Faulheit der Franzosen zu teuer?
publiziert: Dienstag, 7. Okt 2003 / 16:07 Uhr

Paris - Der französische Haushaltsminister Alain Lambert kennt die "verhängnisvollen" Auswirkungen der 35-Stunden-Woche ganz genau: "Im Jahr kostet uns die 35-Stunden-Woche 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts."

Sind die Franzosen zu faul?
Sind die Franzosen zu faul?
Aufgerechnet sind dies 15 Milliarden Euro. Zwar stellte der konservative Politiker nach einem Aufschrei der Gewerkschafter gleich klar, er wolle die vor drei Jahren staatlich verordnete Arbeitszeitverkürzung nicht vollständig rückgängig machen.

Aber die Regierung des rechts-liberalen Premiers Jean-Pierre Raffarin attackiert nicht zufällig dieses Vorzeigegesetz der im Vorjahr abgewählten Linksregierung.

Die 35-Stunden-Woche wirkte für die Arbeitgeber stets wie ein rotes Tuch. "Wir waren niemals einverstanden", wettert ihr Verbandschef Ernest-Antoine Seilliére, "und wir haben den Kampf niemals aufgegeben".

"Kollektiver Freizeipark"

Nachdem Lambert vorgeprescht und gleich wieder zurückgeschreckt war, bemerkte das Pariser Wirtschaftsblatt "La Tribune" am Montag, den Politikern dürfe es "nicht peinlich sein", den Franzosen "die Tugenden der Arbeit in Erinnerung zu rufen".

Mit spitzer Feder fügte die Zeitung hinzu, allmählich werde "die Faulheit für Frankreich zu teuer".

Die Breitseite gegen die 35-Stunden-Woche, die nur in der Privatwirtschaft und auch dort nur in Betrieben mit mehr als 20 Arbeitnehmern gilt, wurde vom Regierungschef sorgfältig vorbereitet.

Ausdrücklich machte sich Raffarin kürzlich das alte Schlagwort von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl zu eigen, nach dem die Gesellschaft zu einem "kollektiven Freizeitpark" zu verkommen drohe.

"Historischer Fehler"

Doch das Für und Wider der 35-Stunden-Woche bleibt umstritten. Die frühere Links-Regierung unter Premier Lionel Jospin konnte sich rühmen, von 1997 bis 2001 einen Rückgang der Arbeitslosenquote von 12,6 auf 8,8 Prozent erreicht zu haben.

Die Arbeitszeitverkürzung war dabei für sie der zentrale Beitrag. Mindestens 400 000 Stellen wurden nach Angaben der Sozialisten dadurch neu geschaffen.

Ganz anders sieht das die heutige bürgerliche Mehrheit: Sie verweist auf die Verlegung von Produktionsstätten Dutzender Firmen ins Ausland und auf das chronische Defizit der Sozialkassen. Jospins Parole "Weniger arbeiten, damit alle Arbeit haben", war nach den Worten von Regierungssprecher Jean-François Copé ein "historischer Fehler".

Gründe für die Defizite

Für die Gegner der 35-Stunden-Woche steht fest: Der Rückgang der Wochenarbeitszeit von 38,8 auf 35,6 Stunden innerhalb von fünf Jahren steht in ursächlichem Zusammenhang mit dem Rückgang des Wachstums von mehr als 3 auf nahezu 0 Prozent und mit dem drastischen Anwachsen des Defizits der öffentlichen Haushalte.

Wenn Frankreich drei Jahre in Folge das Maastrichter Defizit-Kriterium von drei Prozent zu reissen droht, so ist das in dieser Lesart auch auf die Verkürzung der Arbeitszeit zurückzuführen.

Schützenhilfe leistet den Gegnern auch eine Studie der Grossbank UBS: Nirgens wird demnach weniger gearbeitet als in Paris. Die französische Hauptstadt bildete mit 1561 Stunden pro Beschäftigtem im Jahr das Schlusslicht unter 71.

(Andreas Osterhaus/afp)

 
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