Rätsel und Missversändnisse zu Nordkoreas verhalten

Koreakrise: «Grenzenlose Liebe zum Volk» und «Tausendfache Vergeltung»

publiziert: Montag, 29. Nov 2010 / 19:29 Uhr
Links vorne, der «Junge General», Kim Jong-eun: «unwiderstehlicher magnetischer Charme»?
Links vorne, der «Junge General», Kim Jong-eun: «unwiderstehlicher magnetischer Charme»?

Seit dem Artilleriebeschuss der südkoreanischen Insel Yeonpyeong durch Nordkorea rätselt die Welt darüber, was das nordkoreanische Regime zu diesem Angriff getrieben hat und warum Peking nicht stärker auf Pjöngjang einwirkt. news.ch-Koluminist Peter Achten hat zumindest einige Antworten, obwohl auch er das Regime der Kims nicht enträtseln kann.

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Kriegsspiele nördlich und südlich des 38. Breitengrads auf der koreanischen Halbinsel. Nur 110km südlich der von Nordkorea beschossenen Insel Yeonpyeong manövriert zur – wie das Pentagon verlauten liess – «Abschreckung Nordkoreas» der atomgetriebene Flugzeugträger «USS George Washington» mit einer Besatzung von 5'500 Mann und Frau und 75 Kampfjets an Bord sowie mehrere Begleitschiffen zusammen mit den verbündeten Südkoreanern rein übungshalber und «rein defensiv».

Einige Dutzend Kilometer nördlich ist nordkoreanisches Artilleriefeuer zu hören. Rein übungshalber, versteht sich. Allerdings droht Pjöngjang mit einem «totalen Krieg gegen die US-Imperialisten und ihre südkoreanischen Marionetten». Im Notfall, versteht sich. Südkorea seinerseits lässt sich im heissen Propaganda-Wortgefecht nicht lumpen. So drohte in Soeul der Kommandant der Marineinfanterie General Yoo Nak Joon in Anwesenheit des neuen Verteidigungsminister General Kim Kwan-jin beim Begräbnis von zwei gefallenen Soldaten mit «tausendfacher Vergeltung» und «sicherer Rache».

«Notfall-Konsultationen»

Wie immer bei Krisen-Situation um Nordkorea bemühen sich Peking und Washington trotz schrillen Worten südlich und nördlich der entmilitarisierten Zone, trotz nordkoreanischem Artilleriebeschuss und Urananreicherung durch Nordkorea, der Diplomatie wieder zum Durchbruch zu verhelfen. Am Wochenende hat Peking deshalb zu «Notfall-Konsultationen» der Chefunterhändler an den Pekinger 6er-Gesprächen noch für diese Woche aufgerufen. Das Aussenministerium in Peking hat nach Gesprächen mit dem US-Sondergesandten für Nordkorea, Stephen Bosworth, schon vor einer Woche mitgeteilt, dass die USA und China überzeugt sind, dass «alle Parteien gemeinsame Anstrengungen unternehmen sollten, um die Bedingungen für eine Wiederaufnahme der 6-Parteien-Gespraeche wieder zu schaffen».

Diese Bedingungen zu schaffen, genau da liegt das Problem. Nur eben, seit die Pekinger Gespräche 2003 ihren Anfang nahmen, hat Nordkorea viel versprochen, selten ein Versprechen gehalten, viel bekommen und nie etwas zurückgegeben. Ziel Pjöngjangs sind nicht multilaterale Gespräche, sondern Direktkontakte auf gleicher Augenhöhe mit Washington. Die USA haben unter verschiedenen Administrationen einmal härtere, ein andermal sanftere Taktiken eingeschlagen. Ohne Erfolg.

Ein militärisches Szenario ist ungleich Irak im Ostasiatischen Pulverfass schlicht nicht denkbar. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Nordkorea sein Atomprogramm, inklusive zwei Explosionen 2006 und 2009, ohne Rücksicht auf die Pekinger Gespräche konsequent Schritt für Schritt gegen alle am Verhandlungstisch abgegebenen Versprechen ausgebaut hat. Mangels besserer Alternativen setzen Peking und Washington auf Verhandlungen. Erklärtes Ziel der seit 2003 laufenden und seit über einem Jahr unterbrochenen 6er- Gespräche: Beendigung des nordkoreanischen Atomprogramms im Austausch gegen Wirtschaftshilfe für das hungernde, mausearme Nordkorea.

Aus nordkoreanischer Sicht handelt Pjöngjang rational

Washington setzt auf die guten Dienste Pekings, mit Druck – zum Beispiel Unterbindung von Öllieferungen – Pjöngjang gefügig zu machen. Der Einfluss Pekings auf Nordkorea wird allerdings im Westen masslos überschätzt. Pjöngjang lässt sich als selbst-deklarierte Atommacht nichts, aber auch gar nichts mehr vorschreiben, auch von China nicht. Im Westen wird oft die Meinung verbreitet, mit dem «Geliebten Führer» Kim Jong-il sei ein Halbverrückter an der Macht. Nichts könnte falscher sein. In Pjöngjangs oberstem Führungszirkel wird sehr wohl rational kalkuliert. Vom nordkoreanischen Standpunkt aus nämlich ergibt sich ein ganz anderes Bild. Die herrschende Nomenklatura fühlt sich echt bedroht und traut den Amerikanern nicht über den Weg. Kim Jong-il und seine Generäle fürchten den Regime-Wechsel manu militari. Anschauungsunterricht erhielten sie in Irak. Das, so das nordkoreanische Kalkül, wird Nordkorea nicht passieren. Deshalb auch das Atomprogramm.

Peking hält aus Furcht vor einem plötzlichen Kollaps Nordkoreas mit unvorhersehbaren Folgen zu seinem Verbündeten, wenn auch nicht mehr so klar wie einst. Die Freundschaft ist nicht mehr wie zu Maos Zeiten «so eng wie Lippen und Zähne». Nicht mehr so eindeutig ist die Unterstützung vor allem in den Medien. Die «Global Times», eine offizielle englischsprachige Tageszeitung schreibt, der nordkoreanische Artilleriebeschuss helfe weder der darnieder liegenden Wirtschaft Nordkoreas, noch führe es dazu, dass andere Nationen Nordkorea besser verstünden. Auf der Website der gleichen Zeitung kommt es auf Chinesisch noch härter: die nordkoreanische Aktion sei eine öffentliche Demütigung für die Bemühungen der grossen Nachbarländer um eine diplomatische Lösung.

Die Aussichten, dass sich die Lage an der letzten Grenze des Kalten Krieges bald beruhigen wird, sind gering. Nach dem II. Weltkrieg teilten die Sieger die koreanische Halbinsel 1948 unter sich auf, in ein kommunistisches Nordkorea und ein kapitalistisches Südkorea. Der Koreakrieg 1950-53 zwischen den von den USA geführten UNO-Truppen und den von Maos chinesischen Truppen unterstützten Nordkoreanern endete mit einem Waffenstillstand, der heute noch gültig ist. Es gibt weder de jure noch de facto Frieden. Während Südkorea sich von der Diktatur zur Demokratie mit einer blühenden Wirtschaft mauserte, versank Nordkorea in Armut und Hunger und hängt heute am Tropf internationaler Nahrungshilfe.

Wilde Spekulationen über Nordkoreas Beweggründe

Nordkorea ist trotz Globalisierung und Internet nach aussen hermetisch abgeschottet. Spekulationen schiessen deshalb ins Kraut. Niemand weiss wirklich, was nördlich des 38. Breitengrades vor sich geht, wer die Entscheide trifft, ob die Militärs stärker sind als die politische Führung sind und wie es tatsächlich mit der Nachfolgefrage steht. Warum Nordkorea gerade jetzt wieder zu einer bewaffneten Provokation Zuflucht genommen hat, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Ist Nordkorea wirtschaftlich am Ende? Gibt es in der nordkoreanischen Führung Meinungsverschiedenheiten über die Nachfolge des «Geliebten Führers» Kim Jong-il? Ist der Artillerie-Beschuss ein Signal für die Pekinger Sechser-Gespräche über Nordkoreas Atomprogramm? Ist Pjöngjang über Washington frustriert, das erst dann auf Augenhöhe Gespräche führen will, wenn Nordkorea endlich zu seinen Zusagen steht, sein Atomprogramm verifizierbar und endgültig abzubauen? Hat Nordkorea seine Geduld mit dem Süden verloren, weil Soeul zwar Hilfe gibt und mehr verspricht aber auf Gegenleistungen pocht?

Experten stochern im Dunkeln

Fragen über Fragen, auf die auch Pundits, Nordkorea-Experten, Politik-Wissenschafter oder Medien-Korrespondenten kaum gültige Antworten finden. Alle stochern mehr oder weniger gelehrt im Dunkeln. Selbst abstruseste Spekulationen sind so Tür und Tor geöffnet. China verhindere eine Lösung, so war eben in einer Schweizer Zeitung zu lesen, weil eine direkte Bahnlinie von Soeul nach Russland und Europa der südkoreanischen Wirtschaft einen Vorteil gegenüber China verschaffen würde. Ein Scoop? Mitnichten. Eher Havas. Eine einfache Recherche in der chinesischen Hauptstadt nämlich hätte ergeben, dass China nicht gegen sondern für eine solche Bahnlinie ist.

Nur eines ist sicher und weltweit mit Photos belegt: der «Junge General» Kim Jong-eun, 28 Jahre alt, jüngster Sohn und mutmasslicher Nachfolger des «Geliebten Fuehrers» Kim Jong-il sieht seinem legendären Grossvater und Staatengründer Kim Il-sung, «Präsident in Ewigkeit», verblüffend ähnlich. Wen wundert es noch, dass Nordkorea-Experten nicht ausschliessen, dass plastische Chirurgie zum höheren Wohl des Staates ein wenig nachgeholfen habe….. Kim Myong Chol, der Kim-Dynastie nahe stehend nicht aber verwandtschaftlich verbunden, formuliert zuhanden der ausländischen Medien ein Profil des «Jungen Generals».

Der «Junge General» verbreitet Euphorie

Seit der junge Kim – mit Könizer Schulvergangenheit – zum Nachfolger bestimmt wurde, herrsche in Nodkorea «Euphorie», eine «helle und rosige Zukunft für die Demokratische Volksrepublik» sei damit «garantiert». Im übrigen sei der «Junge General» keineswegs erkoren worden, weil er der Sohn des «Geliebten Führers» sei noch weil er seinem Grossvater so ähnlich sehe. Vielmehr sei es der Wille des Volkes. Der «Junge General» gehöre in die gleiche Kategorie wie sein Grossvater Kim Il-sung und habe «totale revolutionäre Aufopferung» zum obersten Führer Kim Jong-il. Schliesslich habe der «Junge General» eine «grenzenlose Liebe zum Volk», einen «unwiderstehlichen magnetischen Charme» sowie «Charisma».

Was immer dies Lobhudeleien im buntesten, so typisch nordkoreanischen Propaganda-Stil bedeuten mögen, Nordkoreas Freund Nummer 1 China und Feind Nummer 1 Amerika haben ein erklärtes Interesse, Spannungen abzubauen, den gegenwärtigen Konflikt zu entschärfen und aus der koreanischen Halbinsel eine de-nuklearisierte Zone zu machen. Stabilität und Wohlstand Asiens, ja der ganzen Welt stehen auf dem Spiel. Es wird kaum zum Krieg kommen. Bei der derzeitigen Spannung mit hohem Konfliktpotenzial kann eine Kettenreaktion jedoch nicht ausgeschlossen werden. Kriege, auch in Asien, sind schon aus geringerem Anlass vom Zaun gebrochen worden.

(von Peter Achten/news.ch)

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