Saddams Waffenarsenale: US-Soldaten sind ratlos
publiziert: Montag, 28. Apr 2003 / 13:20 Uhr

Bagdad - Blindgänger und vom irakischen Militär zurückgelassene Raketen fordern in der irakischen Bevölkerung immer mehr Todesopfer. Fast erscheint es so, als ob Saddams Waffenarsenale mehr Widerstand leisten als seine Armeen. Der tragische Tod vieler Zivilisten hat aber auch mit fehlender Kommunikation zwischen den Militärs und der Bevölkerung zu tun.

"Das ist meine jüngste Enkelin, das einzige Kind, das überlebt hat", schreit die schwarz verschleierte Grossmutter verzweifelt und hält den Säugling in die Höhe.

Ihre Schwiegertochter und die übrigen Enkelkinder starben, als am Samstagmorgen eine Rakete aus einem nahe gelegenen Munitionsdepot in ihr Haus in Safranija bei Bagdad einschlug. Das in Stofftücher eingewickelte Baby lag zum Zeitpunkt der Explosion alleine im Garten.

Die Verwandten und Nachbarn der Opfer sind zornig. Sie wollen nicht glauben, dass irakische Saboteure das von US-Soldaten bewachte Depot beschossen und dadurch die Munition in Brand und die Raketen zum Abschuss gebracht haben.

Angst und Verzweiflung

Sie schreien, doch keiner wagt es, die Amerikaner, die gekommen sind, um ihnen bei der Suche in den Trümmern zu helfen, direkt anzugreifen. "Da hinten ist auch eine Rakete eingeschlagen", ruft ein bärtiger Schiit, "vier Raketen, die nicht explodiert sind, liegen hier noch im Viertel".

US-Major Frank McLeary sieht sich vor eine unerfüllbare Aufgabe gestellt. "Ja, wir wussten, dass dieses Depot neben dem Wohnviertel kein guter Ort war, um Raketen zu lagern", sagt er, "deshalb wollten wir sie später auch woanders hin transportieren".

Gefahr für Zivilisten nach Kriegsende

Die US-Soldaten bekommen die Waffenarsenale von Saddam Hussein und die Überreste ihrer eigenen Bombardierung kurzfristig nicht in den Griff. Die US-Armee wird es nach eigenen Angaben in absehbarer Zeit nicht schaffen, alle noch nicht explodierten Bomben, Granaten und Raketen, die in Strassengräben und Wohnvierteln liegen, zu räumen und zu vernichten.

Für die irakischen Zivilisten in Bagdad ist die Gefahr auch nach dem Ende der massiven Gefechte noch nicht gebannt. Zwei Kilometer vom Unglücksort in Safranija entfernt haben amerikanische Soldaten "UXO" ("unexploded ordnance") auf zwei Brückenpfeiler gesprüht.

Doch nur wenige Iraker wissen, dass dies die englische Abkürzung für nicht explodierte Kampfmittel ist und kein spielendes Kind lässt sich davon abschrecken.

Hier unter der Brücke war vor drei Wochen noch eine Stellung der irakischen Armee. Bei ihrer Flucht liessen die Soldaten ihre restliche Munition zurück.

Keine Zeit für Aufräumarbeiten

Täglich kommen Iraker zu den US-Soldaten und bitten sie, Militärgerät und Munition aus ihren Wohnvierteln zu entfernen. Doch die Amerikaner kommen einfach nicht nach. "Die Iraker hatten jede Menge Waffen, das können wir so schnell nicht schaffen", sagt McLeary.

Dabei sind sich die Amerikaner der Gefahr, die von der nicht explodierten Munition ausgeht, durchaus bewusst. "Wir markieren die Mörsergranaten hier, aber fragen sie mich bitte nicht, wann wir sie abholen können, denn das kann noch eine Weile dauern", erklärt ein Soldat im El-Durra-Viertel und zuckt mit den Schultern.

(Anne-Beatrice Clasmann/dpa)

 
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