Nomadengene vs. Vernunft
publiziert: Donnerstag, 30. Aug 2007 / 12:03 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 30. Aug 2007 / 12:20 Uhr

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Wenn man die jüngsten Desaster aufzählt die durch die Natur entstanden, oder im Zusammenhang mit ihr stehen, könnte es einem Angst und Bange werden: Überschwemmungen in der Schweiz, in England, Deutschland und den USA. Dürre und Brände in Griechenland und Südosteuropa ebenso wie in Australien. Hurricanes in der Karibik. Schlammvulkane in Südostasien. Und der Herbst, in dem die meisten Stürme und Unwetter stattfinden, hat noch gar nicht begonnen.

Ist die Welt nun wirklich gefährlicher geworden, ja, schlägt die Natur womöglich sogar zurück, wie einige Endzeitpropheten warnen? Liegt es einfach daran, dass wir an Orten wohnen, wo man früher gar nie hingezogen wäre und darum die Konsequenzen tragen müssen? Oder bilden wir uns das alles nur ein?

Natürlich lässt sich nicht bestreiten, dass durch die immer grösseren Siedlungsflächen vielfach auch Orte bebaut werden, auf die eigentlich nicht mal eine Imbisshütte gestellt werden dürfte. Doch nicht immer ist dort die Schuld zu suchen. Auf einmal werden auch Orte zerstört, die während Jahrzehnten kaum Probleme mit Hochwasser gehabt haben.

Mitunter heisst es sogar, dass seit Menschengedenken keine solche Flut geherrscht habe. Doch ist das ein Massstab, den wir heutzutage noch verwenden können und dürfen? Müssten wir uns nicht viel eher auf Erkenntnisse stützen, die uns auch auf Gefahren hinweisen, die jenseits unserer Alltagswahrnehmung liegen, aber, wenn sie eintreffen, um so verheerender sind?

Ein Beispiel dafür sind der Vesuv und die Metropole Neapel, die zu Füssen dieses äusserst aktiven Vulkans liegt. Vulkanologen sind sich sicher, dass ein verheerender Ausbruch unmittelbar bevor steht. Wobei unter Geologen 'unmittelbar' alles von einem Monat bis einem Jahrhundert sein kann. Würde der Grossraum Neapel also umgesiedelt, könnte es durchaus sein, dass erst die Enkelkinder dankbar für die Zwangsevakuation wären. Von jenen, die dort leben, nehmen nur die wenigsten die Gefahr war: Die letzte gigantische Eruption des Vesuv liegt zwei Jahrtausende zurück – ein Zeithorizont, der weit jenseits dessen liegt, was ein Mensch auf seiner emotionalen Ebene, die Handeln auslöst, verarbeiten kann.

Die kurzzeitigen, erfassbaren Vorteile scheinen ungleich grösser zu sein. Fruchtbarer Boden, gutes Wetter, die Möglichkeit, zu leben und sich fortzupflanzen. Genau wie in Neapel gilt auch in den meisten anderen riskanten Orten ein solches Kalkül.

Sind nun also Neapolitaner und andere Hochrisiko-Siedler einfach blöd oder lässt sich dieses Missachten der Risiken auf eine andere Art und Weise begreifen? Eine Erklärung liegt womöglich in unserer Stammesgeschichte verborgen. Menschen lebten für die allermeiste Zeit ihrer Entwicklung nomadisch – die Fähigkeit, langfristig sichere Siedlungsplätze zu finden, war gar nicht von Bedeutung. Es war vor allem entscheidend, zur rechten Zeit dort hinzuziehen, wo es gerade Nahrung gab. Wenn der Berg kam, war man meist schon weg oder noch nicht da.

Die paar von Naturkatastrophen Erwischten, waren Streuverluste, die in einer allgemein feindlichen Umwelt nicht stärker auffielen. Wurde ein regelmässig benutztes Camp vernichtet, entschied vor allem die Fähigkeit, eine Alternative zu finden, über das Überleben.

Unsere Denkstrategien haben sich seit jener fernen Urzeit fast nicht geändert. Unsere Lebensweise hingegen extrem. Mit der Sesshaftigkeit setzen wir alles auf eine Karte, was eine lebensfreundliche Umwelt angeht. Dies setzt aber voraus, dass scheinbar abstrakte Gefahren, die das eigene Leben womöglich gar nicht betreffen, weil diese Ereignisse erst in Jahrzehnten eintreffen können, behandeln, als seien es akute Ereignisse. Seien dies nun Vulkanausbrüche, die Klimaerwärmung oder potentielle Überschwemmungen.

Kurz gesagt: Unser Denken wäre durchaus in der Lage, mit einer gefährlichen Welt umzugehen, wenn wir unser Verhalten in den letzten 7000 Jahren nicht so radikal geändert hätten.

Die Fähigkeit, nicht nur langfristig zu denken sondern auch entsprechend zu handeln, wird immer wichtiger und sie könnte dereinst entscheidend sein, wenn es um das Überleben des Menschen geht. Fragt sich nur, ob sich die Vernunft gegen unsere Nomadengene dereinst wird durchsetzen können.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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