'Die Frau mit der Leine' wollte Kleinstadtmief entfliehen

publiziert: Mittwoch, 4. Aug 2004 / 08:31 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 4. Aug 2004 / 10:43 Uhr

Washington - Die US-Soldatin Lynndie England steht wie keine andere am Pranger der Weltöffentlichkeit. Die Fotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib, die England bei der Misshandlung irakischer Gefangener zeigen, haben weltweit Abscheu ausgelöst.

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Sollte es noch Sympathien für die 21-jährige Frau gegeben haben, die vielleicht im Chaos von Abu Ghraib den menschlichen Anstand verlor, hat England sich diese mit ihrem trotzigen Blick und einem Fernsehinterview, in dem sie alle Schuld von sich wies, verscherzt.

Sie habe schliesslich nur Befehle befolgt, sagte England im Mai, und zeigte keine Reue. Ein paar Mal grinste sie. Es sei ihr schon mulmig gewesen, doch habe sie nicht das Gefühl gehabt, etwas "Ungewöhnliches" zu tun.

Was England tat, ist auf den Fotos zu sehen: So hielt sie einen am Boden liegenden nackten Gefangenen an einer Hundeleine, deutete lächelnd und mit einer Zigarette im Mundwinkel auf die Genitalien eines anderen und posierte mit ihrem Freund Charles Garner vor Gefangenen, die nackt übereinander lagen.

Aus der Provinz zur Armee

Wie eine junge Soldatin aus einer typischen amerikanischen Kleinstadt in solche Abgründe rutschen kann, haben zahlreiche Psychologen und Reporter zu ergründen versucht. Keiner hat bislang eine Antwort gefunden.

England wuchs in dem kleinen Nest Fort Ashby in West Virginia auf. Das Geld war knapp, die Familie lebte zeitweise in einem Wohnwagen. Dem Kleinstadtmief trotzte England nach Angaben von Klassenkameraden mit einer grossen Klappe. Armeestiefel und militärische Tarnkluft waren ihre bevorzugte Bekleidung.

In der Armee sah England die grosse Chance, der deprimierenden Umgebung zu entfliehen. Sie wollte die grosse weite Welt sehen, sagte ihre Mutter Terrie in einem Zeitungsinterview, und sich von der Armee zur Meteorologin ausbilden lassen. Sie meldete sich noch in der High School zur Reserve, um einem dreckigen Job in einer Hühnerfabrik zu entfliehen. Nach dem Schulabschluss jobbte sie im Supermarkt. Aus einer Laune heraus heiratete sie einen Kollegen, doch ging die Beziehung schnell in die Brüche.

Ausseneinsatz statt Büro

Englands Freunde aus Fort Ashby waren entsetzt, als der Misshandlungsskandal ans Licht kam und England weltweit zum Inbegriff des Abscheus wurde. "Lynndie ist nicht so, wie man annimmt, wenn man die Bilder sieht", sagte ihre Freundin Destiny Gloin im US-Fernsehen.

England hatte mit einem Bürojob bei der Armee gerechnet. Stattdessen fand sie sich im Februar vergangenen Jahres in Irak wieder. Ihre Einheit sollte eigentlich die Verkehrspolizei unterstützen, doch landete sie als Gefangenenbewacherin in Abu Ghraib.

"Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagte sie ihrer Mutter in einem Telefongespräch. England ist schwanger und erwartet in diesem Sommer ein Baby von ihrem Freund Garner. Er gilt als Anführer der Misshandler von Abu Ghraib und ist ebenfalls angeklagt.

(Christiane Oelrich/sda)

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