Meisterdramaturg mit politischem Gewissen
publiziert: Donnerstag, 25. Dez 2008 / 17:19 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 25. Dez 2008 / 23:08 Uhr

London - Harold Pinter hat sein Publikum jahrzehntelang unterhalten, herausgefordert und verstört. Als sein Stück «Die Geburtstagsfeier» 1958 in London uraufgeführt wurde, waren die wenigen Zuschauer in dem kleinen Theater entrüstet.

Politisch engagiert und unbequem: Harold Pinter
Politisch engagiert und unbequem: Harold Pinter
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Seitdem begleiteten den Autor unzähliger Dramen, Gedichte, Hörspiele und Drehbücher Lob und Kritik. Das war auch nicht anders, als er 2005 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

Für einige Kritiker war es eine «Beleidigung der Weltliteratur», andere hielten es für «eine richtig gute Entscheidung». Am Heiligabend starb Harold Pinter im Alter von 78 Jahren an seinem Krebsleiden.

Prägender Einfluss

Unumstritten ist Pinters prägender Einfluss auf das moderne Theater. Weltruhm erlangte er Anfang der 60er Jahre mit «Der Hausmeister». In den folgenden drei Jahrzehnten verfasste er 29 Bühnenstücke und 24 Drehbücher, die unter anderem bei Hollywood- Grössen wie Elia Kazan auf Interesse stiessen.

Pinter wuchs im proletarischen Londoner East End als Sohn eines jüdischen Schneiders auf. Sein Weg von den Schauspieler-Lehrjahren in einer Wandertruppe bis zum erfolgreichen Autor mit Society-Gattin in zweiter Ehe machte ihn zu einer der schillerndsten Figuren seiner Autorengeneration.

Nach der Verleihung des Nobelpreises erlebten Pinters Stücke vor allem in Grossbritannien eine Renaissance. Dabei stiessen vor allem seine frühen Werke ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung auf grosse Resonanz bei Publikum und Kritikern.

Trotz fortgeschrittener schwerer Krankheit stand Pinter 2006 selbst noch einmal auf der Bühne. Der damals 76-Jährige spielte, im Rollstuhl sitzend, in Samuel Becketts monologischem Einakter «Das letzte Band» einen Greis, der beim Anhören alter Tonbänder vergangenen, besseren Zeiten nachsinnt. Alle neun Aufführungen im Royal Court Theatre waren ausverkauft.

Politisch engagiert

Erfolg und gesellschaftliches Ansehen stiegen Pinter nie zu Kopf. Stattdessen wandelte er sich im fortgeschrittenen Alter zum politisch engagierten Zeitgenossen. 1985 reiste er mit dem amerikanischen Dramatiker Arthur Miller in die Türkei und führte Gespräche mit verfolgten Autoren.

Er protestierte gegen die NATO-Bombardierung Serbiens ebenso wie für die Rechte der Kurden. Eine Sammlung von Anti-Kriegsgedichten mit dem Titel «War» entstand 2003 als Reaktion auf den Irak-Krieg. George Bush und den früheren britischen Premierminister Tony Blair bezeichnete er in aller Öffentlichkeit als Kriegsverbrecher. Die Erhebung in den Adelsstand lehnte er ab.

Pinter erklärte, dass ihn die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in seiner Jugend zum Theater geführt habe. Seine Bühnenstücke spielen im geschlossenen Raum, Dialoge sind unvorhersehbar und werden durch rätselhaftes Schweigen und durch Pausen unterbrochen.

Aus seinem Namen entstand im Laufe der Jahre ein Adjektiv. Als «pinteresk» gelten die sparsamen Dialoge, die eine gewisse Atmosphäre entstehen lassen und dem Zuschauer ein Gefühl des leichten Unbehagens bereiten.

«Meister des Ungesagten»

In britischen Medien wird er oft als «Meister des Ungesagten» bezeichnet. Seine Stücke sind längst zur Schullektüre geworden.

Pinter sorgte bereits vor seinem Tod dafür, dass sein Vermächtnis in die richtigen Hände gelangt. 2007 verkaufte er sein Archiv für umgerechnet 2,6 Millionen Franken an die Britische Nationalbibliothek.

Rund 150 Kisten mit Manuskripten, persönlichen Briefen, Programmheften und Fotos gingen an die British Library, eine Sammlung von «unschätzbarem Wert», schwärmte ein Sprecher damals.

(Ute Dickerscheid/dpa)

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