Chatami bricht das Frauenlager weg

publiziert: Montag, 16. Feb 2004 / 08:54 Uhr

Teheran - Einst bildeten sie eine Bastion des Reformers Mohammed Chatami: die weiblichen Wählerinnen. Doch wie viele ihrer männlichen Landsleute wenden sich immer mehr Iranerinnen enttäuscht vom Präsidenten ab.

Mehr als die Hälfte der 46 Millionen Wahlberechtigten sind Frauen, doch den Stimmen auf der Strasse nach zu urteilen wird die Mehrzahl von ihnen nicht zur Parlamentswahl am kommenden Freitag gehen. Sie haben die Hoffnung auf bessere Zeiten aufgegeben.

Sie werde nicht wählen gehen, weiss eine vor der Universität von Teheran befragte junge Frau schon sehr genau. Für die 22-Jährige ist der Urnengang sinnlos geworden, nachdem der erzkonservative Wächterrat über 200 Kandidaten von der Wahl ausgeschlossen hat.

Die mit rotem Mantel und weissem Kopftuch - beide Farben waren vor Chatamis Amtsantritt für Frauen verboten - bekleidete Frau bezeichnet sich als unpolitisch. Ihr Recht auf Meinungsfreiheit kennt sie aber. Und sieht daher nur einen einzigen Ausweg: "Dass die Dinge immer schlimmer werden, bis alles explodiert."

Keine Hoffnung

Auch die 25-jährige Studentin Oldus ist pessimistisch: "Ich denke lieber nicht über die Zukunft meines Landes nach", sagt sie. "Ich habe keine Hoffnung."

Ob ein Boykott der Wahlurnen die Lösung ist, kann die angehende Künstlerin in der pinkfarbenen engen Jacke nicht mit Sicherheit beantworten. Aber wenigstens wüssten dann die Konservativen, dass die Jungen nicht auf ihrer Seite stünden.

Wie viele andere ist auch Oldus enttäuscht von Chatami, dem sie beim letzten Mal ihre Stimme gegeben hat. Derzeit gebe es keinen "wahren Helden" mehr in Iran, bedauert sie. Die meisten jungen Leute dächten sowieso nur an eins: einen guten Job im Ausland zu finden und auszuwandern.

Veto des Wächterrats

Einst hatte der gut aussehende Chatami die weibliche Wählerschaft mit seiner Liebe zu Kultur, vor allem aber mit seinem Versprechen einer "islamischen Demokratie" begeistert. Als Zeichen seines guten Willens setzte er sogar die erste Frau als stellvertretende Präsidentin in der Geschichte des Landes ein.

Doch Grundsätzliches änderte sich kaum. "60 bis 70 Prozent der Abgeordneten waren Reformer, aber sie konnten nichts machen", sagt eine 18-jährige Psychologiestudentin. "Jedes Mal, wenn sie etwas ändern wollten, hat der Wächterrat sein Veto eingelegt."

Unzufrieden mit allen

Den allgemein vorherrschenden Frust fasst die 46-jährige frühere Lehrerin Roja so zusammen: "Ich bin unzufrieden mit den Kandidaten, den derzeitigen Abgeordneten, der Regierung und der geistlichen Führung." Angesichts der erdrückenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes könnten die Dinge gar nicht schlechter stehen.

Eine andere Frau hat ihren Protest gegen die herrschenden Zustände gleich auf ihren Ehemann übertragen, wie der 30-Jährige berichtet. Sie habe nicht nur beschlossen, die Wahl zu boykottieren, sondern gleich auch seine Wählerkarte versteckt, damit er nicht doch noch zur Urne gehen könne.

(Von Ria Daou/afp)

 
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