Irak nach dem Krieg: Ein zweiter Gazastreifen?
publiziert: Donnerstag, 10. Apr 2003 / 11:45 Uhr

Washington - An Vorhersagen und Expertenrat hat es nicht gemangelt. Knapp drei Wochen nach dem ersten Raketenbeschuss ist klar, dass der Krieg bisher ganz anders verlief, als die meisten prophezeit hatten. Bagdad ist schneller gefallen als erwartet und obwohl immer noch in Nordirak gekämpft wird, richten viele ihre Aufmerksamkeit nun verstärkt auf die Zeit nach dem Krieg.

US-Vizepräsident Dick Cheney rechnete in den ersten Tagen mit einer Massenfahnenflucht der Republikanischen Garde Saddam Husseins. Viele US-Experten dagegen hatten die Aussichten der Amerikaner in düsteren Farben gemalt und einen langen, blutigen Krieg mit vielen Toten auch auf Seiten der USA und eine neue Terrorwelle erwartet.

Klar war am Mittwochabend, dass das Regime von Saddam Hussein am Boden ist. Die US-Truppen kontrollieren grosse Teile der Hauptstadt und zeigen mit gezielten Vorstössen in anderen Gegenden des Landes ihre Stärke.

Der ganze Süden ist nach knapp drei Wochen ohnehin in der Hand der Koalitionstruppen. Dort blieb auch die vorhergesagte Umweltkatastrophe durch brennende Ölquellen aus.

Unklarheiten bei Chemiewaffen

Ebenso wurden entgegen den Vorhersagen weder Chemiewaffen eingesetzt noch gefunden. Dies setzt die USA zunehmend unter Rechtfertigungsdruck.

In US-Regierungskreisen wird deshalb nun auch viel häufiger vom Sturz des "Regimes" als Kriegsziel gesprochen als von der Entwaffnung Iraks, die monatelang die Auseinandersetzungen in den Vereinten Nationen beherrschte.

Jetzt erwarten Experten, dass sich nach dem Fall des Regimes irakische Wissenschafter trauen werden, über mögliche Chemie- oder Biowaffenprojekte zu berichten. Die bisherige irakische Führung hat den Besitz von Massenvernichtungswaffen immer bestritten.

Verluste nicht bezifferbar

Selbst viele Militärs hatten befürchtet, dass die Verluste auf Seiten der Amerikanern höher sein würden als die bis Mittwoch etwa 100 Toten.

"Ich hatte vorhergesagt, dass zwischen 100 und 5 000 Koalitionssoldaten getötet werden, und ich hielt die Zahl von 100 für ebenso unwahrscheinlich wie die 5000", staunte der Militärexperte Michael O'Hanlon vom Brookings-Institut.

Unklar ist allerdings, wie viele tausend irakische Soldaten und Zivilisten starben. Die Situation im humanitären Bereich bezeichnen Hilfswerke als prekär, soweit sie überhaupt abschätzbar ist.

Falsch hatten auch Experten gelegen, die mit Beginn des Kriegs eine neue Welle von Anschlägen gegen die USA erwartet hatten. Zwar wird neuer Terror weiterhin nicht ausgeschlossen, und es gilt weiter die zweithöchste Alarmstufe im Land. Die Sorge in der Bevölkerung aber hat sich inzwischen etwas gelegt.

Spott kontra Warnung

Die konservative "Washington Times" goss unterdessen Spott über Experten und pensionierte Generäle. "Im Fernsehen versuchen sie zu erklären, warum das, was sie 72 Stunden zuvor gesagt haben, ganz und gar falsch war."

Doch die "New York Times" warnt bereits, entscheidend sei nicht, wie der Krieg gewonnen werde sondern wie es danach weiter gehe. Und zudem, ob es gelinge, die irakische Bevölkerung auf die Seite der USA zu ziehen.

"Die Gefahr ist nicht, dass Irak zu einem zweiten Vietnam wird, sondern ob sich das Land nach unserem Sieg zu einem zweiten Libanon oder Gazastreifen entwickelt."

(Thomas Müller/dpa)

 
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