Roger Köppel und die «Verunglimpfungskampagne»

publiziert: Samstag, 12. Dez 2009 / 10:00 Uhr / aktualisiert: Samstag, 12. Dez 2009 / 16:17 Uhr

Roger Köppel, Roger Schawinski, Alice Schwarzer: Hochkarätige Gäste sorgten gestern in der «Arena» für wenig heisse Luft in der Islam-Debatte. Hat sich die Diskussion schon totgelaufen oder hat sie gerade erst begonnen? Neben der Minarett-Abstimmung kamen die Themen Kopftuch und Ausschaffungsinitiative aufs Tapet.

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Es wurde nicht die erhoffte hitzige Debatte um das Verhältnis der Schweiz zum Islam. Während sich «Weltwoche»-Herausgeber Roger Köppel und Publizist Roger Schawinski zunächst gegenseitig vorwarfen, was sie wann, wie gesagt hatten, versuchte sich «Emma»-Herausgeberin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer in der Mittlerinnen-Rolle - mit dem Effekt, dass Moderator Reto Brennwald alle Händevoll zu tun hatte, von ihr nicht an die Wand geredet zu werden.

Doch bis auf die resolute Deutsche blieb die Diskussion doch eher blass, mit wenig neuen Argumenten und einem «zahnlosen» Roger Schawinski, der bestenfalls als Köppels Sparringspartner herhalten durfte.

«Angst vor Schriftgläubigen»

Die Einreisesperre für den Islam-Prediger Pierre Vogel begrüssten alle drei Kontrahenten einheitlich. Aber über die Beurteilung der Abstimmung geriet man sich dann doch in die Haare.

Schwarzer sagte: «Ich habe Angst vor schriftgläubigen Menschen, und die gibt es in jeder Religion.» Sie hätte zwar nicht für das Minarett-Verbot gestimmt, könne die Ängste dahinter aber nachvollziehen und würde diese auch ernst nehmen. Die 57 Prozent der Schweizer, die dafür gestimmt hätten, seien nicht «islamophob».

Für SP-Nationalrat Hans Widmer fiel die Abstimmung in eine durch Finanzkrise und Terrorismus verunsicherte Zeit - die Politik habe zudem die Brisanz der Debatte unterschätzt. Schwarzer sprach von einer auch in Deutschland weit verbreiteten «falschen Toleranz», die es Extremisten möglich machte, Terroranschläge leichter zu planen und die Justiz gegenüber islamisch motivierten Verbrechen zu sehr zu sensibilisieren.

Roger gegen Roger

Roger Köppel nannte die Debatte im Vorfeld zur Anti-Minarett-Abstimmung eine «Verunglimpfungskampagne», die, angeführt von Roger Schawinski, alle jene in die «Schmuddelecke» stellte, die sich dafür aussprachen. Es seien keine Emotionen geschürt, sondern im Gegenteil, die Angst vor dem Stimmvolk zelebriert worden. Das sei eben Demokratie, so der Chefredaktor der «Weltwoche». Man könne eine Abstimmung nicht nachträglich infrage stellen und von Menschenrechtsverletzungen wolle er auch nichts wissen.

Dagegen wehrte sich Schawinski mit den Worten, dass Herr Köppel Probleme habe, tolerant gegenüber anderen Meinungen zu sein. Es blieb aber bei diesen zarten Äusserungen des Radio-1-Besitzers Schawinski, die den Eindruck erweckten, er sei irgendwie farblos und traue sich nicht, richtig anzugreifen.

Keinen «Sittenwächterstaat»

Zum Thema Kopftuch machte die FDP-Regierungsrätin Karin Keller-Suter darauf aufmerksam, dass die Schweiz nun nicht jedes kleine Verbot in der Verfassung regeln könne, man wolle keinen «Sittenwächterstaat», «der Staat könne nicht alle Probleme lösen».

Schwarzer sprach sich für ein Verbot von Kopftüchern in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Ämtern aus. Während Roger Schawinski dem zustimmte, sprach sich Roger Köppel wiederum dagegen aus: Man könne nicht jedem in die Kleiderordnung dareinreden, sagte er.

Und was sagt der Koran?

Roger Köppel forderte die Muslime ausserdem auf, sich gegen ihre extremistischen Glaubensgenossen zu wehren und sich von bestimmten Passagen aus dem Koran zu distanzieren. Er würde aus der protestantischen Kirche austreten, falls die Gläubigen anfangen würden, Bomben zu bauen. Damit warf Köppel alle Muslime von Paris bis Jakarta in einen Topf. Das sei rückwärtsgewandt, entgegnete ihm Schawinski.

Alice Schwarzer glättete die entstandenen Wogen und freute sich, Roger Köppel und Roger Schawinski mal alleine in einer Sendung zu erleben. Insgesamt war aber nicht sonderlich viel Neues zu hören. Bisweilen fragte man sich, wo hier eigentlich die Gegensätze zu Tage treten sollen. Es fehlte an einem wirklichen Kontrahenten zu Roger Köppels Fürsprache für die Anti-Minarett-Initiative. Was kein gutes Zeugnis für Roger Schawinski ist.

«Wer hats erfunden?»

Denn selbst Herr Schawinski könne mittlerweile etwas mit dem Feminismus anfangen und Herr Köppel würde nachts bestimmt auch für sein Kind aufstehen, erklärte Alice Schwarzer und brachte damit die beiden Alpha-Medientiere nicht nur zum Lachen, sondern verwischte damit auch ein bisschen die Kampflinie am gestrigen Abend.

Und der Schlusspunkt des Abends zeigt einmal mehr, dass entweder die Falschen im Studio zu Gast waren oder dass es nichts mehr Substanzielles zur Debatte zu sagen gibt. Ein Redner in der zweiten Reihe fragte, wer denn die Minarett-Initiative erfunden habe. Moderator Brennwald antwortete spontan: «dä Roge Schawinski natürlich». Die Anspielung auf Victor Giacobbos Nachahmer des grossen Schweizer Medienpioniers löste im Publikum schallendes Gelächter aus.

Auch das Satiremagazin «Extra 3» des deutschen Senders NDR hatte kürzlich für Lacher im Internet und für Ärger bei Ricola gesorgt. Denn in dem satirischen Beitrag wird ein Rechtsextremist höflich darauf hingewiesen, wer das Minarett-Verbot erfunden hat: Die Schweizer.

Wo bleiben die Muslime?

Was aber noch mehr auffällt, als die Aufwärmung altbekannter Argumente, ist die Abwesenheit derer, die es eigentlich betrifft. Bis auf eine Schweizerin bosnischer Herkunft, die betonte, freiwillig das Kopftuch zu tragen, äusserte sich niemand von der muslimischen Seite.

(Tino Richter/news.ch)

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