Das Siechtum von Siemens

publiziert: Sonntag, 1. Okt 2006 / 23:00 Uhr

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Es ist die jüngste, aber wahrscheinlich nicht die letzte Negativ-Meldung über (Ex-)Siemens-Handys: BenQ Mobile beendet die Produktion in Deutschland. Die von Siemens übernommenen Werke in München, Kamp-Lintfort und Bochum, stehen nun vor dem Aus. Mit dem offiziellen Insolvenzantrag übernimmt der vom Gericht bestimmte Insolvenzverwalter, Herr Martin Prager, die Leitung.

Die Perspektive des Insolvenzverwalters ist nicht rosig: Drei Monate lang zahlt das Arbeitsamt Insolvenzgeld, so lange kann der Betrieb noch weitergehen. In dieser Zeit müsste der Verwalter entweder einen Käufer finden, der die Werke übernimmt, oder zumindest neue Kunden, die Umsätze sichern. Beides ist unwahrscheinlich. Die Grössen im Handy-Geschäft haben eigene, gut eingeführte Werke und Entwicklungsabteilungen. Keiner hat auch in den letzten Monaten grosse Umsatzsprünge vollzogen, so dass er aktuell dringend auf der Suche nach einem weiteren Werk wäre, um die Kapazitäten zu erweitern.

Weiterer Verlust von Marktanteilen zu erwarten

Zugleich entwickelt sich die Form der Abwicklung des Werkes zum PR-Gau für BenQ. Viele Verbraucher interpretieren die derzeitigen Schlagzeilen sicherlich so, dass das Geschäft mit BenQ-Siemens-Geräten komplett eingestellt wird, was aber (noch?) nicht geplant ist. Diejenigen, die genauer lesen, sehen BenQ als Totengräber, der den dreckigen Job übernahm, die Siemens-Handy-Sparte abzuwickeln. Wer will von so jemandem überhaupt etwas kaufen?

In Deutschland, dem traditionellen Heimatmarkt der Siemens-Handys, droht damit ein weiterer Verlust von Marktanteilen. Zwar erklärten inzwischen einige Netzbetreiber, ihre Abnahmeverpflichtungen für BenQ-Siemens-Geräte weiterhin einhalten zu wollen. Doch heisst das noch lange nicht, dass sie auch künftig neue Geräte im selben Masse ordern werden wie bisher.

Abgesprochen?

In der Öffentlichkeit wird intensiv darüber diskutiert, ob zwischen Siemens und BenQ abgesprochen war, dass die Werke hierzulande praktisch unmittelbar nach Ablaufen der einjährigen Beschäftigungsgarantie in die Insolvenz gejagt werden sollen. Insbesondere der Betriebsrat verdächtigt Siemens diesbezüglich der vorsätzlichen Täuschung, und rät den Mitarbeitern zu Klagen auf Schadenersatz und/oder Wiedereinstellung gegen Siemens. Auch Politiker fordern einen Nachweis, dass die Abwicklung nicht von vornherein geplant war.

Gegen diese Einschätzung spricht, dass BenQ schon vor dem Siemens-Deal auf dem deutschen Markt präsent war: mit Displays, Projektoren, Laptops und weiteren elektronischen Geräten. Dass die «Beerdigung» der Siemens-Handy-Werke zwangsläufig für böses Blut sorgen würde, und dass dieses auch den Verkauf der anderen Geräte beeinträchtigen wird, konnte man sich auch ausrechnen.

Meine persönliche Vermutung ist daher, dass weniger Vorsatz als vielmehr Selbstüberschätzung der Koreaner ursächlich war. Man hoffte wohl, sehr schnell die Kosten senken zu können, und gleichzeitig das Geschäft zumindest auf dem zuletzt von Siemens erreichten Niveau weiterführen zu können. Das schlug fehl, der Marktanteil ging weiter zurück, und nun muss das Management von BenQ die Notbremse ziehen.

Es bleibt schwierig

Handys haben sehr hohe Entwicklungskosten für Chipsätze und Software. Folglich benötigen die Hersteller hohe Stückzahlen, damit der Entwicklungskostenanteil pro Gerät im erträglichen Rahmen bleibt. Hohe Stückzahlen kann aber nur erreichen, wer besonders attraktive, zukunftsweisende Geräte baut, was aber in der Regel nur mit extra-hohen Entwicklungskosten zu erreichen ist. Für alle, ausser dem Marktführer, ist diese Situation zutiefst unzufriedenstellend.

So verwundert es nicht, dass in zwei der drei grossen Wirtschaftsregionen (Asien, Europa, USA) jeweils genau ein Hersteller verblieben ist, der jeweils die vielfachen Stückzahlen herstellt, als alle anderen Hersteller derselben Region zusammengenommen. Diese lokalen Monopolisten sind Motorola in den USA und Nokia in Europa.

Sollte die technische Entwicklung so rasant weitergehen wie bisher, ist sogar eine noch weitere Konzentration in der Branche zu befürchten. Insbesondere die vielen asiatischen Hersteller (Samsung, LG, Sony Ericsson, BenQ etc.) könnten dann zu weit gehenden Kooperationen gezwungen werden - oder gar zur Aufgabe. Und es gibt viele Anzeichen dafür, dass das Innovationstempo hoch bleibt: So steht die Einführung neuer Funkstandards wie UMTS long term evolution (kurz LTE), schnellerem Bluetooth, oder gar WiMAX bevor. Die Handy-Software wird immer bessere Browser aufweisen müssen, die Kameras werden immer mehr Pixel und bessere Bildqualität bieten müssen, um von den Verbrauchern noch akzeptiert zu werden. Trotzdem soll der Akku auch bei Vielnutzung tagelang durchhalten. Schliesslich wird die Mode nach immer ausgefalleneren Formfaktoren verlangen. All das zwingt die Hersteller zu immer aufwendigerer Entwicklungsarbeit und damit immer höheren Stückzahlen.

(von Kai Petzke/teltarif.ch)

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