Heiraten in St. Petersburg: Eine Stadt entdeckt die gesellschaftliche Vielfalt

publiziert: Mittwoch, 13. Aug 2003 / 10:22 Uhr / aktualisiert: Montag, 18. Aug 2003 / 10:55 Uhr

St. Petersburg – Die schönste russische Stadt feiert ihren dreihundertsten Geburtstag und sich selber. Ob Stadterbauer Peter der Grosse, Star-Architekt Domenico Trezzini oder die vermeintlich potemkische Stadt-Restaurierung, alle und alles kriegt in diesem Jahr seinen Platz im russischen Schaukasten. Dabei kommen auch die kleinen Leute nicht zu kurz.

Tausende von Touristen nehmen den Stadtgeburtstag als Anlass, endlich das „Venedig des Nordens“ zu besuchen.

Voller Staunen über die Anmut von „Russlands Tor zum Westen“, wo die Russen etwas europäisch und die Europäer etwas russisch sein dürfen, begutachten sie, was mal als Produkt eines grössenwahnsinnigen Diktators, mal als Russlands einzige wirkliche Stadt und zivilisatorische Leistung bezeichnet wird.

Bauen statt feiern

Wie wird nun aber der Geburtstag des Ortes im Sommer gefeiert? Von einer pompösen Stadtfeier ist in den ersten Wochen des Augusts wenig zu sehen. Man baut und restauriert an jedem zweiten Gebäude, Platz und sogar in den Hinterhöfen.

Die offiziellen Feiern fanden Anfang des Jahres statt, wie die vergilbten Plakate in den Einkaufsläden bezeugen. Einzig das erst um Mitternacht einsetzende Dunkel der Nacht erinnert an die Festlichkeiten der weissen Nächte.

Von Parties haben die Einwohner von St.Petersburg aber diesen Sommer nicht genug. Und es wird um die Wette geheiratet – so erscheint es auf jeden Fall, wenn man durch die Strassen von Sankt Petersburg schlendert.

Der Gratisanzeiger Moj Rajon (Mein Quartiert) berichtete Anfang August, die kurze Sommerzeit sei dermassen beliebt, dass man sich jeweils im Januar für einen Termin bemühen muss.

Durchschnittlich kommt es in St. Petersburg zu 7000 Eheschliessungen pro Jahr, wovon beinahe alle im Sommer stattfinden.

Zur Feier wird geheiratet

Um diesem besonderen Tag den nötigen Touch zu verleihen, bieten verschiedene Firmen ihre Dienste an. Ihren Preislisten zu folge kostet das Brautkleid von 200 Fr. aufwärts – für den Bräutigam ist der Einstiegspreis 50 Fr. weniger –, die Miete eines Saales 150 Fr., Foto- und Videodokumentation der Feier 220 Fr., eine Live-Band 100 Fr. und ein DJ 75 Fr. Hinzu kommen die Verzierung des Autos (10 Fr.), eine passende Frisur (25 Fr.), Schminke (10 Fr.), der Blumenstrauss der Braut (20 Fr.), eine Erinnerungsbrosche (15 Fr. pro Stück) und natürlich die Torte (von 12 Fr. aufwärts pro Kilogramm).

Wer es gerne etwas extravaganter hätte, kann aber auch ein privates Feuerwerk für 200 Fr. bestellen oder ein „Cottage“ ausserhalb der Stadt für 600 Fr. mieten.

Man kann aber auch gänzlich auf die grossen Feierlichkeiten verzichten und sich in Jeans und auf dem Fahrrad trauen lassen.

Bleibt zu fragen, ob sich gewöhnliche Russen solche Feierlichkeiten leisten können. Ein frisch verheiratetes Paar erklärt, 2000 Fr. für eine Hochzeit für 25 Personen bezahlt zu haben, und bekunden gleichzeitig die finanziellen Sorgen, die ein solcher Tag mit sich bringt. Man kann aber auch für 750 – 1000 Fr. heiraten, oder zur Not eben in Jeans und auf dem Fahrrad.

Platz für die kleinen Leute

Es lässt sich beobachten, dass es auch Platz für weniger gut stehende Menschen gibt. Der Markt befriedigt nicht mehr nur die Bedürfnisse einer Elite, sondern hat die weniger gutbetuchten sozialen Schichten entdeckt.

Dies beschränkt sich nicht auf die Heiratsindustrie. Auch das Angebot im Nachtleben ist abwechslungsreicher geworden, so kann man Clubs besuchen, die nicht nur „Striptiz“ anbieten, oder in Restaurants einkehren, ohne mit Gold und Diamanten behängt zu sein.

Die russische Gesellschaft scheint – zumindest in St. Petersburg – einen gewaltigen Schritt Richtung Pluralisierung getan zu haben. Womit wir nun auch einen weiteren Grund zum feiern hätten. Man muss ja dazu nicht immer gleich Heiraten. Prosit St. Petersburg!

(Madoc Skinner/news.ch)

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