Streit um Exhumierung Lorcas in Spanien

publiziert: Mittwoch, 15. Okt 2003 / 12:51 Uhr

Madrid - Fast 70 Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Federico García Lorca, Spaniens berühmtestem und bis heute meistübersetztem zeitgenössischen Dichter und Dramatiker ist ein Streit über seine letzte Ruhestätte entbrannt.

Federico García Lorca wurde 1936 von Schergen  des Diktators Franco brutal ermordet.
Federico García Lorca wurde 1936 von Schergen des Diktators Franco brutal ermordet.
Einen Monat nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs liessen die Faschisten am 19. August 1936 in der Schlucht von Víznar bei Granada vier Gefangene hinrichten.

Gegen einen der Männer gingen die Schergen des späteren Diktators Francisco Franco mit besonderer Brutalität vor: Als er bereits mit zerschmettertem Schädel und von mehreren Schüssen durchsiebt tot in dem Massengrab lag, bespuckten und beschimpften sie ihn als "schwulen Roten". Es war Federico García Lorca. Er war gerade 38 Jahre alt.

"Gebt ihm Kaffee"

"Es ist untragbar, dass er weiter wie ein Hund dort begraben liegt", meint der Schriftsteller Manuel Vicent. Anlass der Kontroverse ist, dass die Hinterbliebenen der drei anderen Exekutierten - ein Lehrer und zwei Stierkämpfer, die als Anarchisten bekannt waren - das Grab öffnen lassen wollen.

Die Initiative geht von der "Vereinigung zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung" (ARMH) aus, die seit einigen Jahren dafür kämpft, die rund 35 000 Opfer auszugraben, die seit dem Bürgerkrieg (1936-1939) immer noch in namenlosen Massengräbern liegen.

Die meisten von ihnen waren Linke. So wie García Lorca, der den Faschisten als Republikaner, Homosexueller und "Volksdichter" verhasst war. "Er hat mit seiner Feder mehr Schaden angerichtet als andere mit einer Pistole", sagten die Militärs damals über den Autor und Weggefährten von Künstlern wie dem Maler Salvador Dalí oder dem Regisseur Luis Buñuel.

Seine "Zigeuner-Romanzen" und Theaterstücke wie "Bernarda Albas Haus" oder "Bluthochzeit" machten ihn weltberühmt. "Gebt ihm Kaffee, viel, Kaffee", lautete der verschlüsselte Erschiessungsbefehl von General Gonzalo Queipo de Llano, der später als Nationalheld gefeiert wurde.

Entweihung durch Weihe

Doch García Lorcas Erben wollen von einer Exhumierung nichts wissen. Sie befürchten eine "Entweihung" der Grabstelle, die nahe der andalusischen Ortschaft Alfacar mit einem schlichten Steinquader markiert ist. "Brunnen der Tränen" nannten die Araber die Gegend. "Das ist ein heiliger Ort", meint die Enkelin des Dichters, Laura García Lorca.

Sie ist zudem überzeugt, dass dort sofort Reihenhäuser gebaut werden würden, sollte ihr Grossvater umgebettet werden. "Es gibt Orte, die erst durch ihre Nacktheit bewusst machen, was dort geschehen ist", erklärten auch die sechs Neffen des Poeten.

Sie glauben, dass García Lorcas Schicksal in Vergessenheit geraten würde, wenn er wie andere grosse Künstler irgendwo in einem prächtigen Mausoleum verschwände. Ausserdem würde eine Exhumierung nichts zur Vergangenheitsbewältigung in Spanien beitragen, meinen sie.

Genehmigung für Umbettung erteilt

Ganz anders sieht das der renommierte Hispanist und Lorca-Biograf Ian Gibson. "Er gehört der Menschheit, nicht seiner Familie. Er ist ein Märtyrer, der sein Leben für Spanien und seine Ideale gab." Eine würdevolle Bestattung wäre zudem eine moralische Wiedergutmachung, sagt er.

Auch der Bürgermeister Alfacars, der Sozialist Juan Caballero, ist dafür. Nur so könne man einen Schlussstrich unter ein Kapitel der spanischen Geschichte ziehen, das nach Meinung vieler Historiker nie aufgearbeitet wurde.

Die sozialistische Regionalregierung Andalusiens hat die Öffnung des Massengrabes inzwischen genehmigt. Damit geraten die Erben García Lorcas unter Druck. Denn kaum jemand kann sich vorstellen, dass zwar der Lehrer und die beiden Stierkämpfer exhumiert werden, der grosse Dichter aber weiterhin verscharrt bleibt.

(Jörg Vogelsänger/dpa)

 
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