Niederlage nach heroischem Kampf
Roger Federer hat die Krönung einer weiteren herausragenden Saison um Haaresbreite verpasst.
Roger Federer bewies im 85. und letzten Match einer langen Saison einmal mehr aufs Eindrücklichste, aus welchem Holz er geschnitzt ist - auch wenn ihm das Happy End diesmal versagt blieb. Der Schlusssatz der gehaltvollen Partie, die das Turnier für sämtliche Absagen zahlreicher Topspieler entschädigte, war an Dramatik nicht mehr zu überbieten. Nalbandian führte gegen den physisch zu diesem Zeitpunkt deutlich geschwächten Federer nach zehn hintereinander gewonnenen Games 4:0, 30:0, ehe der Weltranglisten-Erste noch Reserven frei machen konnte.
Frenetisch angefeuert vom Publikum, startete Federer eine grossartige Aufholjagd und führte bei eigenem Aufschlag 6:5, 30:0, ehe dem Argentinier noch einmal die Wende gelang. Nach einer verschlagenen Vorhand Federers liess sich Nalbandian rückwärts zu Boden fallen und durfte nach 4:33 Stunden nicht nur den sechsten Erfolg im zehnten Vergleich mit Federer, sondern vor allem den grössten Erfolg seiner Karriere feiern.
Federer, der im Eröffnungsspiel des Turniers gegen Nalbandian nach einem 1:3-Rückstand im Entscheidungssatz noch gewonnen hatte, gratulierte dem ersten Masters-Gewinner aus Argentinien seit 31 Jahren (Guillermo Vilas in Melbourne): «Er kam nach einem Zwei-Satz-Rückstand zurück und hat den Sieg verdient.»
Viel Energie verloren
Dem Schweizer wurde im Nachhinein zum Verhängnis, dass er in den ersten zwei Sätzen enorm viel Energie verbraucht hatte. Nalbandian, der in den letzten beiden Matches gegen Ivan Ljubicic und Nikolai Dawidenko nur gerade neun Games abgegeben hatte, spielte mit enormer Länge, viel Druck, starkem Ballgefühl (zahlreiche Stoppbälle) und grosser Präzision und zwang den Schweizer zu enormer Laufarbeit. Nalbandian war schon dem Gewinn des zweiten Satzes sehr nahe; bei 5:3 im Tiebreak wurde seine Vorhand, die auf der Linie war, fälschlicherweise out gegeben. Federer entschied dann die «Kurzentscheidung» nach drei abgewehrten Satzbällen mit seinem vierten Satzball 13:11 für sich.
Federer verpasste es, als dritter Spieler nach Ivan Lendl und Ilie Nastase das Saison-Finale dreimal in Serie zu gewinnen. Knapp 40 Tage nach seinem im Training erlittenen Bänderriss präsentierte er sich jedoch während der gesamten Woche schon wieder in guter Form, obwohl er nicht sein optimales Rendement erreichte. Federers Enttäuschung war nicht übermässig gross: «Ich bin viel näher an den Turniersieg gekommen, als ich je gedacht hätte. Ich kann kaum glauben, dass ich im fünften Satz noch einmal zurückgekommen bin. Schade, dass ich dann den Match nicht beenden konnte.»
Ende der Erfolgsserien
Für Federer endete die längste persönliche Erfolgsserie nach 35 Matches; letztmals hatte er im Halbfinal des French Open gegen Rafael Nadal verloren. Nach der Niederlage in Schanghai konnte er auch John McEnroes sensationelle Marke von 82:3 Siegen aus dem Jahr 1984 nicht egalisieren. Mit 81:4 hat er aber immer noch ein schier unglaubliches Jahr hinter sich.
Etwas schmerzen wird Federer auch, dass eine andere beeindruckende Serie zu Ende ging. Federer hatte nach seiner Niederlage am 13. Juli 2003 in Gstaad gegen Jiri Novak die letzten 24 Endspiele allesamt gewonnen und damit den Rekord von John McEnroe und Björn Borg (je 12) pulverisiert. «Klar, diese Serie schmerzt mehr. Aber ich wusste, dass ich mit dem Antreten hier die Rekorde riskiere.»
Sensationelles Jahr
Wenn er aber das Jahr in den Ferien Revue passieren lässt, überwiegen die positiven Dinge einmal mehr bei Weitem. Es war kaum zu erwarten, dass er die Bilanz des Jahres 2004 (74:6) noch einmal übertreffen würde. Zudem hat er mit elf Titeln die Anzahl Turniersiege auf 33 erhöht, hat zwei weitere Grand-Slam-Events (Wimbledon-Hattrick und das 2. Titel beim US Open) sowie vier Masters-Series-Trophäen geholt und ist als erst fünfter Spieler während des gesamten Kalenderjahres die Nummer 1 der Weltrangliste.
«Brillen-»Premiere im Halbfinal
Aufgrund der Ereignisse vom Sonntag geriet rasch in Vergessenheit, was sich am Samstag zugetragen hatte. Federer hatte den Final mit einem 6:0, 6:0-Blitzsieg in nur 50 Minuten gegen Gaston Gaudio erreicht. Das war eine doppelte Premiere. Noch nie in der 35-jährigen Geschichte des Masters hatte es eine «doppelte Null» gegeben. Federer selber hatte dieses Resultat als Profi auch noch nie geschafft. Die letzte «Brille» hatte er 1998 in der Interclub-Meisterschaft dem Argentinier Luis Lobo in Winterthur verpasst.
Nalbandian wie Mauresmo
Eine Woche nach Amélie Mauresmo feierte auch der zweite grosse «Underperformer» seinen ersten ganz grossen Triumph. Nalbandian ist zwar schon lange in den Top 10, hatte aber bislang nur drei Turniersiege gefeiert und keinen auf oberster Stufe. Sein bislang grösster Erfolg war das Erreichen des Wimbledon-Finals 2002.
(gg/Si)





