Neuer Deal oder Tor zum Chaos?

publiziert: Montag, 17. Okt 2005 / 09:42 Uhr

Bagdad - Sprichwörtlich bis zur letzten Minute wurde gefeilscht, gestritten, nachgebessert. Über welche Verfassung die Iraker am Samstag eigentlich abgestimmt haben, ist offen.

Iyad Allawi wird als Hoffnungsträger ins Spiel gebracht. Kann er die gemässigten Kräfte bündeln?
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Als Millionen Iraker ihr Kreuz in das Ja- oder Nein-Kästchen unter der Frage «Stimmen Sie dem Verfassungsentwurf für den Irak zu?» setzten, konnte ihnen nicht vollständig klar sein, welchem Entwurf sie da ihren Segen erteilten oder verwehrten.

Die letzten Pinselstriche kamen so spät, dass sie in die Broschüren mit dem Text keinen Eingang mehr fanden. Im erbitterten Ringen zwischen Schiiten, Kurden und Sunniten ging es um nicht weniger als die Frage: Wie viel Irak darf es sein?

Kurden für lose Föderation

Die Kurden, ein Volk mit einer eigenen nationalen Charakteristik, das sich mental längst aus dem arabischen Irak verabschiedet hat, plädierten für eine lose Föderation.

Die Schiiten, die wie die Kurden unter der brutalen Herrschaft des sunnitischen Diktators Saddam Hussein gelitten hatten, zogen im unter Zeitdruck stehenden Prozess der Verfassungsausarbeitung nach: Auch sie reklamieren das Recht auf Selbstständigkeit, bis hin zur Verfügung über die Erdölressourcen.

Sunniten erst zuletzt gefragt

Die Sunniten, in deren Landesteilen keine Bodenschätze lagern, waren alarmiert. Bei den Verfassungsverhandlungen waren sie anfangs von Schiiten und Kurden übergangen worden. Am Ende sprach man, nicht zuletzt auf Druck der US-Botschaft und der UNO-Mission, umso intensiver mit ihnen.

Das wichtigste Zugeständnis: Alles ist wieder offen. Die Verfassung kann geändert, ihr föderaler Charakter eingeschränkt werden. Zumindest theoretisch.

Verfassungsausschuss im Dezember

Denn nach den Parlamentswahlen am 15.Dezember, an denen sich die Sunniten - anders als im Januar bei der Wahl eines Übergangsparlaments - beteiligen werden, soll ein neuer Verfassungsausschuss gebildet werden, um Änderungsvorschläge auszuarbeiten.

Ob sich dabei die sunnitischen Wünsche nach einem Mehr an irakischem Zentralstaat durchsetzen werden, bleibt wegen des schiitisch-kurdischen Widerstands gegen eine starke Machtkonzentration in Bagdad fraglich.

«Es ist zumindest eine Chance», sagte ein westlicher Diplomat in Bagdad. Unter den Diplomaten sieht man einen hohen Grad von Autonomie für die Regionen mit Skepsis. Zwischen sunnitischen und schiitischen Arabern gibt es keine wirklichen Gegensätze. Doch Fanatiker auf allen Seiten schüren sie.

Fanatiker gewinnen Einfluss

Die El-Kaida-Terroristen, die der extremen sunnitisch-salafistischen Ideologie anhängen, greifen gezielt schiitische Pilger und Moscheen an. Und schiitische Milizen setzen im Südirak Verhaltens- und Bekleidungsnormen durch wie im Gottesstaat Iran.

Schon hört man von Familien, die aus Quartieren mit einer anderen Konfessionsmehrheit wegziehen - eine Entwicklung, wie sie auch am Beginn des blutigen Zerfalls des alten Jugoslawiens gestanden hatte.

Hoffnungsträger Allawi?

Viele hoffen deshalb auf ein Comeback von Ijad Allawi. Der weltliche Schiit, der von Juni 2004 bis Mai 2005 Chef der US-eingesetzten Übergangsregierung war, hatte bei den Wahlen im Januar schwach abgeschnitten. Im Dezember könnte er jedoch die Stimmen der gemässigten Kräfte aller Lager auf sich ziehen.

Viel hängt aber auch davon ab, ob die anderen politischen Blöcke Zurückhaltung üben. In ihrer Hand liegt es, ob der Irak einen Neuen Deal bekommt oder gänzlich in blutiges Chaos absinkt.

(Gregor Mayer/dpa)

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