Sicherheitskontrollen an US-Flughäfen
Mission «Gaffen und Grapschen»
publiziert: Freitag, 26. Nov 2010 / 13:20 Uhr / aktualisiert: Freitag, 26. Nov 2010 / 13:39 Uhr
Können Anschläge nur verhindert werden, wenn Fluggäste zukünftig mit Nacktscannern kontrolliert werden?
Können Anschläge nur verhindert werden, wenn Fluggäste zukünftig mit Nacktscannern kontrolliert werden?

In den USA dringt eine uniformierte Macht in die Privatsphäre der Bürger ein. Ihre Mission ist inzwischen unter dem Namen «Gaffen und Grapschen» verschrien.

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«Sie wollen Aufnahmen von uns machen und uns an die Wäsche gehen», sagte der republikanische Kongressabgeordnete Ron Paul. «Wenn wir das tolerieren, dann stimmt mit uns etwas nicht.»

«Sie», das ist die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde TSA. Sie ordnete eine Verschärfung der Sicherheitskontrollen an den Flughäfen an, nachdem ein mutmasslicher Terrorist versucht hatte, ein Flugzeug zum Absturz zu bringen. Er hatte eine Bombe in seiner Unterwäsche versteckt.

Zusätzlich zu den Sicherheitskontrollen an den Flughäfen, die für die Passagiere inzwischen zur Routine geworden sind, stehen neuerdings an vielen Flughäfen auch Ganzkörperscanner bereit – und die gewähren tiefe Einblicke.

Nacktscanner oder Leibesvisitation

Wer sich weigert, einen Nacktscanner zu betreten, darf seine Kleidung zwar anbehalten, muss sich aber einer erschreckend peniblen Leibesvisitation unterziehen. Daher stammt auch der Name «Gaffen und Grapschen».

Die Verkehrssicherheitsbehörde veröffentlichte keine genaueren Details über das Vorgehen bei der Ganzkörperuntersuchung. So viel ist klar: Die Sicherheitskräfte, getrennt nach Geschlecht, berühren mit ihren Händen das Gesäss sowie den Brust- und Genitalbereich.

Natürlich erregt diese Form der Kontrolle Aufmerksamkeit. Vielfliegern mögen ähnliche Prozeduren vielleicht aus anderen Ländern bekannt sein. In den USA wurden sie jedoch erst vor einem Monat ohne ausführliche Erklärung oder Öffentlichkeitsarbeit eingeführt.

Einer gewissen Ironie kann man sich nicht verwehren: Das gleiche Land, das international einen Kampf gegen den Terrorismus begonnen hat, der zahllose Opfer forderte, protestiert nun wegen ein paar unangenehmer Momente am Flughafen.

Einige Passagiere finden das Ganze jedoch gar nicht zum Spassen: jene, die sich beschweren, dass Mitarbeiter der TSA ihre neuen Anweisungen auf unterschiedliche und manchmal auch ungeschickte Art und Weise ausführen.

Fluggast Erin Chase verglich ihr Martyrium mit sexueller Belästigung durch eine Mitarbeiterin der Flugsicherheitsbehörde, die «an meinen Beinen hochfuhr, über die Innenseiten der Oberschenkel, bis zu meinem Genitalbereich.» Der Krebspatient Tom Sawyer gab an, dass durch die Untersuchung seine externe Ersatzblase geplatzt sei. Vor dem Flug hatte er keine Zeit mehr, seine Kleidung zu wechseln.

«Als der Sicherheitsbeamte fertig war, hatte ich einen Urinfleck von der Grösse eines Tennisballs auf meiner Hose. Urin tropfte mir in die Unterhose und das Bein entlang.» Die Horrorgeschichten sind zahlreich und werden nur noch von den Geschichten des Widerstands getoppt, die sich ebenfalls in Windeseile verbreiten.

«Geh mir nicht an die Wäsche»

Die Warnung eines Fluggasts an einen Sicherheitsbeamten «Geh mir nicht an die Wäsche» wurde zu einem landesweiten Protestslogan, der in Liedern, unzähligen Comedy- Programmen und auf T-Shirts verewigt wurde.

Eine andere Passagierin, die über Los Angeles flog, trug nur einen Mantel und darunter einen Bikini. Sie wollte keine Leibesvisitation und dachte, sie könne so Zeit sparen.

Selbst Präsident Barack Obama wurde in die Diskussion hineingezogen, als er gerade unterwegs nach Portugal war. «Es ist einer der frustrierendsten Aspekte im Kampf gegen den Terrorismus: Es wurde ein ganzer Sicherheitsapparat geschaffen, der uns allen grosse Unannehmlichkeiten bereitet», erklärte Obama. «Aber die Verkehrssicherheitsbehörde TSA in gemeinsamer Beratung mit den Experten der Terrorismusbekämpfung haben mir zu verstehen gegeben, dass diese Sicherheitsmassnahmen im Moment die einzigen seien, die als effektiv eingestuft würden.»

Wegen des Thanksgiving-Festes erwartet man in dieser Woche, einer der verkehrsreichsten des ganzen Jahres, 24 Millionen Passagiere an den Flughäfen.

Doch trotz angekündigter Massenproteste blieb die Lage ruhig

Laut einer Umfrage von USA Today und dem Gallup-Institut sind die meisten Reisenden bereit, für die Terrorbekämpfung einen Teil ihrer Privatsphäre aufzugeben. Allerdings hängt viel davon ab, wie die Durchsuchung vonstatten geht.

Eine klare Mehrheit von 57 Prozent stört der Einsatz von Nacktscannern nicht. Doch die gleiche Zahl der Befragten gibt an, dass die Aussicht auf eine Leibesvisitation sie störe oder verärgere. Um den inzwischen zeitlos gewordenen Spruch zu zitieren: «Geh mir nicht an die Wäsche».

Kongressabgeordnete der Republikaner drohen damit, die Sicherheitskontrollen für ungesetzlich erklären zu lassen. Die amerikanische Bürgerrechtsunion ACLU sammelt Beschwerden von Reisenden und leitet sie an die Regierung weiter. Doch die Flughäfen im ganzen Land wimmeln immer noch von Menschen. Die Reisenden dort scheinen so zielstrebig und auch so verdrossen wie immer – ganz egal aus welchem der vielen Gründe, die das Fliegen im 21. Jahrhundert so beschwerlich machen.

Keiner scheint die zwangsverordnete Flughafen-Intimität zu mögen, aber angesichts der Terrorgefahr sind die meisten Leute wohl bereit, sie zu ertragen.

Jonathan Mann - POLITICAL MANN
Dieser Text stammt von Jonathan Mann, Moderator und Journalist bei CNN International. Er moderiert das wöchentliche Politmagazin «Political Mann» auf CNN International. Der Text steht in der Schweiz exklusiv für news.ch zur Verfügung.

(Kolumne von Jonathan Mann/CNN-News)

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