Umstrittene Standardisierung

Deep-Packet-Inspection: Anfang vom Ende der Internetfreiheit

publiziert: Donnerstag, 6. Dez 2012 / 16:43 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 6. Dez 2012 / 17:21 Uhr
Massive Eingriffe in die Internet-Freiheit.
Massive Eingriffe in die Internet-Freiheit.

Neuer Standard ohne öffentliche Diskussion verabschiedet.

5 Meldungen im Zusammenhang
Vertreter von 193 Staaten und Branchenexperten beraten noch bis Ende nächster Woche darüber, ob das Internet erstmals in das bestehende Regelwerk der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) aufge­nommen werden soll. Die EU, die USA und andere westliche Staaten sind dagegen. Doch die UN-Organisation hat bereits einen Standard für eine einheitliche Tiefenanalyse von Internet-Daten verabschiedet, die massive Eingriffe in die Internet-Freiheit ermöglichen könnte.

Deep-Packet-Inspection soll Qualität der Netze verbessern

Für den Transport der unzähligen Datenpakete im Netz müssen die Verteilcomputer, die sogenannten Router, nur einen kleinen Teil einsehen, den Kopf des Datenpakets (Header). Dieser enthält unter anderem die Zieladresse, damit die Router die Pakete auch an ihren Bestimmungsort leiten können. Eine gezielte Steuerung des Internet-Datenverkehrs erfordert, «dass man weiter in die Pakete hineinschaut als nur in den Header» - so erklärte es kürzlich Cara Schwarz-Schilling von der Bundesnetzagentur den Abgeordneten im Unterausschuss Neue Medien des Bundestags. Eine solche «Deep-Packet-Inspection» (DPI) wird vom Telekommunikationsgesetz (TKG) aus Datenschutzgründen an enge Vorgaben gebunden, etwa bei der Abwehr von Schadsoftware.

Doch ein Standardisierungsgremium der ITU hat nun bereits eine technische Spezifikation für die Umsetzung von DPI verabschiedet. Am Rande der Weltkonferenz der Telekommunikation (WCIT) teilte die UN-Organisation in Dubai mit, die technische Spezifikation ermögliche es Telekommunikationsunternehmen, den Datenverkehr im Netz effizienter zu verwalten und die Qualität von Internet-Diensten zu verbessern. Zugleich wird betont, der Standard mit der Bezeichnung ITU-T Y.2770 «erlaubt nicht den Zugang zu privaten Informationen von Nutzern und lässt Massnahmen zu, um die Sicherheit des Austauschs zu gewährleisten».

Der Standard regelt technische Details für die «Deep Packet Inspection» in Netzwerken der künftigen Generation (Next Generation Networks, NGN). Behandelt werden Fragen wie die Erkennung von bestimmten Anwendungen, die ein Internet-Paket auf die Reise schicken, und wie die Ergebnisse der Datenanalyse an Netzwerk-Administratoren geschickt werden. Ausgeklammert werden noch weiter gehende Möglichkeiten, um etwa den Inhalt von inspizierten Datenpaketen auch verändern zu können.

Vorstoss könne zu Zensur führen

Hersteller von DPI-Lösungen hätten immer behauptet, dass diese Technik niemals standardisiert würde, sagt der Netzaktivist Markus Beckedahl, Mitglied der Internet-Enquete des Bundestags. «Nun aber scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Beim WCIT ist offenbar ein DPI-Interoperabilitätsstandard durchgerauscht - Systeme, die sich daran halten, können künftig dann miteinander kommunizieren, Daten austauschen, es gibt dann eine Art gemeinsame Sprache der Datenverkehrsschnüffelsysteme.» Das Potenzial zum Missbrauch sei riesig. Die ITU sei für eine Internet-Verwaltung nicht geeignet, wenn sie dem mit einer Standardisierung Vorschub leiste.

Die rund 100 Seiten umfassende DPI-Spezifikation enthält unter anderem Einzelheiten, wie man auf der Ebene einzelner Bytes zum Beispiel den Transport von Datenpaketen mit dem BitTorrent-Protokoll erkennt. Dabei handelt es sich um eine Technik für den Download besonders umfangreicher Dateien in einem Peer-to-Peer-Netzwerk, also in einem Zusammenschluss von mehreren Internet-Nutzern. BitTorrent wird auch für den illegalen Download etwa von urheberrechtlich geschützten Filmen genutzt, ist aber technisch gesehen völlig neutral und immer dann sinnvoll, wenn einige Gigabytes an Daten übertragen werden müssen.

Netzübergreifende Markierung von Datenpaketen

Der deutschen Delegation beim WCIT gehören auch zwei Experten der Deutschen Telekom und ein Vertreter von Nokia Siemens Networks an. Auf die Frage nach der Bedeutung einer DPI-Standardisierung sagt ein Sprecher der Deutschen Telekom: «Wenn wir Qualitätsstufen im Netz einführen, dann brauchen wir Standards. Das läuft aber nicht über eine Deep Packet Inspection. Die Datenpakete müssen nur markiert werden, und das muss netzübergreifend verstanden werden.»

Vor allem die Betreiber von Mobilfunknetzen setzen DPI ein, um in überlasteten Mobilfunkzellen den Datenverkehr zu steuern. Staaten wie Russland oder China, die in Dubai ein Recht auf Internet-Regulierung fordern, könnten mit standardisierter DPI-Technik aber auch kontrollieren, welche Internet-Inhalte noch zu ihren Bürgern gelassen oder von diesen in die übrige Welt gesendet werden.

(Hans-Georg Kluge/teltarif.ch)

Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Peking - China fordert von seinen 500 Millionen Internet-Nutzern, sich mit ihren ... mehr lesen
China fährt einen harten Zensur-Kurs im Internet. (Symbolbild)
An der WCIT in Dubai wurde bestimmt, dass die Richtlinien im Internet so bleiben wie bisher.
Dubai - Im Internet bleibt alles wie bisher: Die USA und andere westliche Länder stellten sich an der Weltkonferenz zur Telekommunikation (WCIT) in Dubai einer staatlichen ... mehr lesen
Brüssel - Wie erwartet, hat das ... mehr lesen 1
EU-Parlament stoppt ACTA-Abkommen aus Sorge über Internet-Zensur.
Unterhaltungsindustrie gegen freies Internet - SOPA wird von den nahmhaftesten Internetunternehmen bekämpft.
Die US-Regierung will die Internet-Piraterie mit neuen Gesetzen bekämpfen - aber der Widerstand gegen den «Stop Online Piracy Act» (SOPA) und den «Protect IP Act» (PIPA) wächst. Nicht nur ... mehr lesen
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 22
Berühmtes Deepfake: Papst Franziskus in fetter Daunenjacke.
Berühmtes Deepfake: Papst Franziskus in fetter Daunenjacke.
Um der steigenden Verbreitung manipulierter Inhalte entgegenzuwirken, haben sich Google, Meta und OpenAI der C2PA angeschlossen. Ihr Ziel ist es, Standards zu entwickeln, um authentische Inhalte von solchen zu unterscheiden, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt wurden. mehr lesen 
Publinews Die Paysafecard ist ein elektronisches Zahlungsmittel, das auf dem Prepaid-Prinzip basiert. Es ermöglicht Nutzern, online sicher und anonym zu bezahlen, ohne persönliche oder finanzielle Informationen preiszugeben. Doch wie funktioniert das System? In diesem Artikel erläutern wir die Vorteile einer Paysafecard und zeigen die grundlegenden Schritte, wie die Paysafecard funktioniert. mehr lesen  
Publinews Die Zeit von 123456 als populärstem Passwort scheint vorbei zu sein. Laut der 2023er Umfrage von Bitkom verwenden drei ... mehr lesen  
Cybersicherheit endet nicht beim Passwort
Das Datenökosystem besteht aus vertrauenswürdigen Datenräumen, die gemäss klaren Regeln miteinander vernetzt werden können.
Der Bundesrat hat am ein Massnahmenpaket zur Förderung eines Schweizer Datenökosystems verabschiedet. Das Ziel des Datenökosystems ist es, das ... mehr lesen  
Magnettonband mit der Aufnahme von B.B. Kings Konzert am Jazzfestival Montreux von 1980 aus dem Archiv der Claude Nobs Foundation. Das Band befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium des Verfalls, sodass es mit herkömmlichen Methoden nicht mehr direkt abgespielt werden kann.
eGadgets Montreux-Festival: Musik wird mit Röntgenlicht gerettet Das Paul Scherrer Institut hat eine ...
Domain Namen registrieren
Domain Name Registration
Zur Domain Registration erhalten Sie: Weiterleitung auf bestehende Website, E-Mail Weiterleitung, Online Administration, freundlichen Support per Telefon oder E-Mail ...
Domainsuche starten:


 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 1°C 8°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wechselnd bewölkt
Basel 2°C 8°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt wolkig, aber kaum Regen
St. Gallen 1°C 5°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Schneeregenschauer wolkig, aber kaum Regen
Bern 0°C 8°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wolkig, aber kaum Regen
Luzern 2°C 9°C bedeckt, wenig Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen wechselnd bewölkt
Genf 2°C 10°C wechselnd bewölktleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wechselnd bewölkt, Regen
Lugano 6°C 17°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig trüb und nass
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten