Expo.02 Rückblick: Zwischen Nostalgie und Verdruss

publiziert: Donnerstag, 8. Mai 2003 / 08:33 Uhr

Lausanne - Ein Jahr nach der Eröffnung der Expo.02 scheiden sich die Geister. Während die einen aus Verdruss nichts mehr davon hören wollen, schwärmen die anderen nostalgisch von der Landesausstellung.

Nelly Wenger: Die Generaldirektorin der Expo.02.
Nelly Wenger: Die Generaldirektorin der Expo.02.
"Viele Leute haben die Expo vergessen, seit diese Mitte Oktober zu Ende ging, als ob böse Geister ausgetrieben werden sollten", sagte Pro-Helvetia-Präsidentin Yvette Jaggi. Die Expo sei vor allem aus ökologischen Gründen vergänglich gewesen. Und Schweizer zögen Solides Vergänglichem vor.

Der herrschende Hedonismus und die unmittelbare Mediatisierung verstärkten zudem diese Vergänglichkeit, wie Jaggi weiter sagte. Beweis dafür sind laut ihr die Jahresrückblicke: "Die Expo fand darin nicht ihren gebührenden Platz angesichts ihrer historischen, politischen und gesellschaftlichen Bedeutung."

Unbewusster Verdrängungseffekt

"Wahrscheinlich gab es einen unbewussten Verdrängungseffekt, weil der Weg zur Expo mühsam war", sagte der Waadtländer Soziologe Olivier Moeschler. Viele Leute hätten sich im Vorfeld der Landesausstellung darüber geäussert, ein paar während der Expo, aber niemand danach.

Laut Moeschler ist das logisch. "Die Landesausstellung war ein zeitlich klar umrissenes Ereignis mit einem Beginn und einem Ende." Danach wurde es von der Aktualität überrollt, wie zum Beispiel durch den Irak-Krieg.

Neue Symbole

Laut der Expo-Direktorin Nelly Wenger verbleiben nach dem Ende der Expo immer noch "Nostalgie und Stolz". Viele Besucher erinnerten sich an das Klima von Toleranz und Lieblichkeit an der Landesausstellung.

Die Expo hat laut Wenger gezeigt, dass ein schwieriges Projekt trotz allem realisiert werden kann. Neue Symbole für die Identität der Schweiz seien entstanden dank der Ikonen wie die Wolke oder der Monolith, welche das Streben der Schweizer nach Schönheit und Poesie bewiesen.

Gefahr für nationale Kohäsion

"Die Expo kostete nicht viel", sagte der künstlerische Direktor Martin Heller nach Überprüfung der Kosten-Nutzen-Rechnung des "so beliebten wie ehrgeizigen Ereignisses". Er weist nachdrücklich auf die aussergewöhnlichen Fähigkeiten hin, welche sich die 8000 Mitarbeitenden aneigneten.

Die sechste Landesausstellung, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Elemente vereinigte, hielt laut Heller der Schweiz einen Spiegel vor. Auch habe sie einen Bedeutungsverlust der Politik gezeigt. Das Land sei viel mehr durch die Kultur als durch die Politik definiert, sagte Heller.

Die Expo habe auch eine Gefahr für die nationale Kohäsion enthüllt. "Das Projekt hat die Anforderungen für das Zusammenleben unserer Kulturen unterschätzt", sagte Heller weiter. Er glaube auch, dass das Land diese unterschätze.

Russischer Salat

"Es ist grundlegend, die Wirkung der Expo in den Köpfen der Leute zu erforschen", sagte der Genfer Soziologe Uli Windisch. Für die Verantwortlichen der Expo sei es aber überholt gewesen, derartige Fragen zu stellen.

Laut Windisch verwechselten die Verantwortlichen auch manchmal die Landesausstellung mit einer Galerie zeitgenössischer Kunst. "Es gab viel Interessantes, doch war es wie ein russischer Salat ohne politisches Rückgrat. Die Leute werden sich an einen grossen Moment einer Zwei-Milliarden-Explosion erinnern."

(Philippe Triverio/sda)

 
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