Gevatter Zynismus und sein Bruder
publiziert: Montag, 3. Okt 2011 / 11:31 Uhr / aktualisiert: Montag, 3. Okt 2011 / 13:56 Uhr
Fliegender Pyro im Fansektor: unterer Rand der Nihilismus-Skala
Fliegender Pyro im Fansektor: unterer Rand der Nihilismus-Skala

Zum ersten Mal musste in der Schweiz ein Fussball-Meisterschaftsspiel abgebrochen werden. Der Fussball hat einen Tiefpunkt erreicht. Die Leute, welche diese «Schande von Zürich» angerichtet haben, sind offenbar gedankenlos, dumm, rücksichtslos und ohne jede Ethik... sozusagen Wert-los.

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Damit sind sie nur am unteren Rand der Nihilismus-Skala angesiedelt, dort, wo die ethische Leere in den Köpfen sich direkt in Zerstörung und Gewalt entlädt. Doch seien wir doch ehrlich: Diese Hooligans machen einfach etwas sichtbar, das die Gesellschaft unterdessen durchdrungen hat und an vielen Orten ja sogar begrüsst und gefordert wird: Das hedonistische Ausleben der eigenen Launen, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste, sofern sie nicht die eigenen sind.

Der Nihilismus findet ja auch auf unseren Strassen statt: Ob nun irgendwelche Radler Stopsignale überfahren, Autofahrer die Vorfahrt abschneiden, Abkürzungen durch Quartierstrassen nehmen oder Motorradfahrer an einem Wochenende viermal nacheinander die gleich Passstrasse rauf und runter rasen ohne sich einen Deut um die Anwohner zu kümmern. Die Bedürfnisse wollen ausgelebt sein, ausserdem kurbelt das die Wirtschaft an.

Dies ist nicht zuletzt auch die Meinung nicht weniger Politiker, welche die vorschriftsfreie Welt propagieren und finden, der Staat solle sich gefälligst überall raus halten. Und an und für sich wäre dies sogar richtig. Aber dies erforderte gleichzeitig eine grosse Reife unter allen Bürgern und nicht zuletzt auch Politikern. Wenn man allerdings erkennen muss, dass in der Politik unter einer Wertediskussion momentan vor allem die Diskussion, wie das eigene Depot bei der Bank einen grösseren Wert bekommen kann, betrachtet wird, darf bezweifelt werden, dass sich der Stimmbürger mehr um seinen Nächsten kümmert, als um den Glanz seines SUV's in der Doppelgarage.

Doch vor allem ist es die Willfähigkeit der Politik gegenüber der Grossfinanz- und Industrie, die für den Ethik-Drain in unseren Demokratien gesorgt hat. Und die Wahrnehmung ist ja durchaus korrekt: Wer sich einfach anstrengt, arbeitet, Steuern zahlt und sich an die Regeln hält, hat immer mehr den Eindruck, bei jedem neuen Spiel nur Arschkarten ausgeteilt zu bekommen, während Grossbanken ihre Gewinne aus virtuellen Geldblasen namens Derivatenmärkte (welche die echte globale Wirtschaftsleistung um das vielfache übertreffen) erzielen und Geld verteilen, das vermutlich erst von unseren Enkeln erarbeitet werden kann.

Gleichzeitig ist auch die Klimadebatte in der Realpolitik so gut wie beendet, während in der wirklichen Welt die Folgen sichtbar werden: Rasender Gletscherschwund in Grönland, weit um sich greifendes Waldsterben durch Hitzestress in den gemässigten Klimazonen, Hitzewellen und Dürren an Orten, die vor kurzem noch fruchtbar waren, schreiten voran. Zwar wachsen viele Wälder schneller als je zuvor, doch es ist nicht klar wie lange dies gehen kann - unlimitiert, wie manche behaupten, oder nur beschränkt wie andere überzeugt sind. Denn es überleben immer mehr für den Wald gefährliche Schädlinge die immer milderen Winter in gemässigten Gebieten. Aber diese klimatischen Dramen finden dank der Lobby-Arbeit der Energie-Riesen fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zusätzlich diskreditiert wurde die Klimawissenschaft auch von Politikern, die völlig übertriebene Szenarien als Wahlkampfmunition gebrauchten.

Aus ähnlichen Gründen, ist ja auch die Wirtschaftswissenschaft und mit ihr zusammen die ganze Gilde der Ökonomen nachhaltig diskreditiert. Jene, die vor der Krise warnten, weil die damals niemand hören wollte und die anderen, weil sie so grausam daneben lagen. Und mit Ihnen die ganze Politiker-Kaste, die aus Liebe zu sich und den allgegenwärtigen Lobbyisten wie wild dereguliert hatten, um die Katastrophe so gut wie möglich vorzubereiten.

Vor diesem Hintergrund ist die Zerstörungswut - welche zum Entsetzen jener, die noch an Werte jenseits des SPI glauben - die momentan um sich greift auf einmal erklärbar. Denn die gegenwärtige globale Situation zwingt einen fast zu Zynismus, dessen Bruder laut Peter Sloterdijk der Nihilismus ist. Ein Nihilismus der, sehr gut sichtbar bei Hooligans und Krawalltouristen, besser versteckt bei hedonistischen Konsumbürgern, Opportunismus-Politikern und Abzock-Bankern, immer weiter um sich greift und dessen Kind, die Resignation, vermutlich die grösste Gefahr für den Zusammenhalt und die Zukunft unserer Gesellschaft ist.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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