Der Samichlaus: Pädo, Stalker, Hooligan!

publiziert: Montag, 17. Nov 2014 / 09:45 Uhr / aktualisiert: Montag, 17. Nov 2014 / 17:19 Uhr
«Wotsch Puff?»
«Wotsch Puff?»

Tradition hier, Tradition her: Ich bin für die Abschaffung des grausamen Samichlaus-Brauchs. Und das aus traumatischem Grund!

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Ein Bart, ein langer Mantel und ein Sack voller Drogen: Nein, das ist kein Hipster auf dem Weg in die Clubs sondern der Samichlaus auf Tournee. Zusammen mit seinem bewaffneten, dunkelhäutigen Kompagnon - dem Schmutzli - zieht er in den nächsten Wochen wieder von Haustür und Haustür und verängstigt Kinder.

Früher noch drohte der Samichlaus damit, Kinder im Sack in den Wald zu verschleppen. Das war umso traumatisierender als das die Eltern nur daneben standen und dies zugelassen hätten. Das Weinen der Kinder war also vielleicht vor allem Ausdruck der bitteren Enttäuschung darüber, dass sie von ihren Eltern im Stich gelassen wurden.

Die Angst, entführt zu werden, liess wenigstens die Demütigungen vergessen, die man über sich ergehen lassen musste. Jedes Vergehen - die der haarige Kerl offenbar in einem Buch festhielt - wurde vor versammelter Menge vorgetragen. Schon als Kind fragte ich mich: Wie kam er an diese privaten Informationen? Beobachtete er mich heimlich oder haben mich meine Eltern verpfiffen? Ich weiss bis heute nicht was schlimmer ist: Verraten von den Eltern zu werden oder von einem alten Mann gestalkt.

Warum haben die Kindergärtnerinnen oder die Eltern überhaupt so ein knüppelschwingendes Arschloch ins Haus gelassen! Schon Kleinigkeiten - wie zum Beispiel, dass ein Kind den Text eines Samichlaus-Verses vergessen hat - brachten den Bärtigen in Rage. Wie ein Hooligan drohte der Samichlaus ständig mit Prügel; wie ein Schwerverbrecher auf Koks prahlte er damit, wie viele Kinder er schon in sein Guantanamo im Wald verschleppt hat.

Mit getrockneten Weidenästen verprügelt zu werden, war dabei noch die bessere Option als im Sack vom Schmutzli zu landen - dem «Blackfacing» Kumpel vom Samichlaus, der traditionellerweise nicht sprechen durfte. Oder konnte. Hat ihm der Samichlaus die Zunge rausgeschnitten? Oder ist der Schmutzli gar ein Ausländer, ein Sans-Papier, der unserer Sprache nicht mächtig ist? Vielleicht ja auch ein Asylant - ein illegaler? Warum wohnen die beiden in einer einsamen Hütte im Wald? Sind die beiden gay oder verstecken sie sich vor der Polizei?

Wie auch immer: Der Samichlaus und sein Schmutzli sind schlechte Vorbilder für Kinder. Sie sind nämlich ziemlich faul. Nicht nur, was ihre Gesichts- und Körperhygiene angeht oder die Wahl ihrer Garderobe sondern vor allem ihr Arbeitspensum, das sich auf mehr oder weniger einen Tag beschränkt. Von was leben sie während des Rests des Jahres? Liegen sie dem Steuerzahler auf der Tasche oder sind sie beim RAV angemeldet? Das sollte man mal den Samichlaus fragen, wenn man seine Strafe nicht fürchtet.

Ausserdem geht der Samichlaus nicht sehr mit der Zeit, weil er immer noch ein dickes Buch mit sich rumschleppt statt eines handlicheren iPads, auf das er auch mehr Spionage-Daten laden könnte und die Vergehen der Kinder auch der NSA zur Verfügung stellen kann.

Am Schluss des seltsamen Besuchs gabs dann immer Süssigkeiten aus dem Sack des maximal-pigmentierten Dieners des Samichlaus. Und dies, obwohl es ja eigentlich verboten ist, von Fremden Süssigkeiten anzunehmen. Aber bei den zwei seltsamen Gesellen - die sich offensichtlich verkleideten - tolerierten dies die Eltern.

Heute läuft so ein Samichlaus-Besuch natürlich viel pädagogischer und weniger traumatisierend ab für die Kinder. Trotzdem wirft das Konzept des Samichlaus' mehr Fragen auf als das es beantwortet. Darum plädier' ich dafür den Samichlaus abzuschaffen. Man könnte ihn durch einen Psychotherapeuten ersetzen, der zusammen mit dem Apotheker am 6. Dezember bei den Familien die Problematik untereinander diskutieren. Und am Schluss gibt's vom Schmutzli wahlweise stimmungserhellendes Ecstasy für die Eltern und eine Packung Ritalin für die Kleinen.

(Jürg Zentner/news.ch)

Samichlaus
Samichlaus und Schmutzli arbeiten das ganze Jahr. Nur wo, ist und bleibt ein Geheimnis. Daneben bilden sie sich das ganze Jahr hindurch weiter. Zum Beispiel in Workshops mit Psychologen. Und das rote Gewand tragen sie auch nur zur Adventszeit. Die Idee mit dem iPad hatte ein fleissiger Helfer auch schon (Buch «Samichlaus der alte Mann». Aber ein Brauch ist ja auch deshalb ein Brauch, weil er seit vielen Jahren unverändert gelebt wird. Nur der Umgang mit den Kindern hat zum Glück gewechselt. Für viele Familien ist der Besuch von Samichlaus und Schmutzli ein wunderschönes, unvergessliches Erlebnis und so etwas wie eine Mini- oder Vor-Weihnacht. Eltern können die Erziehungsaufgaben auch nicht an die beiden delegieren. Sie schauen höchstens als externe Coaches vorbei und geben vielleicht die eine oder andere Anregung. Und oftmals auch gute Tipps, wie Kinder ihre Vorsätze nicht mehr vergessen. Zum Beispiel mit einer Samichlaustasse für die Ovi am Morgen.
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