Kommentar: Parlamentarische Profilierungssucht
publiziert: Freitag, 12. Mrz 2010 / 11:28 Uhr / aktualisiert: Freitag, 12. Mrz 2010 / 11:52 Uhr

Die Abzocker-Initiative wirft ein Schlaglicht auf die Entfremdung des Schweizer Volkes von der Wirtschaft und deren Exponenten. Der Konsens, der die Schweiz zum Erfolgsmodell machte, ist erodiert und steht vor dem Kollaps. Doch statt die Basis für einen neuen Konsens zu schaffen, vertut sich das Parlament in parteipolitischem Geplänkel.

Nationalrat: Parteitaktik schlägt Zukunft-Gestaltung
Nationalrat: Parteitaktik schlägt Zukunft-Gestaltung
4 Meldungen im Zusammenhang
Die Initiative hätte zeitlich nicht besser lanciert werden können. Inmitten des durch hemmunglose Spekulationen ausgelösten Meltdowns der Weltwirtschaft lancierte der mittelständische Zahnpasta-Hersteller (Trybol) Thomas Minder seine Initiative «gegen die Abzockerei». Liest man den Initiativtext durch, spürt man regelrecht einen calvinistischen Geist durch die Zeilen wehen, eine Abscheu gegen Gier und Übertreibung, gegen obszöne Vergütungen und Löhne jenseits des Nachvollziehbaren.

Eine Kluft tat sich auf

Das Ziel von Minder ist klar: Die Glücksspieler, Hasardeure und jene, die Firmen dank ihrer Position wie ihr persönliches Kässeli benutzen, sollen gebremst werden. Gigantische Abgangsentschädigungen – die sogenannten goldenen Fallschirme – welche meist schon beim Antritt der Stelle vereinbart und ohne Berücksichtigung ihrer Leistungen beim Abgang an die Manager ausgezahlt werden, sollen künftig verboten sein.

Alles Forderungen, die in der Wirtschaft auf wenig Gegenliebe stossen, im Volk hingegen, dass sich von «denen da oben» ausgenützt ja sogar verhöhnt fühlt, umso populärer sind. Es ist diese Kluft, die – noch mehr als die Initiative an sich – den Grossbanken und Grossfirmen Sorge machen sollte.

Langweilig aber funktioniert

In der Schweiz standen lange Zeit zwei Drittel der Bevölkerung geschlossen hinter den Banken, hinter der Wirtschaft. Es war Konsens, dass von einer starken Wirtschaft, die frei handeln kann, alle profitieren. Und dies war auch der Fall. Die Arbeitslosenzahlen, der Wohlstand, das Wachstum und der soziale Friede machten aus der Schweiz ein sehr langweiliges Land, das einfach funktionierte.

Doch schon seit Jahren erodiert dieser Fels in der Brandung an allen Ecken und Enden. Die «Global Players» der Schweizer Wirtschaft haben keinen unwesentlichen Anteil daran. Die ursprüngliche Art des Schweizerischen Wirtschaftens war eine ohne Stars und Allüren im Management mit einem gewissen Mass an Anstand. Ein Bank-Manager war einfach einer, der schaffte wie jeder andere auch. Doch seit die US-Art des Managements eingeführt wurde, bei der kurzfristige Gewinne das Ziel sind und die hemmungslos Gier als Motivator im Zentrum steht, schwand auch die Liebe der Schweizer zu den Mächtigen der Wirtschaft und es tat sich ein tiefer Graben auf.

Profilierungssucht statt Substanz

Als dann auch noch der Steuerzahler für die Resultate dieser Exzesse aufkommen musste, war das Tuch zerrissen. Alleine die Tatsache, dass die Abzocker-Initiative so leicht zustande kam, hätte ein Alarm-Signal zur Stimmung im Volk sein sollen.

Aber der Ton aus den Vorstandsetagen hat sich nicht geändert, die Entfremdung geht weiter – zum Schaden aller. Wenn die Initiative so wie sie eingereicht wurde durchkommt, könnte das durchaus ein Standortnachteil – besonders wenn es um die Ansiedlung neuer Firmen geht – werden. Doch ebenso wenig kann es weitergehen wie bis jetzt: Eine Wirtschaft, die den Rückhalt im Volk verliert, ist früher oder später zum Scheitern verurteilt.

Die Schweiz braucht und will einen neuen, von einer Mehrheit getragenen Konsens. Es wäre nun die Aufgabe des Nationalrates eine Basis für einen solchen Gegenvorschlag zu schaffen. Doch das parteitaktische Geplänkel im Parlament, die Profilierungssucht auf Kosten der Substanz verheisst nichts Gutes und wird der Wichtigkeit dieser Vorlage, welche die Schweizer Wirtschaft auf Jahrzehnte hinaus beeinflussen wird, nicht gerecht.

(et/news.ch)

Machen Sie auch mit! Diese news.ch - Meldung wurde von einer Leserin oder einem Leser kommentiert.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Bern - Verwaltungsräte und Manager ... mehr lesen
«Es geht darum, mit der Bonus-Unkultur aufzuräumen», sagte SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer.
Die Millionensaläre der UBS stossen im Nationalrat sauer auf.
Bern - Die Bundesratsparteien haben ... mehr lesen 2
Bern - Die Abzockerei sei ein ... mehr lesen 2
Pascale Bruderer rief die Redner auf, die hitzig über die Abzocker-Initiative diskutierten.
Brady Dougan erhält im April laut «Sonntag» 35 bis 40 Mio. Fr. aus einem Bonuspaket. (Archivbild)
Zürich - Der Chef der Credit Suisse ... mehr lesen 5
inkompetent und überfordert
Das Parlament ist schlicht überfordert, inkompetent und die Parteien stehen jetzt schon im Wahlk(r)ampf. Der Bundesrat ist ebensowenig in der Lage, die Führungsrolle zu übernehmen und reagiert nur auf Druck, ohne eigenes Konzept. Wir können uns glücklich schätzen, in einer direkten Demokratie zu leben, da können wir diese realitätsfremden Politiker wieder auf Feld 1 zurückholen. Es ist richtig frustrierend, zusehen zu müssen, wie die "politische Elite" auf die eigenen Interessen bedacht ist und die Sachpolitik den taktischen Spielchen unterordnet.
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Reaktionäre Kräfte schliessen sich für das Referendum zusammen, mit dabei auch EDU-Präsident Hans Moser.
Reaktionäre Kräfte schliessen sich für das Referendum zusammen, mit ...
Reaktionär  Bern - Gegen die geplante Stiefkindadoption für Homosexuelle regt sich Widerstand. Sollte das Parlament das neue Adoptionsrecht in der vorliegenden Form verabschieden, will ein überparteiliches Komitee aus den Reihen der SVP, CVP und EDU das Referendum ergreifen. mehr lesen 3
Unternehmenssteuerreform  Bern - Zu Beginn der Sommersession am Montagnachmittag beugt ... mehr lesen  
Ständerat und kleine Kammer kommen zu keinem gemeinsamen Nenner.
Der Bundesrat müsse dafür sorgen, dass sich der Tunnel bezahlt mache.
Gotthard 2016  Altdorf - Die Alpen-Initiative fordert den Bundesrat auf, mit der Verlagerung der Gütertransporte von der ... mehr lesen  
Zustimmung bröckelt  Bern - Bei der Pro-Service-public-Initiative, die von Bundesrat und allen Parteien im Parlament bekämpft wird, zeichnet sich ein offenes Rennen ab. ... mehr lesen  
Die Zustimmung zur Pro-Service-public-Initiative ist gesunken.
Titel Forum Teaser
  • melabela aus littau 1
    es geht nicht nur um homosexuelle ich bin eine frau und verheiratet mit einem mann. leider betrifft es ... So, 14.08.16 13:18
  • Pacino aus Brittnau 731
    Kirchliche Kreise . . . . . . hatten schon immer ein "spezielles" Verhältnis zu ... Do, 09.06.16 08:07
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Das wird die Deutschen aber traurig machen. Wenn man keinen Flughafen und keinen Bahnhof ... Mi, 08.06.16 17:49
  • Pacino aus Brittnau 731
    Demokratie quo vadis? Wenn die Demokratie den Stacheldraht in Osteuropa-, einen Wahlsieg von ... Mo, 06.06.16 07:55
  • zombie1969 aus Frauenfeld 3945
    Es... muss darum gehen, die Kompetenz der Kleinbauern zu stärken. Das sorgt ... Do, 02.06.16 13:07
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Kindeswohl egal! Es geht doch vor allem um die eigenen Kinder der Betroffenen. Die ... Do, 02.06.16 08:10
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Verlust der Solidarität: Verlust der Demokratie! Vollständig und widerspruchsfrei beantworten lässt sich das wohl nicht. ... Mi, 01.06.16 00:18
  • zombie1969 aus Frauenfeld 3945
    Unterstützung "Deshalb sind für die Sozialhilfe 267 Millionen Franken mehr und für ... Di, 31.05.16 10:38
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Sa So
Zürich 16°C 32°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen vereinzelte Gewitter
Basel 17°C 33°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen wolkig, aber kaum Regen
St. Gallen 15°C 30°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen vereinzelte Gewitter
Bern 14°C 31°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen vereinzelte Gewitter
Luzern 15°C 31°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen vereinzelte Gewitter
Genf 16°C 32°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig vereinzelte Gewitter
Lugano 17°C 29°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich freundlich
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten