Querschnitte der Seele

publiziert: Sonntag, 7. Mai 2006 / 23:03 Uhr

New York - An keinem anderen Ort der Welt soll es so viele Psychiater geben wie in New York.

Bild aus der Ausstellung im Museum of the City of New York.
Bild aus der Ausstellung im Museum of the City of New York.
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Da liegt es nahe, dass die Metropole den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, zum 150. Geburtstag gleich mit zwei ungewöhnlichen Ausstellungen ehrt.

Amerika hatte immer schon eine Schwäche für Freud. Als sich seine Gefolgschaft noch auf einige versprengte Häufchen in Wien, Zürich und Berlin beschränkte, erhielt er 1909 bereits eine Einladung in die Neue Welt, um dort einen Ehrendoktor in Empfang zu nehmen.

«Amerika ist ein Fehler»

Leider beruhte die Wertschätzung nicht auf Gegenseitigkeit. Während seines US-Besuchs war der distanzierte Herr Doktor entsetzt darüber, dass ihm jedermann zur Begrüssung auf die Schulter schlug und «Hi, Doc!» zu ihm sagte. Während eines Grillabends in der freien Natur sprach man sich gar mit Vornamen an.

Auch ärgerte sich der Zigarrenfreund über die schon damals verbreiteten Rauchverbote, die er allerdings geflissentlich ignorierte. Vom amerikanischen Essen bekam er chronischen Durchfall.

Zurück in Old Europe, bemerkte er hochmütig: «Amerika ist ein Fehler.» Sehr viel später war es vor allem der Druck der US-Regierung, der dazu führte, dass die Nazis den jüdischen «Seelenzergliederer» aus dem besetzten Wien ins Londoner Exil abreisen liessen.

Dem Aal ins Genital geblickt

Im Freud-Jahr hat die New York Academy of Medicine nun erstmals 40 Abbildungen aus seiner eigenen Hand zusammengetragen. Es handelt sich um Zeichnungen, Skizzen, Diagramme und Schaubilder, mit denen Freud von 1876 bis 1933 seine wissenschaftliche Arbeit ergänzte.

«Dies ist ein Freud, wie man ihn bisher nicht kennt», sagt die Kuratorin Miriam Mandelbaum. Ihre Kollegin Lynn Gamwell ergänzt: «Einstein hat einmal gesagt, dass er grundsätzlich in Bildern dachte, wenn er über die Wissenschaft nachgrübelte, und genau das scheint auch bei Freud der Fall gewesen zu sein.»

Es beginnt damit, wie er als junger Arzt nach männlichen Flussaalen sucht und dafür Hunderte von Versuchstieren zerschneidet. Dies sei die einzige Möglichkeit, ihr Geschlecht herauszufinden, «da Aale nun mal keine Tagebücher führen», schrieb er einem Freund und skizzierte dazu einen Aal mit mildem Lächeln.

Ernst und Scherz

Normalerweise sind die Bilder zwischen seiner schwer zu entziffernden Handschrift aus Altdeutsch und Sütterlin jedoch streng wissenschaftlich.

Nach und nach löst er sich von der neurologischen Arbeit am Mikroskop und beginnt mit dem Aufbau seines eigenen Gedankengebäudes. Am Ende stehen wahre Querschnitte der Seele mit «Ich», «Es» und «Über-Ich»: Schaubilder des verborgenen Kampfes zwischen mächtigen Trieben und anerzogenen Schutzmechanismen.

Wem anschliessend nach leichterer Kost ist, der sehe sich im benachbarten Museum of the City of New York 75 Karikaturen zur Psychoanalyse aus dem «New Yorker» an. Die frühesten erschienen noch zu Freuds Lebzeiten, und zusammengenommen machen sie deutlich, wie sehr gerade die Parodie des bärtigen Griesgrams mit Zigarre und Couch das Bild von der Psychoanalyse geprägt hat.

Notiz:
«Sigmund Freud's Drawings and Diagrams of the Mind. From Neurology to Psychoanalysis» in der New York Academy of Medicine. Vom 11. Mai bis zum 26. August. Geöffnet montags bis freitags von 09.00 bis 17.00 Uhr. Eintritt frei. (Internet: www.nyam.org) «On the Couch: Cartoons from The New Yorker» im Museum of the City of New York. Bis 23. Juli. Geöffnet dienstags bis sonntags von 10.00 bis 17.00 Uhr. Eintritt 9 Dollar. (Internet: www.mcny.org)

(Von Christoph Driessen, dpa/sda)

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