Fussball: Streller und die wahren Titanen

publiziert: Mittwoch, 19. Nov 2003 / 21:58 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 19. Nov 2003 / 23:18 Uhr

Marco Streller wusste gestern Abend in Ostrava selber nicht, wie ihm geschah. Wegen einer Lapalie wurde er des Feldes verwiesen und erlebte schliesslich im Spielereingang den Erfolg seiner Teamkollegen. Auch Bernard Challendes, Roland Schwegler und Marco Wölfli stellten sich nach dem Spiel den Medien.

Marco Streller, der gegen Tschechien die Rote Karte gesehen hatte, bezeichnete seine Mannschaftskollegen, hier Tranquillo Barnetta und Marco Wölfli, als "wahre Titanen".
Marco Streller, der gegen Tschechien die Rote Karte gesehen hatte, bezeichnete seine Mannschaftskollegen, hier Tranquillo Barnetta und Marco Wölfli, als "wahre Titanen".
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"Ich habe noch nie so viel geweint", erklärte Streller, der nach dem Sieg sein Lachen wieder gefunden hatte. In einem Moment sei für ihn alles zusammengebrochen. "In der Kabine war ich im Elend." Die Qualifikation für die U21-EM schien verloren, und für die EM mit der A-Nati in Portugal wäre er wegen der zu erwartenden Sperre wohl nicht aufgeboten worden.

Als dann plötzlich der Schweizer Physiotherapeut in die Garderobe gekommen sei und ihm vom Ausgleich erzählt habe, sei ihm klar gewesen, "die Jungs biegen das noch". Im Spielereingang habe er danach fast eine Stunde lang Puls 200 gehabt.

Beim 2:1, das für ihn auf der anderen Spielfeldseite gefallen war, wäre er fast aufs Feld gerannt. "Das ist Wahnsinn. Ich bin riesig stolz auf diese Mannschaft. Das sind wirklich Titanen", so Streller, der plötzlich wieder einer der glücklichsten Menschen war. So etwas habe er noch nie erlebt wie in der vergangenen Woche. "Es war alles gegen uns. Heimniederlage, die Geschichte mit Johan Vonlanthen und dann ein Schiedsrichter, der 70 Minuten lang gegen uns pfiff", sagte der aktuelle Topskorer der Super League. "Diese Mannschaft hat Charakter bewiesen."

Streller wusste selber nicht genau, weshalb ihn Martin Hansson vom Platz gestellt habe. "Ich habe im Getümmel einen Spieler am Trikot weggezogen und ihm etwas gesagt, was man im Match eben immer wieder sagt", schilderte er im Kabinengang die Situation. Zum anschliessenden Rindsfilet im Mannschaftshotel wurde der Feuerwehrmann aus Südschweden jedenfalls nicht eingeladen.

Der Olympia-Traum geht weiter

Wegen seiner Sperre wird Streller sicherlich die ersten Spiele der U21-EM verpassen und deshalb eventuell gar nicht aufgeboten. Der grossgewachsene Stürmer ist dafür aber bei der EURO 04 in Portugal spielberechtigt. Und möglicherweise wartet danach ein weiteres Abenteuer auf den FCB-Stürmer: Die älteste SFV-Juniorenauswahl besitzt dank der EM-Qualifikation weiter die Chance, sich für die Olympischen Sommerspiele in Athen zu qualifizieren.

Dazu ist bei der EM mindestens der dritte Rang nötig. Die EM-Endrunde wird wird vom 27. Mai bis 8. Juni mit grösster Wahrscheinlichkeit in Deutschland stattfinden, da die anderen offiziellen Bewerber Frankreich, Türkei, Schottland und Tschechien allesamt im Achtelfinal gescheitert sind. Die Auslosung der Endrunden-Gruppen findet am 12. Februar 2004 statt.

Drei Turniere im Sommer

So schön der Erfolg der Schweizer Auswahlen ist, so gross dürften im kommenden Jahr die Probleme des Schweizer Verbandes sein. Zumindest an drei grossen Turnieren sind Schweizer Nationalmannschaften engagiert, da neben der U21-EM und A-EM in Portugal auch noch die U19-EM (13. bis 24. Juni 2004) in der Schweiz ansteht.

Sollte sich die U21-Auswahl zudem tatsächlich für die Olympischen Spiele qualifizieren, käme im August ein weiterer Termin hinzu. Das Erstellen der Spielpläne in der Super und Challenge League im nächsten Jahr dürfte noch einige Kopfschmerzen bereiten.

Bernard Challandes:

"Wir erlebten ein ganz schwieriges Spiel. In der ersten Halbzeit mussten wir gegen die sehr starken Tschechen bös unten durch. Nach der Pause blieben wir aber kompakt und schoben uns weiter nach vorne. Das Team hat auf den Rückstand und den Platzverweis super reagiert. Wir wollten hier Tore schiessen und taten es auch. Mein Platzverweis war nicht so schlimm. Ich war nicht grob zum Schiedsrichter, wollte einfach nicht auf die Bank sitzen. Ich musste an der Linie ein Zeichen setzen, das gehört zur Leidenschaft."

Roland Schwegler:

"Natürlich hätte ich meinen Penalty gerne verwertet. Doch das ist das schöne in unserer Mannschaft. Jeder darf Fehler machen. Marco Wölfli machte meinen Fehler zum Glück sofort wieder gut. So konnten wir unser grosses Ziel doch noch erreichen, weil jeder 120 Minuten lang alles gab."

Marco Wölfli:

"Ein unglaubliches Gefühl. Mit zehn Mann holen wir ein 0:1 auf und reisen gar noch an die EM-Endrunde. Mehr muss man dazu nicht sagen. Einfach phantastisch."

(tr/Si)

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