtet der Ausgangssperre gehen die Proteste gegen das Regime des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak auch in der Nacht zum Dienstag weiter. Am Dienstag Morgen finden sich bereits wieder Demonstranten auf der Strasse. mehr lesen 
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Gezi Park Proteste in Istanbul in 2013. (Archivbild)
Gezi Park Proteste in Istanbul in 2013. ...
«Überall ist Taksim, überall ist Widerstand»  Istanbul - Zum dritten Jahrestag des Beginns der Gezi-Proteste haben in Istanbul Hunderte Menschen gegen die islamisch-konservative Staatsführung der Türkei demonstriert. mehr lesen 1
Keine unabhängigen Informationen  Beirut - Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat ihre Offensive im Norden Syriens am Dienstag fortgesetzt. Versuche von oppositionellen syrischen Kräften, die am Freitag begonnene Offensive zurückzuschlagen, seien gescheitert. mehr lesen   1
Erster Weltkrieg  Hamburg - Zum 100. Jahrestag der Skagerrak-Schlacht haben Deutschland und Grossbritannien am Dienstag gemeinsam der tausenden Toten des grössten Seegefechts der Geschichte ... mehr lesen
Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck nahm an der Gedenkfeier teil.
Die Schweizer Botschaft in Berlin mit Tunnel-Schriftzug.
Gotthard 2016  Berlin - «Tunnel» - mit sechs Riesenbuchstaben feiert die Schweizer Botschaft in Berlin die Eröffnung des neuen Gotthard-Basistunnels. Während zwei Monaten wird der ... mehr lesen   1
Titel Forum Teaser
  • keinschaf aus Wladiwostok 2826
    belustigend peinlich Das kommt schon fast in die Nähe der Verwechslung von Oekonomie mit ... Mi, 28.12.16 01:21
  • Unwichtiger aus Zürich 11
    Grammatik? Wie kann Stoltenberg denn Heute schon wissen, welche Entscheidungen am ... Sa, 22.10.16 10:59
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Der phallophile Blick eines cerebrophoben Schäfleins! Frau Stämpfli schrieb am Ende ... Mo, 26.09.16 17:32
  • keinschaf aus Wladiwostok 2826
    phallophobe Geschichtsrückblicke "Und die grösste Denkerin des 21. Jahrhunderts? Verdient ihr Geld mit ... Sa, 13.08.16 17:48
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Alle Demonstranten gefilmt. Der Erdogan lässt doch keine Domo gegen sich zu! Die ... Di, 21.06.16 16:42
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Konzernrecht? Konzernpfusch! Was ist denn das? Konzerne werden vorwiegend von Vollidioten geführt. ... Fr, 10.06.16 17:49
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Das wird die Deutschen aber traurig machen. Wenn man keinen Flughafen und keinen Bahnhof ... Mi, 08.06.16 17:49
  • zombie1969 aus Frauenfeld 3945
    Der... Daesh (IS) kommt immer mehr unter Druck. Davon sind inzwischen auch ... Do, 02.06.16 19:22
Jonathan Mann moderiert auf CNN International immer samstags, um 20.00 Uhr, die US- Politsendung Political Mann.
CNN-News Was würde «Präsident Trump» tatsächlich bedeuten? Noch ist absolut nichts sicher, doch es ...
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 6°C 19°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Basel 8°C 19°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
St. Gallen 10°C 17°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Bern 4°C 18°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Luzern 9°C 18°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Genf 4°C 18°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Lugano 8°C 20°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten