Kleines CO2-Budget

Politischer Zündstoff im IPCC-Klimabericht

publiziert: Donnerstag, 3. Okt 2013 / 13:47 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 3. Okt 2013 / 14:41 Uhr

Letzten Freitag wurde der neue UN-Klimabericht vorgestellt. Es ist interessant, die Berichterstattung dazu zu beobachten. Das Bild sei vervollständigt, die Tendenz bestätigt, die Erwärmung klar, ja der Einfluss des Menschen erwiesen, so die meisten Reaktionen. Aus meiner Sicht greift das zu kurz.

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Im Zuge der medialen Berichterstattung zum Klimabericht des IPCC war der höhere Meeresspiegel-Anstieg in der Zukunft der wohl häufigste Titel in den Zeitungen. Dass der Anstieg höher sein würde als im letzten Sachstandsbericht, war keine Überraschung. Denn der neue Bericht berücksichtigt im Gegensatz zu früher auch die schmelzenden Eisschilder. Die schwache Erderwärmung während der letzten 15 Jahre war ebenfalls prominent vertreten in den Medien. Dies obwohl die IPCC-Zusammenfassung für Entscheidungsträger ausdrücklich sagt, dass auf Grund von natürlichen Schwankungen die kurzfristigen Trends die langfristigen Klimaveränderungen nicht reflektieren.

Die entscheidende Schlagzeile

Nur wenige Medien haben den entscheidenden Punkt prominent aufgegriffen: die zulässigen CO₂-Emissionen für das international akzeptierte Zwei-Grad-Ziel. Die letzte Figur in der Zusammenfassung für Entscheidungsträger (siehe Grafik) zeigt einen erstaunlich einfachen Zusammenhang: die globale Temperatur ist proportional zu den totalen CO₂-Emissionen seit vorindustrieller Zeit. Das bedeutet, dass jedes Temperaturziel einer maximalen Menge CO₂ entspricht, die wir ausstossen können. Je mehr wir heute ausstossen, desto weniger dürfen wir später. Um das Zwei-Grad-Ziel mit mindestens 66 Prozent Wahrscheinlichkeit zu erreichen, haben wir ein Budget von 1000 Milliarden Tonnen Kohlenstoff (1000 GtC). Das vernachlässigt allerdings andere Faktoren wie Methan (CH4) und Lachgas (N₂O), die unter anderem aus der Landwirtschaft kommen. Wollen wir auch in Zukunft Landwirtschaft betreiben und stossen entsprechend weiter Methan und Lachgas aus, dann reduziert sich das Budget auf rund 800 GtC. Dies ist das wirkliche Budget. Fast 550 GtC davon haben wir schon ausgestossen, also zwei Drittel. Mit heutigen Emissionen (10 GtC pro Jahr) reichen die verbleibenden 250 GtC noch rund 25 Jahre. Wie das verbleibende Drittel unter den Ländern und über die Zeit verteilt werden soll, kann und darf der Weltklimarat nicht beurteilen. Das ist eine Frage, die alle Länder beantworten müssen. Offensichtlich ist, dass wir überhaupt nicht auf dem Weg zum Zwei-Grad-Ziel sind.

Verantwortung für die Zukunft

Aus dem CO₂-Budget lässt sich auch einfach ein Argument der historischen und zukünftigen Verantwortung konstruieren: jedes Land ist verantwortlich für den Klimawandel gemäss seinen totalen CO₂-Emissionen seit vorindustrieller Zeit. Und damit ist klar, es geht um viel Geld.

Die Regierungsvertreter in Stockholm hatten die Brisanz dieser Aussage sehr wohl begriffen. Einige Schwellenländer versuchten mit allen Mitteln die Aussagen abzuschwächen und Zahlen zu entfernen. Der Vorwand: zu kompliziert, nicht relevant oder wissenschaftlich nicht haltbar sei der lineare Zusammenhang zwischen Emissionen und Temperatur. Tatsächlich hätten sie den expliziten Zusammenhang lieber nicht gesehen. Erst nach stundenlangen Verhandlungen akzeptierten die Länder letzten Freitag um fünf Uhr früh, dass ihre Klimapolitik die Fakten der Wissenschaft nicht ändern konnte.

Mein Fazit

Die wichtigste Schlussfolgerung, die ich aus dem IPCC-Bericht ziehe, ist die folgende: jede Tonne CO₂ verursacht etwa die gleiche Klimaänderung, egal wann und wo sie ausgestossen wird. Das verbleibende CO₂-Budget für das Zwei-Grad-Ziel ist klein. Wir sind nicht auf Kurs, und mit jedem Jahr Untätigkeit wird es schwieriger, zurück auf Zielkurs zu kommen.

Auch das haben wir vorher schon gehört, aber nun steht es zum ersten Mal explizit in einem IPCC-Bericht. Ob das etwas an der Politik ändern wird, ist unklar, und nicht an mir zu beurteilen. Sicher ist, dass die Länderdelegationen in Stockholm im Gegensatz zu den meisten Medien die Brisanz dieser Aussagen sehr wohl verstanden haben. Ich bin gespannt, was sie mit diesen Informationen machen werden.

(Prof. Reto Knutti/ETH-Zukunftsblog)

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