Der Tag, an dem die Hoffnung erschossen wurde
publiziert: Montag, 10. Jan 2011 / 11:49 Uhr / aktualisiert: Montag, 10. Jan 2011 / 13:37 Uhr

Christina Greene war für viele, die sie kannten, eine kleine Hoffnungsträgerin. Das Mädchen, etwas älter als 9 Jahre, war bereits an Politik interessiert, eine gute und engagierte Schülerin und auch ehrenamtlich in Wohltätigkeitsorganisationen tätig. Ein ausserordentliches Kind, also. Noch spezieller machte sie ihr Geburtstag, der 11. September 2001.

10 Meldungen im Zusammenhang

Sie war eines der Kinder, die an jenem Tag geboren wurden, an dem das World Trade Center fiel und darauf in einem Buch mit dem Titel «Faces of Hope» mit neunundvierzig anderen an diesem Tag auf die Welt gekommenen Kindern gezeigt wurde. Als Gesichter, die eine Hoffnung auf die Zukunft machen sollten. Sie schien diese Hoffnungen erfüllen zu wollen, bis eine der Kugeln aus Jared Lee Loughners Pistole ihre Brust durchschlug und dieser sie mit fünf anderen Menschen zusammen tötete. Sie starb, weil sie als Kind Demokratie an einem kleinen politischen Anlass erleben wollte.

Gabrielle Giffords, die demokratische Kongress-Abgeordnete, die das eigentliche Ziel des Anschlags war, könnte trotz eines Kopfdurchschusses irgendwie davon kommen, auch wenn man sich Fragen darf, wie weit dass die Politikerin ihre Fähigkeiten wieder erlangen wird.

Unterdessen wird über den Attentäter gerätselt. Der 22-jährige Loughner war ein Aussenseiter und Eigenbrötler, der bereits in seiner Schulzeit durch seine speziellen Ansichten auffiel und alle möglichen Beschreibungen bekam: Links-Extrem, liberal (was in den USA ja auch links entspricht) bis anarchistisch gehen die Charakterisierungen. Aus dem College wurde er wegen ständiger Störungen raus geworfen.

Die von ihm selbst online genannten Lieblingsbücher umfassen ein Spektrum das gleichermassen widersprüchlich ist, wie die Charakterisierung von ihm: Vom Kommunistischen Manifest über «Mein Kampf» bis zu Platos «Republik» geht die Liste und zurück über «Animal Farm» von Orwell, den «Zauberer von Oz» bis zu «Peter Pan».

Daraus ein Psychogramm erstellen zu wollen ist vermessen, aber zusammen mit den von Loughner auf seinem Youtube-Channel postulierten Ideen ergibt sich das Bild eines verwirrten Menschen, der überzeugt war, alles glasklar zu sehen. Und je weniger andere Menschen seine Sicht teilten, je eindeutiger war es scheinbar für Loughner, dass er Recht hatte mit seinem Hass auf den Staat und die Politiker.

Was sich nirgends zeigt, sind allerdings Verbindungen zur Tea Party und Sarah Palin, die allzu schnell proklamiert wurden. Ja, Palin hat auf ihrer Facebook-Seite eine geschmacklose Graphik mit Fadenkreuzen auf Kongress-Distrikten gepostet und die Tea-Party-Rhetorik der letzten Monate war eine des Hasses und der Konfrontation, die teilweise genau so paranoid wie das irre Geschreibsel von Loughner waren, aber Loughner fühlte sich, wie es scheint, nirgends zugehörig. Doch dies heisst noch lange nicht, dass er in einem Vakuum handelte.

Politische Attentäter gibt es, seit es Politik gibt, aber die Gewaltbereitschaft potentieller Täter wird mit grosser Wahrscheinlichkeit von der täglichen Rhetorik im politischen Diskurs beeinflusst. Paranoide Gedanken sind das eine. Wenn aber fast täglich in Radioprogrammen und sogar in sogenannten News-Channels ähnliches Gedankengut verbreitet und indirekt zur Gewalt aufgerufen wird, sieht sich so manche instabile Person bestätigt. Wer braucht denn noch psychotische Stimmen im Kopf, wenn diese von den Massenmedien frei Haus geliefert werden?

Nein, Loughner brauchte für seine Ideen keine Inspiration, aber in einer hasserfüllten politischen Atmosphäre ist der Schritt von der verbalen Gewalt, die überall gesprochen wird, zur konkreten Tat ein wesentlich kleinerer. Dies müsste allen zu denken geben, doch leider passiert dies viel zu wenig und Schuld wird nach dem politischen Interesse der Kommentatoren verteilt.

Wenn solche Ereignisse, solche Dramen am Ende nur noch dazu dienen, Munition für politische Schlachten zu produzieren statt sich auf politischen Dialog, Verständigung zu besinnen, darauf, dass es nicht darum geht, Recht zu haben, sondern das Richtige gemeinsam zu finden, dann kann man wirklich davon ausgehen, dass mit diesen Kugeln auch die Hoffnung auf die Heilung des Amerikanischen politischen Systems erschossen worden sind. Und wer das Niveau – auch in der Schweiz – betrachtet, auf das der politische Diskurs auch in Europa immer häufiger absinkt (um dann dort zu verweilen), kann man auch die hiesige Politkultur gleich mit abschreiben und allen kleinen Hoffnungsträgern mit auf den Weg geben, dass, selbst wenn sie für die Demokratie ihr Leben gäben, dies jenen, die die Politik von links und rechts vergiften, herzlich egal wäre.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Phoenix - Die bei dem Anschlag in ... mehr lesen
Gabrielle Giffords.
Gabrielle Giffords' Gesundheitszustand hat sich weiter verbessert.
Tucson - Eine Woche nach dem ... mehr lesen
Tucson - Die Ärzte haben bei der bei einem Anschlag schwer verletzten US-Kongressabgeordneten Gabrielle Giffords einen Beatmungsschlauch ersetzt, da die Politikerin kein Beatmungsgerät mehr benötigt. Giffords war nach Spitalangaben am Samstagmorgen Ortszeit operiert worden. mehr lesen 
CNN-News Sechs Menschen fielen dem Mordanschlag auf die Kongressabgeordnete Gabrielle ... mehr lesen
Clarence W. Dupnik (75), Sheriff von Tucson.
Demonstrative Anteilnahme.
Washington - US-Präsident Obama zeigt nach dem Attentat von Arizona demonstrativ Anteilnahme. Laut Medienberichten will er an einer Trauerfeier sprechen. Todesschütze Jared ... mehr lesen 2
Weitere Artikel im Zusammenhang
Das Drama spielte sich vor diesem Safeway-Supermarkt in Tuscon ab.
Tucson/USA - Nach dem Attentat auf die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords im US-Staat Arizona hat der mutmassliche Schütze am Montag erstmals vor dem Richter erscheinen müssen. ... mehr lesen
Demokratin Gabrielle Giffords.
Tucson/USA - Die schwer verletzte ... mehr lesen 13
Washington - Die US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords ist am Samstag bei einer Veranstaltung in Tucson (Arizona) angeschossen worden. US-Medienberichten zufolge eröffnete ein rund 20-jähriger Mann plötzlich das Feuer auf die 40-jährige Demokratin und weitere Menschen. mehr lesen  3
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
«Hier hätte ich noch eine ...
In den USA ist bei einer Frau mit Harnwegsinfektion zum ersten mal ein Bakterium aufgetaucht, das gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist. Wer Angst vor ISIS hat, sollte sich überlegen, ob er seinen Paranoia-Focus nicht neu einstellen will. Denn das hier ist jenseits aller im Alltag sonst verklickerten Gefahren anzusiedeln. mehr lesen 4
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle laut einem Geheimplan daher ein volksnaher ... mehr lesen
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und nein, ROSS ist kein armes Schwein, sondern ein ... mehr lesen  
In letzter Zeit wurden aus Terrorangst zwei Flüge in den USA aufgehalten. Dies, weil Passagiere sich vor Mitreisenden wegen deren 'verdächtigen' Verhaltens bedroht fühlten. Die Bedrohungen: Differentialgleichungen und ein ... mehr lesen
Sicherheitskontrolle in US-Airport: 95% Versagen, 100% nervig.
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
Mit Zimmerpflanzen bringen Sie Farbe in ihre Wohnung.
Shopping Ihre Wohnung wird durch Pflanzen erst schön Ganz gleich, ob Grünpflanzen oder Blühpflanzen - Zimmerpflanzen gehören in Schweizer Wohnungen dazu wie die obligatorische Decke auf dem Sofa. Erfahren Sie, ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Di Mi
Zürich 15°C 27°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig bedeckt, wenig Regen wechselnd bewölkt
Basel 16°C 27°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt freundlich
St. Gallen 16°C 25°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wolkig, aber kaum Regen
Bern 16°C 26°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen freundlich
Luzern 17°C 27°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wolkig, aber kaum Regen
Genf 18°C 29°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen freundlich
Lugano 20°C 25°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig gewitterhaft gewitterhaft
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten