Der globale Pausenplatz

publiziert: Montag, 23. Okt 2006 / 10:00 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 24. Okt 2006 / 22:52 Uhr

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Seit dem dänischen Cartoon-Eklat und dem Papstreden-Tamtam herrscht in Europa eine Art präventiver Rücksichtnahme gegenüber dem Islam und seinen Symbolen. Am stärksten kam dies zum Ausdruck, als in Berlin eine Idomeneo-Aufführung abgesetzt wurde.

In der darauf folgenden Debatte in den Medien gingen die Meinungen von «Feigheit vor den Islamisten» bis «notwendiger Respekt vor Religionen». Wobei das letzte Argument auch von diversen Künstlern benutzt wird (zuletzt von Jan Delay in der «Sendung ohne Namen»: Über den Papst würde er jederzeit derbste Witze reissen, aber vor dem Islam, da habe er Respekt). Scheinbar wissen sehr viele Leute nicht so genau, was Respekt ist.

Respekt ist die Achtung vor einer Person oder Sache auf Grund der Leistungen die durch diese Vollbracht werden oder wurden. Während früher Religionen (zumindest die eigenen) Respekt einfach als gegeben einfordern konnten, hat sich das in der liberalen Gesellschaft geändert. Die heiligen Kühe wurden vom Sockel geholt – Respekt muss verdient werden. Wenn nun plötzlich Leute im gleichen Satz über den Katholizismus witzeln und Respekt vor dem Islam vorgeben, handelt es sich vermutlich um eine sprachliche Verwirrung.

Denn das ist schlichtweg kein Respekt. Es ist nichts als Schiss. Schiss vor einem irren Religionsfanatiker. Jeder weiss, dass der Papst keine Schweizergardisten ausschicken wird, um einen Spötter seiner mit einer Hellebarde aufzuspiessen. Doch bei diesen Islamisten? Aggressiv, selbstgerecht, durchgeknallt! Und von solchen Menschen lassen wir uns einschüchtern. Ja, viele hoffen, dass es so besser wird, dass dieses Kuschen vor der Aggression zur De-Eskalation führen wird.

Pustekuchen.

Wer die Folgen solchen Handelns an einem Modell abschätzen will, muss nur auf einen Schulpausenplatz schauen. Denn dort gibt es alles, was eine dynamische Gesellschaftssimulation erfordert: Aggressoren, Opfer und Autoritäten.

Jeder kannte einmal einen Schulrowdy, der unter Gewaltandrohung von anderen Geld erpresst, der sich nicht schräg anschauen lässt, ohne sofort zuzuschlagen. Und es weiss auch jeder, dass jede Münze, die einem solchen Schläger zugesteckt wird, die Situation schlimmer und nicht besser macht. Jedes kuschen vor der Aggression bestätigt den Aggressor. Wenn die Schulführung nicht eingreift, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder tun sich die Opfer zusammen und wehren sich gemeinsam gegen den Schläger oder man lebt unter dessen Knute und ist froh, wenn man einen anderen Weg nach Hause hat.

Blöderweise kann unsere Gesellschaft nicht einfach nach Hause gehen. So bleibt nur die erste Möglichkeit: Der Staat – und das sind wir alle – muss gegen die Aggressoren hart vorgehen. Und dies fängt nicht erst bei Mord und Totschlag an. Dies betrifft auch Drohungen gegen Lehrer, wenn diese fordern, dass Mädchen den Schwimm- und Turnunterricht besuchen. Dies betrifft auch Prediger, die zu Gewalttaten oder dem heiligen Krieg aufrufen. Dies betrifft Zwangsehen und die Misshandlung von Ehefrauen. Es gibt weder für diese Dinge noch für deren Tolerierung eine Berechtigung. Der Hinweis darauf, das der Respekt vor der anderen Kultur dies erfordere, ist Mumpitz.

Denn genauso wie im Mikrokosmos Pausenplatz werden auch im Makrokosmos Gesellschaft die Grenzen des tolerierten langsam verschoben, wenn diese nicht verteidigt werden. Die Angst vor den Rüpeln darf dabei kein Faktor sein, auch wenn er das Mäntelchen «Respekt» trägt.

Wenn aber Menschen aus einer anderen Kultur unseren gesellschaftlichen Konsens achten, müssen wir im Gegenzug auch die immer noch häufigen Diskriminierungen im Alltag gegenüber ihnen beseitigen. Wer uns Respekt entgegenbringt, hat diesen auch verdient, egal welche Herkunft oder Hautfarbe er hat.

Ein einfaches Prinzip – gültig sowohl in der Gesellschaft als auch auf dem Schulhof.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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