Energiewende: Nützt das Engagement von Bürgern?
publiziert: Mittwoch, 19. Jun 2013 / 10:17 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 19. Jun 2013 / 17:17 Uhr

Die Themen aus dem Bereich Nachhaltigkeit haben das Potential, Bürgerinnen und Bürger zu mobilisieren. So haben sich in den letzten zwanzig Jahren in fast allen europäischen Ländern Grüne Parteien etabliert.

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Daneben bestehen viele lokale und regionale Bürgerinitiativen, deren Mitglieder sich enthusiastisch für eine bessere Zukunft einsetzen. Können diese Initiativen überhaupt eine ernste Rolle spielen in der anstehenden Energiewende? Oder handelt es sich eher um Beschäftigungstherapien für verängstigte Sozialromantiker und Bildungsbürger?

Der Aufstieg Deutschlands zum weltweit grössten Photovoltaikmarkt bietet einige wichtige Einsichten (siehe Graphik, Quelle: (Dewald und Truffer, 2012). Spontan wird meist die Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 als Grund für die rasante Marktentwicklung genannt. In der Folge wuchs unter anderem die einheimische Photovoltaikindustrie, was zu einem Abschöpfen von Lerneffekten mit entsprechenden Preisreduktionen führte (siehe auch Blogbeitrag von Prof. Ragaller «Steht ein Durchbruch der Photovoltaik bevor?»). Wie war es möglich, dass ein solch umfangreiches Förderinstrument mehrheitsfähig wurde, welches eine wichtige Vorbedingung für die Energiewende geschaffen hat?

Bürgerinitiativen leisteten entscheidende Beiträge

Die Untersuchung der frühen Marktentstehungsprozesse in Deutschland zeigt, dass sogenannte Solarbürgerinitiativen (SBI) entscheidende Beiträge leisteten1. Etwa 300 SBI etablierten sich ab Anfang der neunziger Jahre im ganzen Bundesgebiet. Jede Initiative beschränkte ihren Wirkbereich fast ausschliesslich auf ihr lokales oder regionales Umfeld.

Diese Bewegungen begegneten zu Beginn oft grossen Widerständen. Weder das lokale Gewerbe noch die lokale Politik reagierten positiv auf die neuen Ideen. Deshalb übernahmen die Vereinsmitglieder zu Beginn eine ganze Reihe von Aufgaben, die klassischerweise von einem «Markt» zur Verfügung gestellt werden: die Integration von Photovoltaikpanels in montierbare Systeme, die Montage und den Unterhalt von Anlagen, die Bildung von Einkaufsgemeinschaften, die Bereitstellung von Service- und Beratungsleistungen für die frühen Kunden und so weiter.

Lokale Wertschöpfung und Schaffung von Arbeitsplätzen

Mit wachsendem Absatz konnten die SBI die lokalen Gewerbe schrittweise davon überzeugen, mitzumachen, was zu einer Professionalisierung des Angebots, zu lokaler Wertschöpfung und der Schaffung von Arbeitsplätzen führte.

Daneben waren die SBI zentral an der Entwicklung neuer Förderstrukturen beteiligt. Der nationale Einspeisetarif konnte nicht zuletzt auf Erfahrungen dieser kommunalen Initiativen aufgebaut werden.

Mit den SBI wurde auf lokaler Ebene ein grosser Teil der Innovation bestritten, die den Boden für das Erneuerbare-Energien-Gesetz vorbereiteten. Lobbying von Bürgerinitiativen und politischen Parteien für ein nationales Einspeisegesetzt hätten - ohne den Verweis auf die erfolgreichen lokalen Initiativen - kaum Früchte tragen können2.

Energiewende: Bürger sind potenziell wichtige Pfeiler

Bürgerinitiativen können zentrale Akteure in der Ausgestaltung «sozio-technischer» Transformationsprozesse sein. Es gibt in der Literatur verschiedene Beispiele, die dies beweisen (eine ganze Reihe von Fallstudien werden in der aktuell in Zürich stattfindenden «International Sustainability Transitions Conference» präsentiert).

Nicht zulässig ist der Umkehrschluss, dass jede Vereinigung von Privatpersonen automatisch jeder neuen Technologie zum Durchbruch verhelfen kann. Engagierte Bürgerinnen und Bürgern sollten jedoch als wichtige Pfeiler der anstehenden Energiewende in Betracht gezogen werden.


1 Dewald, U. Truffer, B. 2012. The Local Sources of Market Formation: explaining regional growth differentials in German photovoltaic markets. European Planning Studies 20 (3), 397-420.

2 Jacobsson, S. & Lauber, V. (2006) The politics and policy of energy system transformation - explaining the German diffusion of renewable energy technology, Energy Policy, 34(3), pp. 256-276.


Zum Autor:
Bernhard Truffer ist Leiter der Abteilung Umweltsozialwissenschaften an der Eawag, dem Wasserforschungs-Institut des ETH-Bereichs, und Titularprofessor am Geographischen Institut der Universität Bern.

(Prof. Bernhard Truffer, Eawag/ETH-Zukunftsblog)

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Jochen Markard ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an der Professur für Nachhaltigkeit und Technologie an der ETH Zürich.
Claudio Beretta schloss seinen Master in Umweltnaturwissenschaften ab - einer der Schwerpunkte war nachhaltige Energiesysteme.
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Andrea Häberlin.
 
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