Kurzsichtig: Kirchen krallen

publiziert: Mittwoch, 27. Nov 2013 / 14:12 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 28. Nov 2013 / 15:00 Uhr
Greifen und Krallen was noch geht - «Landeskirchen» in der finanziellen defensive.
Greifen und Krallen was noch geht - «Landeskirchen» in der finanziellen defensive.

Die «Landeskirchen» sind in verschiedenen Kantonen mit Initiativen und Vorstössen konfrontiert, welche ihre finanziellen Privilegien zurückfahren wollen. Ihre Reaktion: Festkrallen und mit dem Abbau sozialer Dienstleistungen drohen. Noch können sie ihre Pfründe verteidigen, aber schon in 10 Jahren dürften angesichts der zunehmenden Kirchenferne junger Menschen ihre Mehrheiten fallen und auch teures Marketing wird nicht mehr helfen.

8 Meldungen im Zusammenhang
In Schaffhausen hat das Stimmvolk letzten Sonntag eine - vom Regierungsrat beantragte und vom Kantonsrat mit 41 zu 14 Stimmen bereits halbierte - Kürzung der Staatsbeiträge an die «Landeskirchen» verworfen. Die Kirchen hatten in ihrer Kampagne erfolgreich vor dem «Raubbau an der Volkskirche» gewarnt. Wie viel sie für diese Kampagne ausgegeben haben, ist nicht bekannt. Die implizit gestellte Grundsatzfrage «Wie gross ist der Rückhalt der Volkskirche im Kanton?» wurde von 53 Prozent der Stimmenden positiv beantwortet.

Kurzfristig betrachtet, ein Erfolg. Aber ein Blick in die Statistik würde den Kirchen zeigen: Hätten alle ihre Mitglieder sich hinter sie gestellt, hätte das Ergebnis gemäss Strukturerhebung 2010 über 63 Prozent betragen müssen. Es gibt also Kirchenmitglieder, welche diese Privilegien nicht verteidigen. Ein äusserst knappes Resultat zudem, das angesichts der stetigen Kirchenaustritte und der Überalterung bei den Reformierten, im Kanton Schaffhausen die mitgliederstärkste Kirche, in wenigen Jahren kippen dürfte.

In Kanton Bern hat sich der Grosse Rat diese Woche gegen Kürzungsanträge bei den Pfarrgehältern gesträubt, die seit über 200 Jahren aus allgemeinen Steuermitteln finanziert werden. Im Kanton Bern hilft auch die Regierung den Kirchen beim Krallen an überkommene Privilegien und wirft einer Motionärin, die sich für eine stärkere Trennung von Staat und Kirche einsetzt, schon mal vor, sie «befinde sich auf einem Kreuzzug gegen die Kirchen». Die Argumente sind hüben und drüben die gleichen: «Abbau der sozialen Dienstleistungen» - darauf fallen die Linken rein - und «höhere Kosten für die Allgemeinheit, wenn der Staat diese Dienstleistungen erbringen müsste», damit fangen die Kirchen die Bürgerlichen. Hin und wieder werden auch Drohkulissen des 19. Jahrhunderts aufgefahren: Der Religionsfrieden sei gefährdet - als ob das Heer der Berner Reformierten ante portas oder katholische Heckenschützen in Position stünden - einfach peinlich.

Die institutionelle Verbandelung von Staat und Kirche ist im Kanton Bern so eng, dass die Regierung - entgegen einem selber in Auftrag gegebenen Gutachten - die Argumentation der Kirchen übernimmt, welche ihre Privilegien gerne als unaufkündbar darstellt. Aber auch im Kanton Bern handelt es sich klar um Rückzugsgefechte. Immerhin stimmte der Grossrat im Rahmen eines Sparpakets im Budget 2014 einer Kürzung der Pfarrlöhne um zwei der 73 Millionen jährlich zu. Darüber hinaus erhielt die Verwaltung den Auftrag, in den kommenden drei Budgets die Ausgaben für die Pfarrlöhne jährlich um eine weitere Million zu senken - zu offensichtlich ist die Überdotierung der reformierten PfarrerInnen, wo selbst Kleinstkirchgemeinden mit 200 Mitgliedern eine 60 Prozent-Pfarrstelle finanziert wird.

Der Rückhalt der Kirchen im Volk müsste gemäss Statistik 2010 rund 75 Prozent sein, so viele BernerInnen sind formell Landeskirchenmitglieder - ein etwaiges Abstimmungsresultat dürfte aber auch hier deutlich darunter liegen.

In den Kantonen Zürich und Graubünden rüsten sich die Kirchen derzeit für den Abstimmungskampf gegen Initiativen der Jungliberalen, welche die Kirchensteuer für juristische Personen abschaffen wollen. Auch hier operieren die sie mit den selben Mythen: «Abbau ihrer unbezahlbaren gemeinnützigen sozialen Dienste».

Die Regel ist aber: Da wo die kirchliche Träger erwünschten und messbaren Gemeinnutzen erbringen, besteht bestenfalls bereits ein Leistungsvertrag mit der öffentlichen Hand oder werden sie schon längst aus allgemeinen Steuern subventioniert. Selbst die kirchlichen Hilfswerke leben zu bedeutenden Teilen von Spenden der öffentlichen Hand. Kirchensteuern und staatliche Beiträge fliessen vor allem in den Betrieb der Kirchen, der fürstlich ausgestattet ist mit vielen Stellen, welche das allseits hochgejubelte «Heer von Freiwilligen» - vor allem von Frauen - verwalten.

Im Kanton Graubünden gehören über 79 Prozent der Bevölkerung einer der Landeskirchen an, im Kanton Zürich über 60 Prozent. Möglich also, dass es die Kirchen 2014 nochmals knapp schaffen werden, ihre Pfründe zu verteidigen, aber bereits in 10 Jahren dürften angesichts der zunehmenden Kirchenferne der jungen Menschen die Mehrheiten ändern, dann wird auch teures Marketing nicht mehr helfen.

(Reta Caspar/news.ch)

Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Andreas Kyriacou Am 9. Februar könnt Ihr nicht nur - ... mehr lesen
Unternehmenssteuern für Kirchen: Absurdes Konstrukt, das in Graubünden vors Volk kommt.
80 Prozent der Nidwaldner Bevölkerung gehören einer Landeskirche an.
Stans - In Nidwalden soll die Kirchensteuer für Unternehmen nicht aufgehoben werden. Der Landrat hat am Mittwoch eine Initiative der Jungen SVP und Jungen FDP mit 50 zu 5 Stimmen ... mehr lesen
Andreas Kyriacou Wer braucht schon Schulen oder eine ... mehr lesen
Gnadenloser Rotstift: Kranke, Schüler, Behinderte - nur nicht Pfarrer fallen ihm zum Opfer.
Weitere Artikel im Zusammenhang
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Händeschütteln: Zum Schutz von sich selbst und anderer diese Tradition aufgeben?
Händeschütteln: Zum Schutz von sich selbst ...
Kein Zusammenprall der Zivilisationen sondern der Fundamentalisten ist es, wenn ein von Pubertierenden verweigerter Handshake hierzulande zur Staatsaffäre wird. mehr lesen 
Secondos haben vor ein paar Jahren vorgeschlagen, die Schweizerfahne durch die Tricolore der Helvetischen Republik zu ersetzen. Das ging selbst fortschrittlichen Politikerinnen zu weit. Warum? Symbole haben sich in der Geschichte immer wieder verändert - weil sich die Lebensrealität verändert hat. mehr lesen  
Die Politologin Gina Gustavsson von der Universität Uppsala hat die Argumentationen im Karikaturenstreit analysiert. Sie stellt fest, dass in dieser Debatte den religionskritischen Äusserungen vorschnell ein aufklärerischer Liberalismus unterstellt wurden. mehr lesen  
Die Vorkommnisse in der Silvesternacht in Köln und in anderen Städten geben einer besonderen Sorte von Zeitgenossinnen und -genossen Auftrieb: Frauenbeschützern, die einheimische ... mehr lesen  
Sexuelle Belästigung: «Frauen sollten sich deshalb niemals der Illusion hingeben, gleichzeitig beschützt und frei zu sein.»
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
Auch Secondhandmode bietet sich als tolle Alternative zu neuer Kleidung an.
Shopping Warum Slow Fashion jetzt voll im Trend liegt Nachhaltige Mode: Auf den ersten Blick scheint es sich hier um einen Widerspruch zu handeln. Denn was ist verschwenderischer, als mehrmals jährlich die ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Mi Do
Zürich 9°C 12°C trüb und nassleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig anhaltender Regen trüb und nass
Basel 10°C 13°C trüb und nassleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig anhaltender Regen wechselnd bewölkt, Regen
St. Gallen 8°C 10°C trüb und nassleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig anhaltender Regen wechselnd bewölkt, Regen
Bern 9°C 12°C trüb und nassleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig anhaltender Regen wechselnd bewölkt, Regen
Luzern 9°C 12°C trüb und nassleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wechselnd bewölkt, Regen
Genf 10°C 14°C trüb und nassleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig anhaltender Regen trüb und nass
Lugano 12°C 21°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt wolkig, aber kaum Regen
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten