Fussball: Türken scheitern an Lettland

publiziert: Mittwoch, 19. Nov 2003 / 22:27 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 19. Nov 2003 / 23:13 Uhr

Vier der fünf Favoriten sicherten sich in den Rückspielen der EM-Barrage die letzten Tickets für die Endrunde 2004 in Portugal. Derweil sich Holland und Spanien deutlich, Russland sowie Kroatien knapp durchsetzten, scheiterte der WM-Dritte Türkei mit einem 2:2-Remis unerwartet am Zwergen Lettland.

Auf dem Weg zur schweren Enttäuschung verspielten die Türken gegen den Kleinstaat aus dem Baltikum gar eine 2:0-Führung. Die Letten hingegen feierten ihr wichtigstes Unentschieden ihrer jungen Geschichte.

Die nach dem 0:1 in Glasgow schwer kritisierten Holländer deklassierten ein inferiores Schottland vor eigenem Anhang 6:0. Spanien liess dem 2:1-Heimsieg in Norwegen ein 3:0 folgen, während Russland ein 1:0 in Wales zum 16. und letzten EM-Platz genügte.

Schotten im "Orangensaft" abgetaucht

Berti Vogts, der schottische Selektionär, mochte nach 67 Minuten nicht mehr auf die Anzeigetafel der ausverkauften Amsterdamer "ArenA" blicken: 0:6 lautete das schmerzhafte Verdikt. Und das Resultat war gewiss nicht zu hoch. Die vorschnell als "ausgpresste Orangen" verspotteten Holländer hatten die Schotten von A bis Z dominiert.

Allein der ManU-Star Ruud van Nistelrooy traf dreimal. Neben dem Mancunian wies in erster Linie Wesley Sneijder den Weg zum Triumph. Der 19-jährige Ajax-Profi schoss auf brillante Weise das 1:0 und leistete bis zum 3:0 jeweils die Vorarbeit-

Wer den Schaden hat, braucht für den Hohn bekanntermassen nicht mehr zu sorgen; schon gar nicht, wenn es sich dabei um einen deutschen Passträger in Holland handelt. "Schade, schade, Berti, alles ist vorbei" intonierte der Chorus der schadenfreudigen Oranjes in fast akzentfreiem Deutsch. "McBerti" nahm die Schmährufe regungslos hin. Er war -- wie seine desillusionierten Spieler auf dem Feld -- längst nur noch sprachloser Zeuge einer denkwürdigen Demontage.

Gelassen zurücklehnen durfte sich dagegen der in den vergangenen Tagen und Wochen scharf kritisierte Dick Advocaat. Dem Bondscoach werden die Pressevertreter (und Altstars) so schnell keine Vorwürfe mehr machen. Mit seinen taktischen Umstellungen trug Advocaat seinen Teil zur spektakulärsten Trendwende des (Fussball-)Jahres bei.

Sein Entscheid, anstelle Patrick Kluiverts von Beginn weg vollumfänglich auf Van Nistelrooy zu setzen, erwies sich als richtig. Ebenso klug war es, in der Defensive (nach der Sperre gegen Stam) eine Dreierkette zu nominieren und im Mittelfeld gleich mit fünf Akteuren pausenlosen Druck zu erzeugen.

Türkei trotz 2:0-Führung ausgeschieden

Spätestens nach 78 Minuten verstummte das heissblütige Publikum in Istanbul endgültig. Maris Verpakovskis, der Siegtorschütze des Hinspiels, überraschte die türkische Abwehr mit einem rasanten Antritt ein weiteres Mal und hob den Ball gekonnt über den machtlosen Ersatzkeeper Ömer Catkic.

Jener Mann vom FC Skonto Riga also, der im Verlaufe der EM-Qualifikatino mit seinen Toren schon die Erfolge in Schweden und gegen Ungarn möglich machte, raubte dem letztjährigen WM-Dritten die Chance aufs EM-Ticket endgültig.

Dabei deutete im Zentrum des türkischen Fussballs nach etwas mehr als einer Stunde nichts mehr auf eine (aus Optik der Einheimischen) negative Überraschung hin.

Ilhan Mansiz hatte in der 20. Minute mit seinem herrlichen Volleytor für einen beruhigenden Start gesorgt, ehe Hakan Sükür mit dem 2:0 (64.) die ärgsten Probleme zu lösen schien. Der Eindruck trügte, weil Laizans den Übermut und die Sorglosigkeit der Türken zum 1:2 nutzte und damit den Absturz der Mannschaft des wohl abtretenden Coachs Senol Günes einleitete.

Lettland dagegen feierte mit dem Remis in Istanbul den grössten Triumph seit der politischen Unabhängigkeit vor zwölf Jahren. Im ersten Teil der EM-Kampagne verschafften sich die Balten mit einigen starken Auftritten Respekt und eliminierten mit dem WM-Teilnehmer Polen und Ungarn immerhin zwei klar höher eingeschätzte Kontrahenten.

Spanien entging Blamage mit 3:0-Gala

Topskorer Raul, Rodriguez Vicente und Joseba Etxeberria bewahrten Spanien mit ihren Toren vor einer herben Enttäuschung und dem erstmaligen Verpassen einer EM- oder WM-Endrunde seit 1992. Trotz eisigen Temperaturen in Oslo lieferten die Spanier in Norwegen eine feurige Fussball-Gala ab.

Schon nach 34 Minuten waren alle Ängste der Spanier vor dem "Polar-Frost" dahingeschmolzen. Raul brachte die Gäste mit seinem 37. Länderspieltor in Front, Vicente doppelte kurz nach der Pause -- erneut nach Vorarbeit von Spielmacher Valeron -- nach. Da hatten die sehr defensiven Norweger bereits resigniert, was Etxeberria nach einem schweren Fehler von Goalie Espen Johnsen noch den dritten Treffer ermöglichte.

Johnsen, bei der unglücklichen 1:2-Niederlage im Hinspiel noch der grosse Held, hatte trotz einer in der 22. Minute erlittenen Fussverletzung weitergespielt und bei einem Befreiungsversuch den Ball mit dem havarierten Fuss nicht richtig getroffen. Vom angeschossenen Spanier prallte der Ball ins norwegische Netz.

Norwegen verlor nicht nur das Spiel und die EM-Qualifikation, sondern nach dem 0:3 auch seinen Coach Nils Johan Semb, der seine Demission im Fall eines Ausscheidens schon länger angekündigt hatte. Nach dem Trainerwechsel dürfte dafür Norwegens Stürmerstar John Carew wieder ins Nationalteam zurückkehren. Der Roma-Angreifer wollte unter Semb keine Länderspiele mehr bestreiten.

Prso doppelter Matchwinner

Ein drittes Mal in Serie werden die Slowenen nicht auf der ganz grossen Fussball-Bühne auftreten. Nach dem verblüffenden 1:1-Remis in Zagreb erlitt die Auswahl von Bojan Prasnikar gegen Kroatien eine bittere 0:1-Heimniederlage.

Zum Matchwinner avancierte bei den dezimierten Gästen abermals Dado Prso. Der Stürmer, der vor zwei Wochen in der Champions League vier Treffer zum geschichtsträchtigen 8:3-Triumph Monacos gegen La Coruña beigesteuert hatte, ersparte seiner Equipe mit dem zweiten persönlichen Barrage-Tor viel Häme.

Die Slowenen werden sich vorwerfen lassen müssen, aus einer guten, im Verlaufe der Partie gar vorzüglichen Ausgangslage, keinen Profit geschlagen zu haben. Unmittelbar vor dem siegbringenden Schuss von Prso sah der kroatische Verteidiger Igor Tuder nach einem überharten Tackling die gelb-rote Karte.

Die Gäste, im Vergleich zum enttäuschenden 1:1 mit sieben Änderungen in der Startformation, gerieten ohne den Juve-Professional aber kaum einmal in Schwierigkeiten und überstanden auch das siebte Duell mit der früheren jugoslawischen Republik unbeschadet.

Wales´ Traum geplatzt

Der Traum von der ersten Teilnahme an einer EM- oder WM-Endrunde seit 1958 ging bei den Walisern schon nach 22 Minuten zu Ende. Russland-Verteidiger Ewsejew köpfelte einen Freistoss von Gussew wuchtig ins Netz.

Die Waliser beklagten zwar in der 42. Minute einen Pfostenschuss von Ryan Giggs, zu mehr reichte es gegen den Zweiten der "Schweizer Gruppe" trotz Feldüberlegenheit in der letzten halben Stunde aber nicht mehr.

Norwegen - Spanien 0:3 (0:1)

Ulleval, Oslo. -- 30 000 Zuschauer. -- SR Collina (It). -- Tore: 34. Raul 0:1. 49. Vicente 0:2. 57. Etxeberria 0:3.

Spanien: Casillas; Salgado, Cesar, Helguera, Puyol; Albelda (85. Baraja), Xavi Alonso, Etxeberria (79. Joaquin), Vicente; Valeron (74. Guti); Raul.

Bemerkungen: Norwegen ohne Henning Berg (gesperrt) und Strand (verletzt); Spanien ohne Marchena (gesperrt).

Slowenien - Kroatien 0:1 (0:0)

Central-Stadion, Ljubljana. -- 12 000 Zuschauer (ausverkauft). -- SR Urs Meier (Sz). -- Tor: 61. Prso 0:1.

Bemerkungen: Slowenien ohne Topskorer Siljak (gesperrt), Kroatien u.a. ohne Sokota (gesperrt). 59. Gelb-Rot gegen den Kroaten Tudor (wiederholtes Foulspiel).

Holland - Schottland 6:0 (3:0)

ArenA, Amsterdam. -- 50 000 Zuschauer (ausverkauft). -- SR Michel (Slk). -- Tore: 24. Sneijder 1:0. 32. Ooijer 2:0. 37. Van Nistelrooy 3:0. 51. Van Nistelrooy 4:0. 65. Frank de Boer 5:0. 67. Van Nistelrooy 6:0.

Holland: Van der Sar; Ooijer (46. Frank de Boer), Reiziger, Bouma (69. Seedorf); Cocu, Davids; Van der Meyde, Sneijder, Overmars; Van Nistelrooy (78. Kluivert), Van der Vaart.

Schottland: Douglas; McNamara, Pressley, Wilkie, Naysmith (46. Ross); Fletcher, Rae, Ferguson, McCann (63. Miller); McFadden, Dickov (46. Crawford).

Bemerkungen: Holland ohne Stam (gesperrt), Schottland ohne Dailly (gesperrt). Verwarnungen: 4. Ferguson und Van Nistelrooy (beide Unsportlichkeit), 10. Pressley (Foul), 17. Dickov (Foul), 44. Naysmith (Nachtreten), 47. Davids (Schwalbe).

Türkei - Lettland 2:2 (1:0)

Inönü, Istanbul. -- 53 000 Zuschauer. -- SR Frisk (Sd). -- Tore: 20. Ilhan Mansiz 1:0. 64. Sükür 2:0. 66. Laizans 2:1. 78. Verpakovskis 2:2.

Bemerkungen: Türkei ohne Rüstü, Fatih und Emre (alle gesperrt).

Wales - Russland 0:1 (0:1)

Millennium, Cardiff. -- 73 062 Zuschauer. -- SR Mejuto Gonzalez (Sp). -- Tor: 22. Ewsejew 0:1. Russland: Malafejew; Ewsejew, Ignaschewitsch, Onopko, Sennikow; Gussew, Smertin, Ismailow, Alenitschew; Titow (59. Radimow), Bulikin. Bemerkungen: Russland ohne Owtschinnikow und Mostowoj (beide gesperrt).

Alle EM-Teilnehmer auf einen Blick:

Die 16 Teilnehmer an der EM-Endrunde 2004 in Portugal auf einen Blick (in alphabetischer Reihenfolge):

Bulgarien Dänemark Deutschland England Frankreich (Titelverteidiger) Griechenland Holland Italien Kroatien Lettland Portugal (Gastgeber) Russland Schweden Schweiz Spanien Tschechien

Für die EM-Endrunde der U21-Nachwuchsmannschaften vom 27. Mai bis 8. Juni 2004 (Austragungsort noch nicht bestimmt) können sich acht Team qualifizieren:

Deutschland Kroatien Portugal Schweiz Serbien/Montenegro Weissrussland Italien/Dänemark (Resultat noch nicht bekannt) Spanien/Schweden (Resultat noch nicht bekannt)

(tr/Si)

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