Early Adopter
publiziert: Montag, 18. Apr 2016 / 17:19 Uhr

Was sind das für Leute, die für ein neues technisches Gerät Schlange stehen, das schon beim nächsten Update in den Müll geworfen wird? Und warum für die neue 50er-Note?

Das Kopfschütteln der Woche geht an die Ansteher vor der Nationalbank für die neue 50er-Note. Wer ist das, der sich freiwillig in eine Schlange stellt, um der erste Besitzer einer neuen 50 Franken-Note zu sein? Was ist seine Motivation? Anerkennung? Nicht mal als Anekdote eignet sich die Geschichte, der Erste gewesen zu sein, der den zu grün geratenen Geldschein besessen hat.

Mehr noch als den Wunsch, etwas als Erster zu besitzen, verabscheue ich jede Art von Warterei. Zugsverspätungen, Staus, ja sogar Verbindungsstörungen bei Netflix (25 %, grrr ...) werden von mir mit lautem Fluchen quittiert. Freiwillig in eine Schlange zu stehen - dafür habe ich einfach keine Geduld und meide darum auch Vergnügungsparks.

Ganz im Gegensatz zu den Early Adopters, den Erstkonsumenten einer technischen Errungenschaft. Auch sie zeichnet eine Art von Ungeduld aus. Sie können ein neues Gadget kaum erwarten und müssen es schnellstmöglich besitzen, selbst wenn sie dafür tagelang anstehen müssen. Ein Widerspruch? Es gibt noch mehr.

Technische Innovationen der ersten Generation sind voller Kinderkrankheiten. Mir fallen spontan Dutzende Horrorgeschichten von Early Adopters ein; Elektro-Autos, die nach zwei Tagen keinen Wank mehr machten, Computer, die nach kurzer Zeit in Rauch aufgingen oder Smartphones, die buchstäblich auseinanderfielen. Mängel sind der Preis für die Ungeduld. Besonders seltsam: Bei Early Adopters handelt es sich meist um Technik-Freaks, die eigentlich ausgereifte Produkte mangelhafter vorziehen müssten.

Erster zu sein, wird allgemein überschätzt. Ob im Beruf, beim Sport, bei elektronischen Geräten und sogar Koitus: Die Freude steht meist in keinem Verhältnis zum Aufwand. Warum also?

Geht es um eine seltsame Art von Gewinnen? Oder geht es um Bewunderung? So wie der dicke Metzgersohn, der auf dem Pausenplatz mit seinen neuesten Spielsachen rum prahlte?

Welch trister Sieg: Wer für den simplen Besitz von Irgendetwas bejubelt werden will, ohne dafür mehr zu leisten als sich in eine Warteschlange zu stellen, hat eher Mitleid verdient.

Und sowieso:  Wer als Erster ein neues Gadget besitzt, der ist auch als Erster davon gelangweilt. Können Sie sich noch erinnern, als sie ihr erstes Smartphone in den Händen hielten? Und wie ist das Gefühl heute so, wenn es klingelt? Eben.

(Jürg Zentner/news.ch)

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