Serben zeigen keine Reue

publiziert: Donnerstag, 16. Jun 2005 / 13:26 Uhr

Belgrad - Das vor zwei Wochen am UNO-Tribunal vorgeführte Video, das die brutale Ermordung von Muslimen aus Srebrenica durch eine serbische Einheit zeigt, sollte in der Republik Serbien das grosse Umdenken auslösen.

Ort des Grauens: Srebrenica in Bosnien.
Ort des Grauens: Srebrenica in Bosnien.
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Die geschockte Öffentlichkeit werde sich nach zehn Jahren endlich der schrecklichen Kriegsverbrechen serbischer Militärs und Paramilitärs stellen, so die Hoffnung. Doch die zerstrittenen Parteien im serbischen Parlament konnten sich in dieser Woche nicht auf die Verurteilung aller Kriegsverbrechen einigen.

Im Gegenteil: Viele Politiker redeten die serbischen Gräueltaten während der Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien (1991-1999) klein und stellten die Serben als die eigentlichen Opfer hin.

Das Kriegsgeschehen sei durch Verbrechen an Serben durch Muslime, Kroaten und Albaner ausgelöst worden, erklärte der extreme Nationalist Tomislav Nikolic von den Radikalen (SRS), immerhin Chef der grössten Partei im Lande.

Es sei eine "Tatsache, dass die Serben in dieser Region seit Beginn des letzten Jahrhunderts in grösster Zahl umgekommen sind", behauptete Milos Aligrudic von der Partei des nationalkonservativen Regierungschefs Vojislav Kostunica.

Die Reaktion auf die Kriegsverbrechen hat sich offenbar nicht geändert. Die Serben zeigen keine Reue über die Taten der Vergangenheit.

Dazu passt, dass jeder zweite Serbe nach Umfragen in diesem Monat Parteien aus dem Regime des als Kriegsverbrecher angeklagten früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic wählen würde.

Verteidigungsstrategie der Nationalisten

Es sei doch verständlich, dass diese Parteien die Vergangenheitsbewältigung torpedierten, gibt der Abgeordnete Zarko Korac zu bedenken. Denn "deren Politik hat zu Srebrenica geführt". In dieser ostbosnischen Stadt waren im Juli 1995 bis zu 8000 muslimische Männer und Jungen von Serben ermordet worden.

"Das Verbrechen von Srebrenica kann man nicht mit Verbrechen an den Serben rechtfertigen", gibt Svetozar Marovic als Staatschef von Serbien-Montenegro zu Bedenken. Doch genau das ist die "Verteidigungsstrategie" der serbischen Nationalisten: "Alle Nationen haben Kriegsverbrechen begangen."

"Eingeschläfertes Gewissen"

Der Belgrader Soziologe Ratko Bozovic spricht von einem "eingeschläferten Gewissen". Zehn Jahre sei die serbische Öffentlichkeit "vor der Wahrheit davongelaufen". Das komme einem "moralischen Selbstmord" gleich. Denn "verschwiegene Verbrechen sind nur die Einleitung zu neuen Gräueltaten".

In den letzten Tagen haben wieder Ausreden und Rechtfertigungsversuche Konjunktur. Das grösste Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 in Srebrenica sei nur Propaganda. Bei den Serben hätten nur Einzelne, die ausser Kontrolle geraten seien, gelegentlich Verbrechen verübt.

Die Fahne gesegnet

Der orthodoxe Abt Gavrilo, der auf dem im UNO-Tribunal gezeigten Mordvideo die berüchtigte serbische Einheit "Skorpione" segnet, trug am Mittwoch folgende "Erklärung" vor: "Ich habe die Fahne und nicht das Verbrechen gesegnet." Doch auf dem Film konnte jedermann hören, wie er die Serben angetrieben hatte: "Gott gib, dass die Soldaten das feindliche Volk besiegen", betete er dort.

(Thomas Brey/dpa)

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