Irland, die verpfändete Insel

Bankenkrise: Wie die Iren ihren Tiger häuteten

publiziert: Montag, 22. Nov 2010 / 10:52 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 23. Nov 2010 / 20:39 Uhr
Das Fell des keltischen Tigers kann an der Wand des Büros eines Banken-CEO's besichtigt werden.
Das Fell des keltischen Tigers kann an der Wand des Büros eines Banken-CEO's besichtigt werden.

Es war eine Zeit, wie sie Irland noch nie in seiner Geschichte erlebt hatte. Die Insel, die jahrhundertelang unter dem Joch der Kolonialherren aus England gestöhnt, Hungersnöte, Unterdrückung, Massen-Emigrationen, Befreiungskriege und autoritäre Regierungen durchlitten und als eines der Armenhäuser Europas gegolten hatte, war auf einmal wer.

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Ja, in Anlehnung an die aufstrebenden Staaten in Südostasien wurde Irland zwischen 1995 und 2007 sogar als der «Keltische Tiger» bezeichnet. Das hätte eigentlich ein Omen sein sollen, weiss doch ein jeder, dass Tiger kaum für das feuchte und kühle Klima dieser Atlantikinsel geschaffen sind. Die entsprechende Katzengrippe schlug denn auch zu.

Genauso wie auch die USA lebte Irland auf Pump und auf Hoffnung. Die Hoffnung war, dass es immer so weiter gehen würde. Die extrem tiefen Unternehmenssteuern lockten viel Firmen ins Land, um ihre Gewinne in Dublin versteuern zu können, ohne das Geld wirklich im Land zu lassen. Aber es blieb genug, um die Immobilienpreise in die Höhe zu treiben und die Iren, die traditionellerweise arm und benachteiligt gewesen waren, in einen Konsumrausch zu treiben.

Ja, es kam so weit, dass viele ausgewanderte Iren wieder zurück in ihre Heimat kamen. Shoppingtrips nach Nordirland waren populär. Das gute Einkommen, der hohe Euro und das niedrige Pfund erlaubten es ihnen, ihre neu gekauften oder geleasten Range Rover, BMW X5 und andere Edel-SUV's mit Konsumgütern voll zu stopfen und nach einem guten Mittagessen wieder zurück zu kehren und im neuen Eigenheim ihren Wohlstand zu geniessen. Und am Jahresende wurden jeweils Tonnen von Feuerwerk – das in Irland selbst verboten ist – über die Grenze geschmuggelt: ein fröhlicher Ausgleich für den während der vorherigen Jahrzehnten nach Nordirland für die IRA geschmuggelten Sprengstoff. Und bei der Party machen natürlich auch die irischen Banken mit, gaben sorglos Kredite, spekulierten, riskierten – man war endlich bei den Grössten mit dabei – wenn auch nur auf Pump.

Dies alles konnte natürlich nur klappen, wenn viel Treibstoff in der Form von spekulativen Krediten in die Wirtschaft der grünen Insel gepumpt wurde. Wo gezockt wird, fand und findet man immer die globalen Grossbanken und in Irland war die Deutsche Bank ganz gross drin.

Als die globalen Spekulationsblasen zu platzen begannen, stand das irische Bankensystem nicht am Abgrund, nein, es verhielt sich eher wie ein Düsenjäger im Steigflug, dem die Triebwerke verrecken. Nur eine unglaubliche Staatsgarantie von 400 Milliarden Euro konnte schon 2008 einen Kollaps der irischen Banken verhindern und Verstaatlichungen einzelner Institute folgten schon kurz darauf.

Die kumulierten Schulden der irischen Banken betragen irgendwas in der Gegend von 100 Milliarden Euro. Machen wir die Rechnung einfach, und gehen von 90 Milliarden aus, hat nun jeder Ire 20000 Euro Staatsschulden, die eigentlich Bankschulden sind. Schulden, welche die Gläubiger-Banken auf keinen Fall abschreiben wollen, denn das wäre schlecht für die Jahresend-Boni.

Wenn jetzt die Europäer mit ihrem Irland-Rettungsschirm für die Refinanzierung der irischen Banken bürgen, dann bürgen sie vor allem für Schulden bei anderen europäischen Banken, deren Bosse nun, wie eben erst – Überraschung! - der Deutsche Bank Chef Joe Ackermann, ihr Herz für die EU entdeckt haben und heftigst für den Euro-Rettungsschirm für Irland weibelten.

Denn es geht darum, dass die EU das unverantwortliche Risiko tragen soll, dass die Gläubiger-Banken Irlands eingegangen sind, als sie das Kasino auf der Grünen Insel mit Geld vollpumpten. Und es scheint zu klappen. Die Schreckensszenarien wirken, obwohl sich Irland bis vor Tagen noch mit Händen und Füssen gegen die EU-Hilfe gewehrt hat. Hauptsache, die Banken müssen sich nicht am mit angerichteten Schlamassel beteiligen.

So haben die Iren denn ihren Tiger geschlachtet, gehäutet und das Fell den Grossbanken gegeben, die dafür über kurz oder lang aus den Töpfen der EU auch noch entschädigt werden. So verliert am Ende nur der Steuerzahler... und so soll es ja auch sein, nicht wahr, Herr Ackermann?

(et/news.ch)

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Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei. Die Politiker die an den Regeln des Marktes schraubten oder die Banken die raffgierig handeln.

Klar haben die Banken nur das gemacht, was ihnen ermöglicht wurde durch fortwährende Deregulierungen, die ja erst die Politik ermöglicht hat.

Wer soll den die Banken überwachen? Selbstverantwortung oder Selbstregulierung gibt es schlicht nicht in der Finanzbranche.

Die Staaten und Banken (Portugal oder Spanien z.B) sind gerade dran sich gegenseitig in den Abgrund zu stürzen, spätestens 2011 ist es dann bei diesen beiden soweit.
Ich persönlich gebe halt jetzt vor allem den Banken die Schuld, denn selbst wenn man jemandem eine geladene Waffe übergibt, darf man davon ausgehen, dass derjenige nicht auf einem zielt und abdrückt.
Die Banken haben mit Lobbying jahrelang (jahrzehntelang), und mit Milliarden die Politik unterwandert um möglichst frei von jeglichen eigentlich marktwirtschaftlich gesunden Gesetzen handeln zu können um uns alle den Wohlstand zu bringen. Toll, das hätte gut gehen können für alle Zeiten, aber die Raffgier ist grösser als die Selbstverantwortung.

Irland ist das beste Beispiel dafür, wie die Banken (mit freundlicher Mithilfe der Regierungen) eine ganze Volkswirtschaft nachhaltig ruinieren kann.

Die Banken haben die Schweiz reich gemacht. Ja und Nein. Wir, das Volk, fleissig, innovativ und verantwortungsbewusst haben uns selber reich gemacht. Die Banken haben dabei geholfen.
Trotzdem, die UBS hätte unsere ganze Wirtschaft ruiniert, hätte unsere Führungsriege sie in einer Nacht- und Nebel-Aktion nicht gerettet (mehreremale).
Das kann man gut finden oder nicht. Mir persönlich wäre eine geordnete Insolvenz lieber gewesen. Auch das hätte unser Markt überlebt, wenn auch sicher kurzfristig mit grösseren Schäden.
Ach sowas
aber auch. JB
Thema Banken und sie sind auf zack und erklären die Welt.

Ist's vielleicht nicht eher so, dass die staatlichen Notenbanken zuviel Geld herausgegeben haben, dass dann als günstig Geld an Hinz und Kunz verliehen werden konnte?

Die Demokraten in den USA, damals unter Clinton, beschlossen gleichzeitig, auf Teufel komm raus, jedem ohne Ansehen der Kreditwürdigkeit, einen Hauskauf zu ermöglichen.
Das hat uns die aktuelle Finanzkrise eingebrockt. Die übrigens immer noch nicht überstanden ist.

Die UBS war lange sehr zurückhaltend, bevor auch sie auf den fahrenden Zug aufgesprungen ist.

Ich find's lustig, dass Sie vorschlagen, die Politik habe die Banken zu überwachen. Die gleiche Politik also, die mitschuldig oder sogar Auslöser der Krise ist. Siehe Griechenland. Die Politik hat den Schwarzen Peter sauber weitergereicht. Die Verantwortlichen vergolden sich ihre staatliche Pension gerade damit, durch die Lande zu ziehen und gute Ratschläge an die Leute zu bringen.

Der Leuenberger hat's da besser. Als ehemaliger verantwortlicher staatlicher Bauherr ist er ja beim Baukonzern auch bestens aufgehoben.

Aber lassen Sie sich nicht weiter in Ihrer Meinung, dass das Bankwesen, dass die Schweiz mit reich gemacht hat, des Teufels sei.

Des Teufels, wohl schon seit den Chinesen und den Fuggern. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, gab's schon bei den Chinesen vor tausend Jahren Probleme, weil ein Kaiser bemerkte, wie günstig man an Geld kommen kann, wenn man die Druckerpresse anwirft.

Es sind Beamte, die ihre Politik günstig finanzieren wollen und deshalb an den Regeln des Marktes schrauben, die unser Untergang sind, JB.

Sie JB wollen den Bock zum Gärtner machen. Wieso?
Banken = Unser Untergang
Irland ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie die Banken völlig frei von Regeln, Regulationen oder Kontrollen, die Wirtschaftsregeln ad absurdum führen und ganze Staaten in den Abgrund treiben, bzw. den ganzen Euro-Raum, bzw. die ganze westliche Welt.

Wer bis heute noch nicht begriffen hat, dass in Zukunft die Finanzbranche wieder unter Kontrolle gebracht werden muss...
Der Wohlstand der uns die freie Marktwirtschaft, bzw. das total deregulierte Bankentreiben gebracht hat ist eine Blase die Risse bekommen hat.
Leider wird die Luft erst ganz rausgehen müssen, bisvor diesen Wirtschaftsterroristen endlich Ketten, bzw. Regeln angelegt wird
.
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