Das Puzzle des Grauens

publiziert: Montag, 17. Dez 2012 / 12:32 Uhr / aktualisiert: Montag, 17. Dez 2012 / 14:16 Uhr
Ausschnitt aus dem «Bushmaster»-Sortiment: Tödlicher Einsatz gegen Grundschüler wird nicht erwähnt.
Ausschnitt aus dem «Bushmaster»-Sortiment: Tödlicher Einsatz gegen Grundschüler wird nicht erwähnt.

Es gibt Dinge, die will man eigentlich gar nicht wissen. Sich näher mit dem Massaker von Newton zu befassen, ist für einen mitfühlenden Menschen unerträglich, sich die Szenen vorzustellen, die sich abgespielt haben müssen, niederschmetternd. Die einzige Möglichkeit der Analyse ist die kalte Distanzierung.

8 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Wikipedia zum Sandy Hook Massaker
Kontinuierlich aktualisierter Wikipedia-Artikel zu dem Amok-Lauf (Englisch)
wikipedia.org

28 Menschen sind tot. 20 Kinder, 7 Erwachsene und der 20-jährige Mörder. Der Täter, Adam Lanza, nutzte für die meisten Morde ein halbautomatisches Sturmgewehr der Marke Bushmaster. Er litt angeblich unter Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen, habe z.B. keinen Schmerz spüren können. Die Waffen, die er benutzte, gehörten alle seiner Mutter, deren Hobby diese waren und die nach verschiedenen Angaben bis zu sieben Schusswaffen besass und sich als «Survivalist» auf eine kommende Apokalypse vorbereitete. Die Mutter war sein erstes Opfer. Das Motiv des Täters ist unbekannt.

Diese Auflistung kann weder den Schmerz, noch den Schrecken auch nur berühren, die der Täter verursacht hat. Doch dies kann auch kein Buch von tausend Seiten, gefüllt mit den mitfühlendsten Worten von hundert Poeten. Der Schmerz eines Vaters oder einer Mutter, deren kleines Kind, das man am Morgen zum Abschied noch einmal geküsst hat und das nie mehr zurück kommt, weil es von einem Irren im Kindergarten erschossen worden ist, lässt sich nicht in Worte fassen. Probieren wir es also lieber gar nicht.

Doch die Auflistung zeigt Teile eines Puzzles, von dem nur ein Teil hätte fehlen müssen, damit viele, wenn nicht gar alle Opfer verschont geblieben wären.

Dies beginnt natürlich bei den Waffen. Das Recht Waffen zu besitzen ist in den USA Sakrosankt - ein Relikt aus den Gründungszeit des Staates, der aus einem Kampf gegen die Kolonialmacht Grossbritannien hervorgegangen ist. Doch in den letzten Jahrzehnten hat eine Hochrüstung stattgefunden, im Rahmen derer eben auch Gewehre wie das Bushmaster M4-A3 Sturmgewehr, dass dank seiner Lauflänge von 16 Zoll mit einer Waffenlizenz käuflich ist, immer verbreiteter wurden.

Diese Art von Sturmgewehr gehört schlicht und ergreifend verboten. Es gibt keinen vernünftigen Grund (weder Jagd noch Selbstverteidigung), so ein Teil zu besitzen, ausser, um damit am Schiessstand zu prahlen oder ein Massaker anzurichten.

Der einzige Grund warum sie verkauft werden, ist die Gier nach Geld. Auf der Website von Bushmaster werden die Sturmgewehre zu Preisen zwischen 840 und 2500 US-Dollar angepriesen. Dass sie sich eben im tödlichen Einsatz gegen Grundschüler bewährt haben, wird hingegen nicht erwähnt.

Die generelle Diskussion wird derzeit stark auf die Person des Attentäters und dessen angebliches Asperger-Syndrom (eine milde Form des Autismus) fokussiert. Fakt ist, dass derzeit weder klar ist, ob Lanza an diesem Syndrom litt, ob es eine andere Persönlichkeitsstörung, oder er einfach nur exzentrisch war. Sollte er aber an Persönlichkeitsstörungen gelitten haben, wäre er in den USA vermutlich unbehandelt geblieben, solange er nicht offiziell zur Gefahr, das heisst, zum Verbrecher erklärt worden wäre. Eltern, die ihre Kinder nach einem ersten Zwischenfall nicht gleich verhaften lassen wollen, fühlen sich offenbar sehr alleine gelassen. Während in Europa die Tendenz herrscht, jede Auffälligkeit sofort und auf jeder Stufe der Entwicklung zu vermessen und exzessiv zu therapieren, scheint es in den USA lediglich die Alternativen «ignorieren» und «einlochen» zu geben.

Trotz der mageren Informationslage wird die Debatte von manchen Kreisen allen Ernstes schon jetzt auf die Schiene: «Wir brauchen mehr Waffen, um unsere Kinder gegen mörderische Autisten verteidigen zu können», gelenkt. Dabei wird tunlichst nicht erwähnt, dass die Mutter, das erste der Opfer, von Lanza mit einer ihrer eigenen Waffen erschossen wurde. Alle der verwendeten Waffen waren legal erworben und registriert. Das Sturmgewehr, dessen Feuergeschwindigkeit und Magazingrösse (der Hersteller bietet ein 40er Magazin an) machte den Massenmord erst möglich.

Welche Rolle die Waffen- und Endzeit-Narretei der Mutter spielte, ist ebenso unklar wie der Auslöser des Massakers. Aber man kann es drehen und wenden wie man will. Im Zentrum steht zwar der Täter, doch ohne das Sturmgewehr hätte er bei weitem nicht so viel Leid anrichten können und ohne Zugang zu jeglichen Schusswaffen hätte es schlimmstenfalls eine Messerattacke gegeben, wie gleichentags in China, wo durch einen Amokläufer 20 Kinder verletzt, aber keines getötet wurden.

Jedes Schulmassaker, jeder Amoklauf hat eine eigene Dynamik. Doch in jedem Fall in den letzten zwanzig Jahren wurde die grosse Anzahl an Opfern durch Schusswaffen erst möglich und in keinem Fall wurde(n) der/die Täter durch Schusswaffen in den Händen privater aufgehalten, was das «Waffen schützen vor Amokläufen»-Argument ad absurdum führt. Erst das Eintreffen der Polizei und anderer Einsatzkräfte setzte dem Schrecken jeweils ein Ende.

Die Pro-Waffen Argumente zerbröseln im Licht der Fakten wie ein Vampir beim Sonnenbad. Am Ende steht nämlich das Interesse einer Milliardenindustrie, die jedes Jahr Millionen von Waffen in den USA verkauft, gegen das Leben Unschuldiger. Das Verbot von Sturmgewehren für Privatpersonen muss die erste Konsequenz aus diesem Schrecken sein, ein weniger auf den Kommerz ausgerichtetes Waffen-Gesetz die nächste. Und vielleicht kann die Gesundheitsreform von Obama ja dafür sorgen, dass in Zukunft Kinder und Jugendliche mit ernsthaften mentalen Problemen die Behandlung bekommen, die sie benötigen.

Das wichtigste Teil des Puzzles ist bekannt. Wenn es die Regierung Obama nicht schafft, dieses zu entfernen, begänne deren zweite Amtszeit schon wieder mit einer Niederlage - nicht nur für ihn, sondern auch für all die Opfer von Sandy Hook und deren Angehörigen.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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Nicht im Brennpunkt der Öffentlichkeit stehen die hunderten zivilen Opfer der Drohnenangriffe der USA in Afghanistan, Pakistan, dem Jemen, in den Philippinen und in Somalia. US-Präsident Barack Obama segnet diese Drohnenangriffe persönlich ab, die immer wieder vielen Männern, Frauen und Kindern das Leben kosten, die nichts mit dem Terrorismus zu tun haben.

Auch die zivilen Opfer des Krieges in Libyen sind schon vergessen. Laut dem deutschen Fernsehsender ARD soll der Krieg in Libyen im letzten Jahr 90‘000 Menschen das Leben gekostet haben. Wikipedia schreibt von 30‘000 Opfern. Die Nato und arabische Staaten flogen in diesem Krieg 26‘323 Lufteinsätze und 9‘658 Bombenangriffe. Wie in jedem heutigen „modernen“ Krieg werden in Libyen 90 – 95 der Opfer Zivilpersonen gewesen sein, Frauen, Kinder und Männer, getötet hauptsächlich durch die Luftangriffe der Nato. In unseren Medien wurde dieser Krieg in Libyen meist als gerechter Krieg, ja sogar als humanitärer Einsatz zum Schutze der Zivilbevölkerung dargestellt. Zehn Prozent der tausenden Bomben-Einsätze in Libyen wurden von norwegischen Kampfjets geflogen. Norwegen war an dem Krieg in Libyen mit sechs F-16-Kampfflugzeugen und einem Orion -Seeaufklärer beteiligt. Die norwegische Luftwaffe hat Libyen bei ihren Bombardierungen sicher mehr Menschen getötet als Anders Breivik. Die Piloten bekommen vielleicht eine Medaille für ihren Einsatz in Libyen, sie werden nicht vor Gericht gestellt.

„Der Mord ist ein Verbrechen, wenn ein einzelner ihn begeht; aber man ehrt ihn als Tugend und Tapferkeit, wenn ihn viele begehen! Also nicht mehr Unschuld sichert Straflosigkeit zu, sondern die Grösse des Verbrechens!“ schrieb CYPRIAN VON KARTHAGO um das Jahr 200.

P. S. Der US-Präsident Barack Obama lässt heute keine Menschen mehr foltern, er lässt Terrorismus Verdächtige in Afghanistan, Pakistan, dem Jemen, den Philippinen und in Somalia ganz einfach mit ferngelenkten Drohnen liquidieren. Er nimmt dabei in Kauf, dass dabei immer wieder viele Zivilisten umkommen. Laut dem US-Fernsehsender CNN hat US-Präsident Obama in vier Jahren 283 Drohnenangriffe autorisiert. Das waren sechsmal mehr als unter Bush in acht Jahren. Laut einer Studie der Standford Law School und der New York University School of Law waren diese gezielten Tötungen von Verdächtigen durch Drohnen keinesfalls präzis, von 2003 und 2012 seien durch diese Angriffe 881 pakistanische Zivilisten getötet worden. (http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/sep/25/study-obama-drone-...) Nach der Auflistung des pakistanischen Onlineforum »Pakistan Body Count«, sollen auf einen getöteten Verdächtigen bei Drohnenangriffen in Pakistan mehr als 50 Unschuldige kommen.
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